Reine Geschmacksache

Reine Geschmacksache

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Not eines Handlungsreisenden

Es beginnt wie ein Werbefilm für ein Auto der gehobenen Mittel- bis Oberklasse – eine Stimme preist die Vorzüge des neuen Wagens an, den Wolfgang Zenker (Edgar Selge), ein Vertreter für Damenoberbekleidung sich gerade geleistet hat und über den er sich wie ein Kind freut. Lange währt das Glück aber nicht, denn bei der Präsentation der neuen Kollektion erlebt Zenker eine faustdicke Überraschung: Unter der Regie des Juniorchefs und des smarten, jung-dynamischen Kollegen Brookmüller (Roman Knižka) verabschiedet sich das Unternehmen langsam von der klassischen Zielgruppe – „die elegante Frau ab 40, gerne auch mit Problemzonen“ —  und baut stattdessen auf ein jüngeres oder einfach nur modisch mutigeres Publikum – zum Entsetzen Zenkers, der den Sinneswandel argwöhnisch betrachtet. Brookmüller wittert seine Chance und bietet kurzerhand an, die neue, jugendliche Kollektion mit dem klingenden Namen Grazilla auch in Zenkers Gebiet zu vertreten – ein Ansinnen, dem der Brüskierte fatalerweise zustimmt, glaubt er doch mit seiner Einschätzung richtig zu liegen. Und als würde der Zoff in der Firma nicht ausreichen, verliert der DOB-Vertreter just zu Beginn seiner Reisetätigkeit auch noch den Führerschein, so dass kurzerhand Zenkers gerade volljährig gewordener Sohn Karsten (Florian Bartholomäi) ans Steuer muss, um den Vater von Boutique zu Boutique zu kutschieren. Denn andernfalls stehen der Job und das Auskommen der Familie auf dem Spiel. Da kümmert es wenig, dass der Filius eigentlich gerade verreisen wollte.
Zähneknirschend fügt sich Karsten dem väterlichen Druck und tingelt sichtlich angenervt mit seinem Vater durch die Niederungen des Textileinzelhandels. Als wären das der Verwicklungen noch nicht genug, erlebt der Junge seine erste Liebe und damit verbunden sein Coming-out – und zwar ausgerechnet mit Brookmüller, dem verhassten Widersacher seines Vaters, der sich zudem noch dazu anschickt, mit der neuen Kollektion alle Rekorde zu schlagen. Klar, dass sich das negativ auf die finanzielle Lage der Zenkers auswirkt. Und als schließlich Wolfgangs Frau Erika (Franziska Walser) hinter das wahre Ausmaß der Misere kommt, sieht sie sich genötigt, das Haus zu verlassen, um endlich ein Zeichen gegen das Gebaren ihres Haustyrannen zu setzen…

Reine Geschmacksache ist eine durchweg amüsante Provinzkomödie, die dann und wann zwar über das Ziel hinausschießt und deutlich in Richtung Schenkelklopfer zielt, doch es ist vor allem dem hervorragenden Edgar Selge zu verdanken, dass auch diese Szenen souverän und niemals peinlich wirken. Überhaupt lässt sich in diesem Film wieder einmal bestens beobachten, welch ein feiner Darsteller Selge ist und welch enormes komödiantisches Potenzial der Mann besitzt – es macht einfach großen Spaß, ihm dabei zuzusehen, wie er als durchgeknallter Spießer Amok läuft gegen alles, was nicht in seine Welt passt. Und neben Selge agieren die anderen Darsteller wie der Newcomer Florian Bartholomäi, Franziska Walser und Roman Knižka ebenfalls souverän und umschiffen als Ensemble manche Untiefen und Seichtigkeiten des Scripts.

Hübsch sind auch kleine, liebevolle Details wie etwa die Titelsequenz, in der die Namen der Darsteller und des Stabes als Etiketten und Aufdrucke auf Kleiderbügeln angebracht sind und so auf vergnügliche Weise in die Welt der Damenoberbekleidung einführen. Oder das Nummernschild des Wagens, das mittels der Buchstabenkombination JWD andeutet, dass hier der begrenzte Horizont der deutschen Provinz die passende Kulisse abliefert. Zugegeben – an manchen Stellen merkt man dem Film – wie so oft bei deutschen Debütfilmen – deutlich an, wie sehr die Formatvorgaben der co-produzierenden TV-Sender längst die Stoffe der Filme beeinflussen. Im Falle dieses Filmes aber harmonisiert die daraus resultierende Enge des Blicks bestens mit der genüsslich ausgestellten Provinzialität der Geschichte.

Auf dem Max-Ophüls-Festival 2007 in Saabrücken war Reine Geschmacksache einer der großen Abräumer, der Film von Ingo Rasper erhielt sowohl den Drehbuch- wie auch den Publikumspreis, außerdem wurde Florian Batholomäi als bester Darsteller ausgezeichnet.

Reine Geschmacksache

Es beginnt wie ein Werbefilm für ein Auto der gehobenen Mittel- bis Oberklasse – eine Stimme preist die Vorzüge des neuen Wagens an, den Wolfgang Zenker (Edgar Selge), ein Vertreter für Damenoberbekleidung sich gerade geleistet hat und über den er sich wie ein Kind freut.
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Meinungen
Christopher Dietz · 21.07.2009

Ja, teilweise übers Ziel - war das definiert? - hinausgeschossen, aber für Deutsche Verhältnisse flott und nie langweilig dahergeweht, das Genre Komödie bestens bedient. Traute Höss als Pensions-Schützen-Königin unterspielt sich nach vorne. Ah, auch deutsche Filme dürfen Spass machen!

Gast · 13.08.2007

Wir haben den Film im Open Air gesehen und uns schlapp gelacht - die Geschichte ist irre komisch und doch auch typisch deutsch. Großes Lob für die Vater-Sohn-Geschichte und die Darstellung des ComingOut.

Frank · 11.08.2007

Film war ziemlich witzig. Schöne Dialoge, die Handlung war ziemlich realistisch. Es ist gut, wenn man aus so etwas auch den Witz herausscheinen lassen kann. Selge und Knizka waren beide in Ihren Rollen ziemlich gut. Bei Selge war ich nicht so überrascht, das das gelingen wird, wie bei Knizka. Rundherum ein guter Film.

Gisela · 10.08.2007

Habe über den deutschen Film keine so gute Meinung und muß zugeben, dass ich mich schon lange nicht mehr so amüsiert habe. Fetter Daumen nach OBEN!!!

Elli · 10.08.2007

Eine überaus witzige Präsentation der Handlung, in welchem man sich hin und wieder auch selbst gut wiederfinden kann. Meine Kinomitbesucher und ich haben Tränen gelacht. Absolut empfehlenswert

Peter · 09.08.2007

Für wahr. Der Komödienhit des Sommers. Selten so gelacht in einer Sneak...
Unbedingtes muss !

· 03.08.2007

Hammer Film, hab ihn vor zwei Monaten in der Sneak gesehen...

eva · 02.08.2007

ach, selge! du bist einfach großartig.....

Kommentare

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