Reine Geschmacksache

Not eines Handlungsreisenden

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Zähneknirschend fügt sich Karsten dem väterlichen Druck und tingelt sichtlich angenervt mit seinem Vater durch die Niederungen des Textileinzelhandels. Als wären das der Verwicklungen noch nicht genug, erlebt der Junge seine erste Liebe und damit verbunden sein Coming-out – und zwar ausgerechnet mit Brookmüller, dem verhassten Widersacher seines Vaters, der sich zudem noch dazu anschickt, mit der neuen Kollektion alle Rekorde zu schlagen. Klar, dass sich das negativ auf die finanzielle Lage der Zenkers auswirkt. Und als schließlich Wolfgangs Frau Erika (Franziska Walser) hinter das wahre Ausmaß der Misere kommt, sieht sie sich genötigt, das Haus zu verlassen, um endlich ein Zeichen gegen das Gebaren ihres Haustyrannen zu setzen…

Reine Geschmacksache ist eine durchweg amüsante Provinzkomödie, die dann und wann zwar über das Ziel hinausschießt und deutlich in Richtung Schenkelklopfer zielt, doch es ist vor allem dem hervorragenden Edgar Selge zu verdanken, dass auch diese Szenen souverän und niemals peinlich wirken. Überhaupt lässt sich in diesem Film wieder einmal bestens beobachten, welch ein feiner Darsteller Selge ist und welch enormes komödiantisches Potenzial der Mann besitzt – es macht einfach großen Spaß, ihm dabei zuzusehen, wie er als durchgeknallter Spießer Amok läuft gegen alles, was nicht in seine Welt passt. Und neben Selge agieren die anderen Darsteller wie der Newcomer Florian Bartholomäi, Franziska Walser und Roman Knižka ebenfalls souverän und umschiffen als Ensemble manche Untiefen und Seichtigkeiten des Scripts.

Hübsch sind auch kleine, liebevolle Details wie etwa die Titelsequenz, in der die Namen der Darsteller und des Stabes als Etiketten und Aufdrucke auf Kleiderbügeln angebracht sind und so auf vergnügliche Weise in die Welt der Damenoberbekleidung einführen. Oder das Nummernschild des Wagens, das mittels der Buchstabenkombination JWD andeutet, dass hier der begrenzte Horizont der deutschen Provinz die passende Kulisse abliefert. Zugegeben – an manchen Stellen merkt man dem Film – wie so oft bei deutschen Debütfilmen – deutlich an, wie sehr die Formatvorgaben der co-produzierenden TV-Sender längst die Stoffe der Filme beeinflussen. Im Falle dieses Filmes aber harmonisiert die daraus resultierende Enge des Blicks bestens mit der genüsslich ausgestellten Provinzialität der Geschichte.

Auf dem Max-Ophüls-Festival 2007 in Saabrücken war Reine Geschmacksache einer der großen Abräumer, der Film von Ingo Rasper erhielt sowohl den Drehbuch- wie auch den Publikumspreis, außerdem wurde Florian Batholomäi als bester Darsteller ausgezeichnet.

Quelle: www.kino-zeit.de/film-kritiken-trailer/reine-geschmacksache