Greener Grass (2019)

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Die amerikanische Vorstadt ist nicht zum ersten Mal ein filmischer Ort, an dem Paradies und Hölle dicht beieinander liegen. In „Greener Grass“ gilt das vielleicht noch ein wenig mehr. Doch der Hang des Films zur permanenten Übertreibung hat auch seine Schattenseiten.

Greener Grass (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

In der Vorstadthölle

Dass die Hölle die anderen sind, das wusste schon Jean-Paul Sartre und verschwieg dabei geflissentlich, dass dieses „Die Anderen“ ja stets eine Frage der Perspektive ist. Und vor allem ist man ja selbst auch Teil der Gesellschaft, die einen umgibt. In den USA bilden auch im Kino schon seit langem die Vorstädte als Wagenburgen der Mittelschicht einen ganz besonderen gesellschaftlichen Mikrokosmos, an dem sich Regisseur*innen immer wieder abgearbeitet haben — von David Lynch („Blue Velvet“) über Sam Mendes („American Beauty“) bis hin zu Tim Burton („Edward mit den Scherenhänden“), John Waters („Serial Mom“) und Sofia Coppola („The Virgin Suicides“) — von diversen, in Suburbia angesiedelten Horrorfilmen ganz zu schweigen.

Einen Horror der ganz anderen Art haben sich Jocelyn DeBoer und Dawn Luebbe bei ihrem Langfilmdebüt Greener Grass ausgedacht, für den die beiden nicht nur das Drehbuch schrieben und auf dem Regiestuhl Platz nahmen, sondern in dem sie auch noch die beiden Hauptrollen übernahmen. Greener Grass beruht auf einem 14-minütigen Kurzfilm, den die beiden Filmemacherinnen im Jahr 2015 realisierten und ist sozusagen die Langfassung dieses Ursprungswerkes — und leider merkt man das dem Film auch ein wenig an. Das kaum auszurechnende Drehbuch, bei dem sich Kinder durch Stürze in den Swimming Pool auch mal gerne in Hunde verwandeln (wobei dies der Rolle durchaus zum Vorteil gereicht), irrlichtert von Episode zu Episode, die vertrackten Wendungen und irren Sprünge, die sich die Filmemacher*innen herausnehmen, führen nur mühsam zu einem Ende, das diesen Namen auch wirklich verdient. Die neon-pastellfarbene Hölle der Vorstadt, sie lässt kaum ein Entkommen zu, wer sich einmal darin verstrickt hat, der sollte besser jede Hoffnung auf ein Leben abseits der Konformitätsdrucks für alle Zeiten fahren lassen. 

Im Zentrum der völlig weirden Geschichte stehen die beiden Freundinnen Jill (DeBoer) und Lisa (Luebbe), die gemeinsam mit ihren farblich bestens auf sie abgestimmten Ehemännern in einer namenlosen Vorstadt irgendwo in den USA leben, die wie eine Mischung aus Themenpark und Gated Community anmutet. Gleich zu Beginn wechselt ein Baby die „Besitzerin“, weil Lisa sich so entzückt zeigt von Jills kleiner Tochter-  und niemand wundert sich darüber — wenn man mal von Jills Ehemann absieht, der schmollt, weil er vorher nicht gefragt wurde und einer weiteren Freundin, die sauer ist, dass sie das Kind nicht bekam.

Aber natürlich muss stets die Form gewahrt bleiben und so entspinnen sich innerhalb der uramerikansichen Vorzeigegemeinde immer abstrusere und absurdere Verwirrungen und Verwicklungen, die zudem von einem anscheinend wahnsinnigen Mörder noch weiter aufgescheucht werden. Doch angesichts des völlig augenscheinlichen Wahnsinns aller Beteiligten, die in ihrem Anpassungsfuror jeden Irrsinn mitmachen, um nur ja nicht aus der Rolle zu fallen, ist so ein Mord eine fast schon willkommene Abwechslung.

Mit dem Hang zur permanenten Eskalation und zur nächsten Szene, die der vorherigen noch eins draufsetzt, läuft die grelle Farce ein ums andere Mal ins Leere, ergeht sich vor allem in Oberflächenreizen und dringt doch nie wirklich in die wahren Abgründe einer normierten Gesellschaft, die keinerlei Abweichungen duldet, vor. Und genau darin liegt die vertane Chance eines Filmes wie Greener Grass: Auf gelungene Szenen und Sequenzen folgen beinahe zwangsläufig immer wieder Passagen, die von Leerlauf geprägt sind, so dass sich der Film mit der Zeit anfühlt wie eine ermüdende Fahrt im Stop-and-go-Verkehr.

Im Prinzip dem World Building eines Yorgos Lanthimos‘ nicht unähnlich, etablieren die beiden Regisseurinnen eine Welt, die ganz nah an der unsrigen ist und zugleich mittels Affirmation und Hyperbolik wie ein Zerrbild von ihr erscheint. Der American Way of Life gerät zu einer Farce, zu einer postkapitalistischen Dystopie, in der unter den reinen, cleanen und ultraartifiziellen Oberflächen des schönen Seins alle zwischenmenschlichen Werte nur noch reine Behauptung sind — und unter dieser Täuschung liegt das nackte Nichts. 

Wenn eine Mutter ihr Baby der besten Freundin schenkt, weil die „so etwas“ auch gerne hätte, wenn andere Kinder sich durch einen Sprung in den Swimming Pool in Hunde verwandeln und niemand das im Geringsten seltsam findet, wenn Eheleute erst nach einer Weile merken, dass sie mit dem falschen Partner oder der falschen Partnerin nachhause gegangen sind und die im Wesentlichen dadurch augenfällig wird, dass man plötzlich in der Farbe der Bekleidung nicht mehr zueinander passt, dann ist das eine radikale Absage an jegliche Form der Verlässlichkeit innerhalb von zwischenmenschlichen Beziehungen. Leider aber geht genau diese Grundaussage angesichts des permanenten Willens zur nächsten Absurdität und zum weiteren Irrwitz gnadenlos unter und verblasst vor dem knallbunten Feuerwerk oberflächlicher Schau- und Farbwertexplosionen zu einer reinen Petitesse. Und das ist dann doch unterm Strich zu wenig, um wirklich einen nachhaltigen Prozess der Reflektion über das Gesehene in Gang zu setzen.

Greener Grass (2019)

Jill und Lisa leben in ihrer idyllischen Vorstadtgemeinde. Als Jill ihr neugeborenes Baby in einer altruistischen Geste an Lisa verschenkt, wird Jill von einer Paranoia überwältigt, während sich ihre Ängste und Befürchtungen schnell entwirren.

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