Vom Westen unberührt

Vom Westen unberührt

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein leise, bildgewaltige Absage an westliche Hegemonie

Einen kargen Film unter Verzicht auf musikalische Begleitung in schwarzweiß in der Wüste zu drehen, kann wohl nur ein versierter Fotograf mit starkem Glauben an die puristische Macht seiner Bilder wagen. Raymond Depardon, französischer Regisseur und berühmter Magnum-Fotograf, ist ein solcher Mann, dessen Aufsehen erregenden, bewegenden und mehrfach ausgezeichneten Werke von weltweit ausgestellten Fotografien über zahlreiche Dokumentar-, Kurz- und Spielfilme bis hin zu über vierzig Buchpublikationen unter anderem über einige der unsäglichsten Regionen der Erde reichen – ein Mann, der mit Vom Westen unberührt / Un homme sans l´Occident die Weiten der Wüste berührt vom Wehen, Winden und Wüten, jedoch nicht von westlichen Wertvorstellungen zeigt.
„Es ist die einfache Geschichte eines Menschen in der Sahara. Es ist die Geschichte von Alifa“, lässt der Vorspann des Films seine Zuschauer wissen, und diese Geschichte ist von der Romanvorlage Sahara, un homme sans l´Occident des französischen Kolonialoffiziers Diego Brosset aus dem Jahre 1922 inspiriert, die sich vor allem durch die Wahrnehmung der Perspektive des Anderen auszeichnet, eines Mannes der Wüste, den das kulturelle und sozialpolitische Konstrukt eines Orients einerseits und andererseits eines Okzidents noch niemals berührte, bevor er auf den Offizier trifft, einen Repräsentanten der repressiven Praxis dieses noch heute etablierten Gebildes. Und diese unberührte Haltung seines Protagonisten Alifa verfolgt auch Raymond Depradon in seinem Film, der zugleich die existentielle Geschichte einer Identitätsfindung im widrigen Lebensraum der Wüste erzählt.

Nur knapp entgeht der Junge Alifa (in unterschiedlichen Lebensphasen gespielt von Ali Hamit, Wodji Ouardougou, Brahim Jiddi, Issa Mauli und Hamat Adoum) dem trockenen Tod in der Wüste, der seinen Vater (Hassan Yoskoï) und seinen Onkel ereilt, mit denen das kleine Kind unterwegs ist. Er wird von Jägern gerettet, in deren Gemeinschaft er aufwächst und sich zu einem talentierten und ehrgeizigen Scout entwickelt, der auf Grund seiner besonderen Lebensgeschichte höchste Ansprüche an seine Persönlichkeit und seine Fähigkeiten stellt. Alifa empfindet als junger Mann die Sehnsucht nach einer ganz eigenen Berufung, deren Herannahen er spürt und deren imaginierter Ruhm ihn antreibt. Eines Tages trifft er völlig unvorbereitet in der Gestalt jenes Offiziers auf die zuvor für ihn nicht existente westliche Welt, und es ist diese Konfrontation, die seine Orientierung und seine Position innerhalb seines bedrohten Lebensraums entscheidend bestimmen wird.

Vom Westen unberührt / Un homme sans l´Occident wurde im Tschad mit lokalen Akteuren gedreht, und neben ihren wenigen Dialogen und dem immer wieder präsenten, eindringlichen Geräusch des Windes, das jegliche Zeitlichkeit versanden lässt, ist es die Stimme eines Erzählers, die das Geschehen kommentiert, auf einer Metaebene den Bezug zum Roman von Brosset herstellt und am Ende dessen Authentizität untersteicht und über den Rahmen des Films hinaus die Einladung an den Zuschauer formuliert, sofern er „ein Mensch von gutem Charakter“ sei, nicht nur der fiktiven Figur während des Films, sondern den tatsächlichen Nomaden der Sahara, die keine hegemonial bestimmten Begegnungen mit der westlichen Sphäre benötigen oder wünschen, kennen zu lernen – ein grandioser Ausstieg, dessen komplexe Dimensionen ein sensibles und eindringliches Plädoyer für die Hinwendung zu einer sich auf persönlicher menschlicher Ebene ereignenden Neuorientierung innerhalb der Starre der verfestigten Orientvorstellungen enthält.

Wie zu erwarten ist, sind es an erster Stelle die wunderbaren und intensiven Bilder, welche nicht selten den Eindruck erwecken, auch unabhängig von der Geschichte zu existieren, die die Faszination und Intensität dieses Films ausmachen, der mitunter andeutungsweise eine semidokumentarische Qualität aufweist. Die Protagonisten bewegen sich bei Zeiten wie Statisten der dominanten, mächtigen Wüste durch das Bild, das sie betreten und verlassen, einer schlichten Metapher über ihre flüchtige Existenz gleich, die sich weigert, die tradierte und ihnen zugewiesene Position der westlichen postkolonialen Interessen anzunehmen. Vom Westen unberührt / Un homme sans l´Occident ist kein Film, der unterhält, sondern den Zuschauer vielmehr in kunstvoller Langsamkeit mit der gewöhnlich so gering repräsentierten Sichtweise des Nomaden berührt und auch nach Ende der Geschichte nicht ohne eine über diese hinausweisende persönliche Ansprache entlässt, die in Zeiten der Popularität so ganz anderer Bilder vom so genannten Orient und seinen Menschen zu einer eingehenden Reflexion derselben einlädt, ohne deren Raum durch die üblichen Polemisierungen zu beschränken.

Vom Westen unberührt

Einen kargen Film unter Verzicht auf musikalische Begleitung in schwarzweiß in der Wüste zu drehen, kann wohl nur ein versierter Fotograf mit starkem Glauben an die puristische Macht seiner Bilder wagen.
  • Trailer
  • Bilder

Kommentare