Contergan

Contergan

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Fiktive Reflexion eines Politikums

Nachdem sich zu Beginn der 1960er Jahre der unerhörte Skandal um das Medikament Contergan und seine fürchterlichen Folgen für die betroffenen Menschen abzeichnete, ist einiges über das Thema berichtet worden. Der Regisseur Adolf Winkelmann hat 2006 einen Spielfilm in zwei Teilen zu diesem Komplex inszeniert, dessen Ausstrahlung im Fernsehen ein langwieriger Rechtsstreit mit dem damaligen Hersteller der tückischen Tabletten vorausging. Doch das Bundesverfassungsgericht entschied, dass der Film gesendet werden durfte, der ganz erstaunlich hohe Zuschauerquoten erreichte. Die beiden einzelnen, in sich geschlossenen Episoden Contergan – Eine einzige Tablette und Contergan – Der Prozess, die nun als Doppel-DVD erscheinen, dokumentieren auf eindringlich fiktive, gut recherchierte Weise die erschreckende Geschichte um die Entdeckung, die Verschleierung und die juristische Entscheidung der Contergan-Affäre anhand des persönlichen Schicksals einer betroffenen Familie.
Der junge Anwalt Paul Wegener (Benjamin Sadler) und seine Frau Vera (Katharina Wackernagel) erwarten 1960 ein Kind, was den Höhepunkt ihres frischen ehelichen Glücks darstellt. Als das kleine Mädchen Katrin (als Schulkind gespielt von Denise Marko) mit nur einem Bein und ohne Arme geboren wird, sieht sich das Paar nicht nur mit der Bewältigung dieser Situation konfrontiert, sondern zusätzlich mit der abweisenden Härte von Seiten der Mediziner und wachsend auch ihres sozialen Umfeldes. Katrin ist nicht das einzige Kind, das ohne vollständige Extremitäten geboren wurde, und rasch wird deutlich, dass diese außergewöhnlichen körperlichen Ausformungen mit der Einnahme des Schlafmittels Contergan durch die Mütter während der Schwangerschaft in Verbindung stehen, das als völlig ungefährlich empfohlen wurde.

Paul geht diesem Verdacht auf den Grund, und es enthüllt sich ein Moloch an korrupten Verstrickungen zwischen Politik und Pharmaindustrie, der die finanziellen Interessen vor den Schutz von Gesundheit und Leben von Menschen stellt und nun bemüht ist, sich so unauffällig und günstig wie möglich aus der Affäre zu ziehen, die auf Grund von mangelnder Sorgfalt das Leben tausender Kinder und ihrer Familien erheblich beeinträchtigt hat. Es beginnt ein Kampf für eine angemessene Entschädigung der Opfer und für die Verurteilung der Schuldigen, der den Alltag der kleinen Familie beherrscht und auch an der Beziehung zwischen Paul und Vera nicht spurlos vorübergeht. Doch bevor der angestrebte Prozess nicht beendet ist, das ist ihnen bewusst, wird keine Ruhe in ihr Leben einkehren. Die Zeit vergeht, Katrin wächst heran und wird unter schmerzlichen Konflikten zunehmend selbstständiger, und nach acht Jahren beginnt schließlich endlich der Prozess ...

Obwohl Contergan im Vor- wie im Abspann ausdrücklich darauf hinweist, eine erfundene Geschichte vor dem historischen Hintergrund des Arzneimittelskandals darzustellen, versuchte der Hersteller Grünenthal seine Premiere durch eine einstweilige Verfügung zu stoppen, was zeigt, wie brisant sich diese noch immer schwelenden Angelegenheiten bis in die Gegenwart hinein gestalten, zumal es in den letzten Jahren immer wieder zu einer Verweigerung des Unternehmens kam, weitere benötigte Zahlungen an die Contergan-Stiftung zu leisten, um den mittlerweile erwachsenen Geschädigten ein würdiges Dasein zu ermöglichen. Diese Haltung korrespondiert mit der innerhalb des Spielfilms dargestellten kalten Ignoranz und Arroganz der Verantwortlichen, so dass es in diesem wie in weiteren Punkten nicht von der Hand zu weisen ist, dass der Film Fiktion und historische Wirklichkeit miteinander verwebt, wie der Vorwurf der Grünenthal GmbH lautet, der zudem die nicht korrekte Repräsentation einiger Daten beinhaltet.

Jenseits seiner Rolle als gesellschaftspolitische Kontroverse stellt Contergan, der unter anderem 2007 den Bambi gewann und 2008 mit dem Bayerischen Fernsehpreis für Katharina Wackernagel als Beste Schauspielerin prämiert wurde, ein sorgfältig und spannend inszeniertes Drama dar, das nur in ganz seltenen Augenblicken sentimentalisierend, unangemessen auf emotionale Effekte spekulierend oder pathetisch wirkt. Die enthaltene, deutlich inszenierte Kritik an der Krankheitsmaschinerie weist nicht nur historische Komponenten auf, obwohl die Darstellung des damaligen Gesundheitswesens eindeutig im Vordergrund steht, dessen Menschenbild aus heutiger Sicht kaum mehr nachzuvollziehen ist. Die Akteure, allen voran der unerschütterliche Benjamin Sadler als sanfter, hartnäckiger Anwalt, zeigen ein stimmiges Zusammenspiel, von dessen Intensität die Spannung sich nährt – ein engagierter, gelungener Film, der sich vor allem durch die große Selbstverständlichkeit der liebevollen Beziehungen zwischen dem Kind und den Eltern auszeichnet und auch durch sein versöhnliches Ende in keinster Weise die Schwere des Themas relativiert.

Contergan

Nachdem sich zu Beginn der 1960er Jahre der unerhörte Skandal um das Medikament Contergan und seine fürchterlichen Folgen für die betroffenen Menschen abzeichnete, ist einiges über das Thema berichtet worden.
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