Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft (2018)

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Mamoru Hosodas neuer Anime ist eine fantastische Reise zwischen kindlicher Vorstellungskraft und kraftvoller Familiengeschichte.

Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft (2018)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Im kleinen Garten ein Universum

 Japanische Animationsfilme, die es bis in die deutschen Kinos schaffen, spielen gern mit der Fantasie. Mal entwerfen sie von Fabelwesen oder Maschinenträumen durchzogene Gegenwelten wie die großen Werke Hayao Miyazakis oder Satoshi Kons, mal reisen die Protagonisten durch die Zeit und via Körpertausch auch durch den Raum wie im Kassenschlager Your Name. Selbst in vermeintlich realen Settings, etwa im Angesicht des Weltkriegs, flüchten sich die Figuren nicht selten in ihre Vorstellungskraft. In seinem neuen Animationswunder lässt Mamoru Hosoda Zeit, Raum und (Familien-)Geschichte ineinanderfließen. 

Hosodas Film hätte auch den Namen seines kleinen Protagonisten Kun im Titel tragen können. Immerhin schildert der 1967 geborene Regisseur seine Handlung durch die Augen und stets auf Augenhöhe des vierjährigen Jungen. Gleich zu Beginn drücken wir uns mit ihm die Nase am Fenster platt. Kuns Atem beschlägt die Scheibe. Pure Langeweile bis zur sehnsüchtig erwarteten Rückkehr der Eltern. Die kommen aus dem Krankenhaus und haben die noch namenlose Schwester im Gepäck. Der eisenbahnbegeisterte Bruder möchte die Kleine am liebsten nach berühmten japanischen Zügen benennen. Gelächter, dann ist es mit der Harmonie vorbei. Kuns Neugier schlägt alsbald in Eifersucht um.

Während Mama und Papa nur noch Augen für die Neugeborene haben, schmollt Kun im beschaulichen Innengarten des Hauses. Unter dem dort gepflanzten Familienbaum geht die Fantasie mit ihm durch, erwachsen aus den paar Quadratmetern ganze Universen. Kun trifft seinen Hund Yukko, der ihm in Menschengestalt als Prinz des Hauses eine Lektion über Eifersucht erteilt. (Lange bevor Kun auf die Welt kam, war Yukko der Liebling der Eltern.) Er begegnet dem zukünftigen Ich seiner Schwester, seiner Mutter als kleines Mädchen und seinem Urgroßvater als jungem Mann. Kleine, wundervoll animierte Reisen in Vergangenheit und Zukunft, in die Historie seiner Geburtsstadt und in die eigene Familiengeschichte.

Hosoda, der nach einem Kunststudium zunächst als Animator für Fernsehserien anheuerte und schließlich zum Kino wechselte, ist so etwas wie der Familienfilmer des Anime. Ob in der Literaturadaption Das Mädchen, das durch die Zeit sprang (2006), im Zukunftsentwurf Summer Wars (2009) oder in den Coming-of-age-Geschichten Ame & Yuki – Die Wolfskinder (2012) und Der Junge und das Biest (2015) – stets geht es um das Heranwachsen, um den Konflikt zwischen den Generationen, um ungewöhnliche Mutter-Tochter- oder Vater-Sohn-Konstellationen, um traditionelle und neue Familienbilder.

Hosoda ist selbst Vater zweier Kinder und längst abgeklärt. Das merkt man seinem jüngsten Film an. Mirai zeigt unerfahrene Eltern. Diese gehen jedoch viel gelassener mit ihren Unsicherheiten um als in manchem Vorgängerfilm. „Wer hätte gedacht, dass das aus uns wird?“, fragt Kuns Vater dessen Mutter. „Das haben wir unseren Kindern zu verdanken“, entgegnet diese ihrem Mann, der wie sie keinen Namen trägt, weil sich der erst vierjährige Kun die Namen seiner Eltern nicht merken kann. Der Schlüssel ihrer Gelassenheit liegt in einem Wissen um Kontinuität, in einem (Ur-)Vertrauen auf den Fluss der Zeit, ohne dabei fatalistisch zu werden.

Wie die Geschichten, die wir Menschen uns seit Jahrtausenden erzählen, ist bei Hosoda auch das Leben eine Mischung aus Wiederholung und Wandel. Gegenwart und Zukunft sind eine Variation der Vergangenheit. Kuns Mutter, die als Kind ein ebensolcher Trotzkopf wie ihr Sohn gewesen ist, verzweifelt an Kun wie ihre eigene Mutter an ihr. Und doch wiegt sie ihn mit den gleichen Worten in den Schlaf. War Kuns Urgroßvater noch ein sympathischer Draufgänger, ist sein Vater ein schüchterner Schussel, der nach der Geburt seiner Tochter als Architekt von zu Hause aus arbeitet und den Haushalt übernimmt, während die Mutter wieder ins Berufsleben einsteigt. Nicht nur die Bilder, die Übergänge zwischen Realität und Fantasie, auch die Familienmodelle sind im Fluss.

Hosodas Stil ist eine Verschränkung von Reduktion und Detailfülle. Seine flachen Figuren bewegen sich durch Interieurs, in denen selbst auf große Entfernung feinste Nuancen zu erkennen sind. Neben dezent eingestreutem Product Placement für einen schwedischen Autofabrikanten, einen deutschen Waschmaschinenhersteller und den obligatorischen US-Technikgiganten wirbt der Bücherschrank des Vaters beiläufig für die Architektur des Bauhaus oder die der 2016 verstorbenen Zaha Hadid.

Der Beruf des Vaters ist kein Zufall. Familie, das ist auch immer eine Baustelle. Die Vogelperspektive, aus der sich die (nicht vorhandene, aber nachgeahmte) Kamera wiederholt auf das Zuhause senkt, offenbart das schmale Grundstück zwischen den Nachbargebäuden. Auf den ersten Blick lässt die winzige Lücke keinen Raum zur Entfaltung. Doch die terrassenförmige Architektur holt selbst die Natur ins Haus, das Draußen nach drinnen, so wie Kuns Imagination ihm ermöglicht, von drinnen nach draußen zu treten. Eine intelligente Lösung auf engstem Raum. Ein Heim, das Tradition und Moderne zu etwas Neuem vereint. Ein Entwurf, in dem jedes Familienmitglied seinen Platz erst noch finden muss.

„Los, lasst uns zusammen aufbrechen!“, ruft die Mutter am Ende des Films ihren Kindern zu. Sie meint die Fahrt in den Urlaub, Hosoda meint all die Kapitel der Familiengeschichte, die erst noch geschrieben werden müssen. Wem seine Sympathien gelten, macht er bereits im Titel klar. Im Gegensatz zu allen Erwachsenen hat Kuns kleine Schwester einen Namen. Sie heißt Mirai, und Mirai bedeutet Zukunft.

Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft (2018)

Ein Junge entdeckt einen magischen Garten, der es ihm erlaubt, durch die Zeit zu reisen und seinen Verwandten aus verschiedenen Epochen zu begegnen. Begleitet wird er dabei  von seiner jüngeren Schwester, die in der Gegenwart noch gar nicht auf der Welt ist. 

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