Caterpillar

Caterpillar

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der lüsterne Kriegsgott

So sehen also Kriegshelden aus: die junge Shigeko ist entsetzt, als ihr Mann, Leutnant Kurokawa, hoch dekoriert und schwer verletzt aus dem zweiten japanisch-chinesischen Krieg in die Heimat zurückkehrt. Und auch den beiden Soldaten, die den Soldaten begleitet haben, steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Denn Kyuzo hat nicht nur ein entsetzlich vernarbtes Gesicht, ihm fehlen zudem alle vier Gliedmaßen und er ist unfähig zu sprechen. Doch Shigeko hat eine Pflicht: Wie alle Frauen an der Heimatfront muss sie die Moral der Truppe hochhalten und darf sich deshalb nicht beklagen über ihr Schicksal und das ihres Mannes. Und mehr noch – sie muss nun als Gattin eines allseits verehrten "Kriegsgottes" (so nennt die Zeitung ihren Mann) allen Frauen Japans ein Vorbild sein.
Anfangs gelingt das auch ganz gut. Doch der Ekel und die Abscheu vor dem Entstellten will einfach nicht verschwinden – zumal es Kyuzo beständig nach Sex gelüstet. Brav kommt Shigeko ihren Pflichten nach, karrt den Kriegsgott zur allgemeinen Bewunderung durchs Dorf und lässt sich nichts anmerken. Die Beziehung zu ihrem Gatten aber wird immer qualvoller, was auch daran liegen mag, dass der zur Bewegungslosigkeit verdammte Kriegsgott vor seiner Einberufung ein widerwärtiges Scheusal war, das seine Frau zum Sex zwang. Und auch im Krieg war Leutnant Kurokawa, so erfährt man aus Rückblenden, weniger ein Kriegsheld als ein Kriegsverbrecher, der sich an der Vergewaltigung von chinesischen Frauen beteiligte. Der stumme Kampf der Eheleute wird nicht nur mittels Demütigungen, sondern schließlich auch mit Fäusten geführt, während nach außen die Fassade eines glücklichen Kriegshelden und seiner aufopferungsvollen Gattin weiterhin aufrechterhalten wird.

Der 74-jährige Koji Wakamatsu ist einer der wichtigsten und produktivsten Regisseure Japans, Caterpillar ist sein bereits 100. Film. Mit quälender Präzision und etlichen Wiederholungen zeigt er die Narben und Stümpfe des Schwerversehrten und schneidet japanische Propagandabilder aus der Zeit des Krieges dazwischen, um anschließend in Rückblenden die andere, dunkle Seite von Leutnant Kurokawa zu zeigen. Immer wieder fällt dessen Blick dabei auf seine Medaillen und den Zeitungsartikel, den er von seinem Lager aus stets im Blick hat, sie sind eine Selbstversicherung, dass sich das Opfer für den Kaiser und das Vaterland doch gelohnt hat.

Sonderlich subtil ist das alles nicht, vielmehr balanciert der Film haarscharf am Rande eines kalkulierten Skandals, legt viel Wert darauf, möglichst viel zu zeigen und dennoch immer noch gerade so eben die Grenzen des Anstandes zu wahren. Der Ehekrieg mit verhärteten Fronten ist zwar durchaus wirkungsvoll inszeniert, die ständigen Wiederholungen ohne wirkliche Entwicklung machen das Ganze aber trotz einer kurzen Laufzeit von 84 Minuten zu einer zähen Angelegenheit. Und ganz ehrlich: Die Losung "Make love, not war" haben wir uns irgendwie anders vorgestellt.

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So sehen also Kriegshelden aus: die junge Shigeko ist entsetzt, als ihr Mann, Leutnant Kurokawa, hoch dekoriert und schwer verletzt aus dem zweiten japanisch-chinesischen Krieg in die Heimat zurückkehrt. Und auch den beiden Soldaten, die den Soldaten begleitet haben, steht der Schrecken ins Gesicht geschrieben.
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