Nicht dran denken

Nicht dran denken

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der große Sprung

Schon blöd, wenn beim gewagten Sprung von der Bühne – in Fachkreisen Stage Diving genannt – die Menge respektvoll Platz macht und der wagemutige Held unsanft auf dem Boden der Tatsachen landet. Spätestens in diesem Moment erkennt der Punkrocker Stefano (Valerio Mastandrea) schmerzhaft, dass er eigentlich zu alt geworden ist für das Leben, das er führt. Zumal auch sonst nichts wirklich zusammenläuft in seinem Leben: Der Schwung der Jugend ist dahin, die Freundin nimmt es mit der Treue nicht so genau und die Fertigstellung der neuen CD seiner Band gerät zur Katastrophe. Dass ausgerechnet ihn, den Berufsjugendlichen die Midlife Crisis so früh ereilt, wirft Stefano aus der Bahn. Und so sucht er sein Heil in der Flucht nach Rimini, wo seine Familie lebt.
Dort allerdings findet Stefano nicht den Ort der Ruhe und familiären Fürsorge vor, auf den er gehofft hatte, um seine Wunden zu lecken: Seitdem Papa (Teco Celio) und Mama (Gisella Burinato) die Verantwortung für die eigene Kirschkonserven-Fabrik in die Hände von Stefanos Bruder Alberto (Giuseppe Battiston) gelegt haben, gehen die Eltern ihre eigenen Wege und golfen oder besuchen schamanistische Seminare. Währenddessen ist Stefano nicht der einzige der Sprösslinge, dessen Leben nicht den erwünschten Verlauf nimmt: Schwesterchen Sara hat das Studium geschmissen und kümmert sich seitdem um Delphine, während Alberto, von seiner Scheidung sichtlich mitgenommen, die Firma nicht mehr im Griff hat und langsam in den Ruin treibt. Und als sich Alberto mitten im Rosenkrieg in das Callgirl Nadine (Caterina Murino) verliebt, würde der Haussegen wohl in jeder „normalen“ Familie endgültig schief hängen. Doch da niemand gerne über die eigenen Probleme redet, wird alles unter den Teppich gekehrt, was Stefano zunehmend fassungslos macht. All sein Insistieren hilft nichts: Um die drohende Katastrophe abzuwenden, die der chaotischen Familie droht, muss ausgerechnet er, das schwarze Schaf der Sippe, eingreifen. Doch über die Unterstützung seiner strauchelnden Angehörigen findet Stefano schließlich doch noch zu sich selbst.

Dass der Familienverbund in Italien noch eine andere, wesentlich wichtigere Rolle spielt als hierzulande, gehört nun nicht gerade zu den neuen Erkenntnissen. Doch auch zwischen Mailand und Sizilien sind die familiären Strukturen in Auflösung begriffen und bieten angesichts der zunehmenden Individualisierung und Entsoldiarisierung nicht mehr den Schutz, wie man das gewohnt ist. Trotz aller Schwierigkeiten aber denkt Gianni Zanasi nicht im Traum daran, Stefanos Familie trotz aller offensichtlichen Fehler zu demontieren. Voller Sympathie, ironischem Humor und Mitgefühl lässt Zanasi hier in beinahe autarken Episoden verschiedene Lebensentwürfe und Arten der Lebensweise aufeinanderprallen, dass es nur so kracht und Funken schlägt: Hier der urbane und progressive Nonkonformist, der sein Leben nicht mehr auf die Reihe bekommt, dort die konservativ-spießigen Kleinstädter mit ihren bürgerlichen Konzepten, bei denen sich ebenfalls kein Glück oder nur Zufriedenheit einstellen will. Dabei ist es zunehmend egal, welchen Weg man wählt: Wer lebt, der macht auch Fehler. Entscheidend ist nur, dass man daraus lernt und von Menschen umgeben ist, die einen heben und tragen.

Zum Schluss wird Stefano den Sprung von der Bühne noch einmal wagen; mit ungewissem Ausgang – vielleicht ein Fehler, doch er kann einfach nicht anders. Ob das Leben eine Bauchlandung ist oder am Ende dann doch gut ausgeht, weiß nur derjenige, der nach jedem Sturz wieder aufsteht und es noch einmal probiert. Diese sympathische und in Italien mehrfach ausgezeichnete Tragikomödie jedenfalls lässt kaum einen Zweifel daran, dass das Leben ein fortwährender Sprung ins kalte Wasser und ein Wagnis ist – aber was für eines.

Nicht dran denken

Schon blöd, wenn beim gewagten Sprung von der Bühne – in Fachkreisen Stage Diving genannt – die Menge respektvoll Platz macht und der wagemutige Held unsanft auf dem Boden der Tatsachen landet.
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Meinungen
lenchen · 17.09.2008

ist ein sehr lustiger film, eine realistische familien story!

taminae · 24.08.2008

Ein Juwel!

Ich habe den Film zufällig in einer Sneak Preview gesehen und bin total begeistert. - Zugegeben: zuerst dachte ich, ohjeh, ein italienischer Film, was mag das wohl ... >>
Ich habe den Film zufällig in einer Sneak Preview gesehen und bin total begeistert. - Zugegeben: zuerst dachte ich, ohjeh, ein italienischer Film, was mag das wohl bedeuten... Aber es war einer der besten Filme die ich je gesehen habe. Ich habe von Anfang bis Ende gelacht, fast geweint und mich in keiner Minute gelangweilt, da der Film einem wunderbaren Takt folgt, skurille Ideen und keine Längen hat. Besonders hervorheben möchte ich noch die liebevollen Darstellungen der einzelnen Figuren. Wie in einem guten Theaterstück ist jeder Charakter greifbar und lebendig. - Das einzige was mich traurig stimmt ist, dass der Film nur in so wenigen Kinos läuft und nicht beworben wird. - Es gibt so viele aufgeblasene Filme, die 3 Gags enthalten von denen man 2 schon aus der Vorschau kennt, die aber eine Menge Zuschauer haben. - Also: geht doch bitte in diesen Film und verhelft ihm zu der Ehre, die ihm gebührt! Ich kann dies mit gutem Gewissen empfehlen!: 0)

· 18.08.2008

Herrlich-schöne Familienstory, so echt aus dem Leben...

Jan · 06.08.2008

In der Sneak gesehen und nach 40 Minuten gegangen!!!Furchtbar langweilig!!!

Kommentare

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