All die verdammt perfekten Tage (2020)

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Erwachsenwerden und schwere persönliche Schicksale sind im Teenie-Kino der letzten Jahre scheinbar nur noch gemeinsam zu haben. Mit „All die verdammt perfekten Tage“ reicht es so langsam.

All die verdammt perfekten Tage (2020)

Eine Filmkritik von Lars Dolkemeyer

Jugend als Krankheit

Irgendetwas ist mit dem Teenie-Film in den letzten Jahren passiert. Es ist offenbar schwierig geworden, das Aufwachsen und die erste Liebe von weltschmerzerleidenden Pubertierenden zu erzählen, ohne sie schwere persönliche Krisen durchleben zu lassen, aus denen sie, vom Leben auf die Probe gestellt, dann als Erwachsene hervorgehen können, die mit der Weisheit der Leidgeprüften schwülstige Gemeinplätze von sich geben. Kein Wunder also, dass sich mittlerweile als prätentiöse Alternative zur ‚Teenie-Schmonzette“ der Begriff der ‚Young Adult Romance‘ durchgesetzt hat. Deren Regeln sind spätestens seit „Das Schicksal ist ein mieser Verräter (2014) festgelegt – und kommen nun im zuvielten Aufguss auch in „All die verdammt perfekten Tage“ zu vorhersehbarer Anwendung. Da hilft selbst Elle Fanning nicht.

Violet (Elle Fanning) steht auf der Kante einer Brücke. Es ist der Geburtstag ihrer Schwester, die auf genau dieser Brücke bei einem Autounfall wenige Monate zuvor ums Leben kam. Seither ist es Violet kaum möglich, am sozialen Leben kurz vor dem Schulabschluss teilzunehmen. Von vielen ihrer Freund*innen hat sie sich distanziert und findet kaum noch Freude im Alltag. – Theodore (Justice Smith) joggt gerne nachts, um seine kaum kontrollierbaren emotionalen Ausbrüche im Sport aufzufangen. Er steht kurz davor, von der Schule geworden zu werden, und schafft es nicht, sich aus Ärger herauszuhalten. Auf der Brücke treffen die beiden aufeinander, sie gehen zur selben Schule, haben aber bislang kaum Kontakt. Die zwei Außenseiter können ihre jeweiligen Leiden gegenseitig auffangen – nur wird die erblühende Liebe zwischen ihnen schon bald auf einige schwere Proben gestellt.

Der Film, wie so viele Vertreter seiner Art, gründet seine emotionale Wucht allein auf zwei sich ergänzenden Rettungserzählungen: Theodores stürmische Art hilft Violet dabei, wieder am Leben teilzunehmen und zu lachen. (Hach!) Violets Einfühlsamkeit sieht in Theodore dagegen mehr als nur den Problemschüler und ‚Freak‘. (Aww!) Beide sind schwer gezeichnet von traumatischen Erlebnissen, die sich in den Wirrungen der ersten Liebe allzu leicht vergessen lassen – um dann mit der vollen Wucht warmer Weichzeichner und tragischer Sequenzen wieder zurückzukehren. (Schnief!)

Die trauernde Violet braucht nur einen lebenslustigen Prinzen, der sie aus ihrem Turm befreit, dann lässt sich schnell vergessen, dass ihre Schwester tragisch zu Tode kam und auch ihre Eltern diesen Verlust noch nicht verarbeiten konnten. Gerade die ungezügelte Freude Theodores ist zwar offenbar Ausdruck einer ernsthaften und sehr belastenden Störung seinerseits – ein Glück aber, dass diese für Violet so gelegen kommt. Aufdringlich angeflirtet zu werden hat schließlich noch aus jedem Trauerfall geholfen und dass auf der anderen Seite Theodore ein großes Opfer bringt – um es vorsichtig zu formulieren – scheint der Erzählung seltsam notwendig vorzukommen. Immerhin dient Theodores psychische Situation als Hintergrundfolie für das Erwachsenwerden Violets! Und diese darf dann auch den vielleicht furchtbarsten Film-Monolog des ganzen Genres liefern, in dem sie mit tiefem Ernst vom Licht in der Dunkelheit schwerer Lebensphasen schwadroniert.

Selbst Elle Fannings wie immer glänzender Leistung gelingt es nicht, gegen die Verflachung anzuspielen, die All die verdammt perfekten Tage seinen Figuren antut. Wie in den anderen Filmen dieser Art, zuletzt etwa im ebenso furchtbaren Drei Schritte zu Dir (2019), funktioniert die unangenehme Parallele zwischen den schmerzvollen Sehnsüchten des jugendlichen Verliebtseins und den schmerzvollen Prozessen ernsthafter psychischer oder körperlicher Erkrankungen nur dann, wenn die Figuren in ihrer Selbstgerechtigkeit vollkommen unausstehlich werden.

Es ist höchst problematisch, wenn das notwendige, vollkommen übliche und wohl für jeden Menschen irgendwie nachvollziehbare Gefühl, sich als Teenager in der eigenen Haut nicht recht wohlzufühlen und ein wenig verzweifelt voller Weltschmerz den eigenen Platz in der Gesellschaft zu suchen, plötzlich auf den kategorisch davon verschiedenen Schmerz konkreter, bedrohlicher und potenziell tödlicher Krankheiten projiziert wird. Für diese Krankheiten ist das in keiner Weise fair – aber auch die Irrungen und Wirrungen des Coming of Age, die eben durchaus eine Berechtigung haben, werden darin nicht ernstgenommen. Schlimmer noch: Sie werden durch die Verbindung mit tödlichen Schicksalsschlägen dem Versuch einer eigenartigen und außerordentlich unangenehmen Veredelung unterzogen. Dabei wäre es völlig in Ordnung zu akzeptieren, dass Teenager manchmal ein bisschen selbstgerecht sind und dazu neigen, ihre Wirklichkeit als tragische Angelegenheit von Leben und Tod wahrzunehmen – dazu bräuchte es aber eben keine wirklich tödlichen Angelegenheiten.

All die verdammt perfekten Tage ist genauso ärgerlich wie seine Vorgänger: Weder eine berührende Geschichte über Jugendliche, die schreckliche Ereignissen in ihrem Leben überstehen, noch eine Geschichte über die Ängste und Hoffnungen des Erwachsenwerdens finden darin ihren Platz. Beliebige Dialoge, die sich in ihrer Belanglosigkeit fast mitsprechen lassen, plätschern über ebenso beliebige Bilder. Das Schicksal familiärer Todesfälle und die Einsamkeit psychischer Erkrankung dienen als Vorwand, um zwei selbstgerechten, privilegierten Figuren irgendeine Existenzberechtigung zu verleihen, die ihre Eindimensionalität aus keiner anderen Quelle zu schöpfen weiß – als wäre selbst der größte Hammer noch nicht groß genug, um die Schwelle zum Erwachsensein künstlich mit emotionaler Wucht zu versehen. Es ist jedoch wichtig, die feinen Grenzen verschiedener Arten persönlicher Krisen im Blick zu behalten, um sie ernst nehmen zu können. Für den kalkulierbaren Effekt aufdringlich inszenierter Tränenszenen das Erwachsenwerden und die Krankheit nur mit den Mittel des jeweils anderen zu erzählen, ist in jeder Hinsicht unangebracht.

All die verdammt perfekten Tage (2020)

Die noch vom Tod ihrer Schwester vereinnahmte, introvertierte Violet Markey (Elle Fanning) findet wieder Lust am Leben, als sie den exzentrischen und unberechenbaren Theodore Finch (Justice Smith) kennenlernt.

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Meinungen
Sandra · 12.06.2020

Bei dieser Kritik frage ich mich, ob der Film überhaupt in Gänze angeschaut wurde oder nur Sequenzen daraus, aus Uninteresse nach lesens des Genre.
Selbstgerechte, priviligierte Figuren die daraus alleine eine Existenzberechtigung schöpfen? Missbrauch, psychische Erkrankung, Suizidalität, Depression und Tod eines engen Angehörigen sind und sollten auch keine Grundlage für eine priviligierte Existenz sein - hoffe ich doch zumindest!
Dialoge könnte gefeilter sein, aber darum geht es auch nicht in dem Drama. Es geht um die oben benanneten Themen und wie man es schafft oder schaffen sollte, das Leben zu bejahen bei all den Widirgkeiten die einem das Leben doch geben kann. Und es zeigt dialektisch auf, wie eben auch die tragische Seite aussehen kann und wie wichtig es ist zu sprechen und sich anzuvertrauen. Ein Appell auch an die, die Zuhören dürfen ohne die Menschen zu verurteilen, die Hilfe und Beistand suchen.
Ich bin dankbar für den Film.

Leah · 29.05.2020

So wie ich den Film interpretiere geht es nicht ansatzweise um das Erwachsen werden. Es handelt von einem Teenager (Theodore) der selber große Probleme hat, aber es trotzdem versucht einem Mädchen (Violett) das er kaum kennt wieder den Weg zurück ins Leben zu zeigen. Klar ihre Schwester ist gestorben und das ist tragisch und sie soll so lange trauern dürfen wie sie will, aber sie hat anscheinend seid Monaten nicht mehr mit irgendwem sozialen kontakt aufgenommen.
Meiner Meinung nach handelt der Film nicht vom Erwachsen werden oder den Problemen der Teenager es geht um die Beziehung der beiden. Sie helfen sich dabei für einen Moment Ihre Probleme zu vergessen, glücklich zu sein, das Leben zu genießen. Spoiler: Natürlich statt den tragischen Tod von Theodore am Ende, hätte man den Film ganz anders Aufbauen können, z. B. Die beiden finden zusammen seine Probleme bringen sie auseinander und am Ende sind sie zusammen und es ist alles gut... Langweilig so ist jeder zweite Film. Es mach Spaß die Filme zu schauen, aber die Handlung ist so viel vorhersehbar als die in ALL DIE VERDAMMT PERFEKTEN TAGE.
Klar es gibt Sachen die man kritisieren kann, aber der Film hat in keinem Fall so ein hate verdient wie er hier bekommt. Also ich meine das ist bei langem keine konstruktive Kritik mehr!

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