Human - Die Menschheit

Human - Die Menschheit

Eine Filmkritik von Falk Straub

Der Welt ein Gesicht geben

Yann Arthus-Bertrand betrachtet die Welt gern aus sicherer Distanz. Auch sein Dokumentarfilm Human – Die Menschheit ist voll betörender Luftaufnahmen. Abseits seines Helikopters hat sich der Fotograf, Regisseur und Umweltaktivist dieses Mal aber ganz nah an sein Objekt begeben: den Menschen.
Dokumentarfilme, die aufgrund ihrer visuellen Wucht zwingend auf die große Leinwand gehören, bilden in der Masse der Kinostarts eine Minderheit. Yann Arthus-Bertrands Werke (Home, Planet Ocean) zählen zweifellos dazu. Bevor er sich recht spät in seiner Karriere den bewegten Bildern zuwandte, reüssierte der 1946 geborene Franzose als Fotograf. Und auch hier widmete er sich bereits dem Zustand der Welt. Seine Wanderausstellung Die Erde von oben war in über 100 Städten zu sehen. Der dazugehörige Bildband verkaufte sich drei Millionen Mal. Für sein Multimediaprojekt 7 Milliarden Andere stellten Arthus-Bertrand und sechs weitere Kameraleute zwischen 2003 und 2007 in 75 Ländern 6000 Menschen jeweils 40 Fragen.

Mit Mammutaufgaben kennt sich der Regisseur folglich aus. Für Human – Die Menschheit haben er und sein Team mehr als 60 Länder bereist und dort 2000 Interviews in 63 Sprachen geführt. Die Fragen über den Sinn und die Herausforderungen des Lebens, über Freiheit, Liebe und Tod waren überall dieselben. Rund eine Stunde redeten die Befragten vor der Kamera, öffneten sich, rangen mit ihren Emotionen, erzählten auch von ganz anderen Dingen. Ihre Antworten ähneln einander und sind doch hochgradig verschieden. Während den einen die Erinnerung an sein erstes Motorrad glücklich macht, findet eine andere ihr Glück in der Familie, wieder andere in einer (warmen) Mahlzeit oder Zugang zu Wasser und Strom.

Als Gliederung der Interviews dienen scheinbar schwerelos dahingleitende Luftaufnahmen. Armand Amar lädt die ästhetisch perfekt durchkomponierten Bilder mit Weltmusik emotional auf. Ob marschierende Armeen, ein heillos überfülltes Spaßbad in China, hüpfende Fans im Dortmunder Westfalenstadion, eine Mülllawine in Afrika oder die tosende See vor der bretonischen Küste – oft sind es Wellenbewegungen, die erhaben über die Leinwand rollen. Von der unberührten Natur bis zum nächtlich erleuchteten New York erzählen Arthus-Bertrand und sein Chefkameramann Bruno Cusa im Verlauf des Films eine kurze, visuelle Geschichte der Evolution und illustrieren damit, worum es auch in den Interviews geht: um menschliche Bedürfnisse, die sich nach Tausenden Jahren Fortschritt nicht verändert haben.

Die wahren Höhepunkte dieses Films liegen dann auch abseits aller Schauwerte. Vor dem immer selben, dunklen Hintergrund adressieren die Interviewpartner direkt das Publikum. Die Einstellungsgröße reicht nur bis zu ihren Schultern. Auf einen Kommentar verzichtet der Film ebenso wie auf eine Nennung von Namen und Orten. Dass sich auch der eine oder andere Prominente darunter tummelt, wird daher nicht jeder erkennen. Dieser Verzicht auf jegliche Einordnung hat Methode. Immer wieder schneidet Arthus-Bertrand während eines Gesprächs auf die stummen Gesichter anderer und verweist damit auf die Universalität des Gesagten. Woher die Soldaten kommen, die über das Töten berichten, auf welchem Kontinent Menschen Homophobie oder (sexueller) Gewalt begegnen, ob ein Afrikaner, ein Europäer oder ein Asiat lächelt oder weint, spielt keine Rolle.

Einem aufgeklärten Publikum mag Human – Die Menschheit keine neuen Erkenntnisse bieten, einem sachlichen zu emotional und pathetisch erscheinen, einem zynischen zu belanglos. In weiten Teilen der Erde, vor allem in jenen, in denen die Befragten zum ersten Mal in ihrem Leben vor einer Kamera standen, dürfte dieser Dokumentarfilm jedoch viel zur Aufklärung beitragen. (Und auch einigen patriotischen Europäern könnte ein Kinobesuch nicht schaden.) Dass sein Film dort auch gesehen wird, verfolgt der Aktivist Arthus-Bertrand mit Nachdruck. Die Vollversammlung der Vereinten Nationen bekam ihn bereits zu Gesicht. Die vom Regisseur 2005 gegründete Stiftung Good Planet zeigt ihn an Schulen rund um den Globus. Und im Internet ist eine erweiterte Fassung verfügbar, deren drei Teile über vier Stunden dauern. Ob Arthus-Bertrand damit etwas verändert, sei dahingestellt. Was Human – Die Menschheit trotz einer Laufzeit von über zwei Stunden definitiv gelingt, ist keine Sekunde zu langweilen und sein Publikum bei aller Emotionalität nicht zu belehren.

Human - Die Menschheit

Yann Arthus-Bertrand betrachtet die Welt gern aus sicherer Distanz. Auch sein Dokumentarfilm "Human – Die Menschheit" ist voll betörender Luftaufnahmen. Abseits seines Helikopters hat sich der Fotograf, Regisseur und Umweltaktivist dieses Mal aber ganz nah an sein Objekt begeben: den Menschen.
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