Blut an den Lippen

Blut an den Lippen

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine Studie in Blutrot

Dass das europäische Genrekino früherer Jahrzehnte langsam aus der Versenkung emporsteigt und sich gerade unter jüngeren Filmfans wachsender Beliebtheit erfreut, ist ja schon seit Jahren zu beobachten. An dieser Aufarbeitung des früher häufig als "Bahnhofskino" marginalisierten Films hat das DVD-Label Bildstörung keinen geringen Anteil, wenngleich sich die kuratorische Arbeit der Macher nicht allein auf Europa beschränkt, sondern übersehene und vergessene Perlen aus verschiedenen Kontinenten versammelt. Im Herbst erst hatte es ja John McNaughtons Klassiker Henry – Portrait of a Serial Killer gegeben.
Harry Kümels bizarr-schwüler Vampirthriller Blut an den Lippen / Les lèvres rouges aus dem Jahre 1971, der nun als 20. Veröffentlichung der Drop-out-Reihe am 10. Mai 2013 in den Handel kommt, knüpft sowohl von der Programmatik und Stilistik als auch von der editorischen Sorgfalt, mit der diese Veröffentlichung vorgenommen wurde, nahtlos an die Vorgänger an.

Sie kennen sich erst seit kurzem und doch haben Valerie (Danielle Ouimet) und Stefan (John Karlen) schon geheiratet. Nun sind sie unterwegs nach England, wo er die Braut seiner "Mutter" vorstellen will, die in Wirklichkeit ein Transvestit ist. Doch das ist bei weitem noch nicht alles, was Valerie nicht ahnt. Denn wenn sie wüsste, was ihr die Reise nach England außer einigen Orgasmen noch so beschert, würde sie wohl schnurstracks umdrehen. So aber taumelt sie geradewegs in die Falle: Während der Fahrt strandet das junge Paar in einem beinahe menschenleeren Hotel in Ostende, das sie ganz für sich haben könnten - wenn da nicht die merkwürdige Gräfin Bathory (Dominique Seyrig) und deren Assistentin Ilona (Andrea Rau) wären. Vor allem die adlige Dame, über die der Portier des Hotels (Paul Esser) merkwürdige Dinge zu berichten weiß, scheint ein Auge auf das junge Glück geworfen zu haben. Zudem verbindet die Gräfin und ihre Bedienstete ein Verhältnis, das weit über eine herkömmliche hierarchisch geprägte Arbeitsbeziehung geht. Man ahnt eher als man es sieht, worauf es die Gräfin abgesehen hat – schließlich trägt sie einen Namen, der schon einmal eine blutige Geschichte geschrieben hat. Doch nicht nur die Gräfin entpuppt sich als Monster, auch Stefan zeigt zunehmend mehr von seinen Schattenseiten und düsteren Begierden...

Egal wie altbekannt die Geschichte um eine blutdürstige Vampirin und eine blonde Unschuld vom Lande auch ist, Harry Kümels Variation der Geschichte der Blutgräfin Elisabeth Báthory ist so aufregend und ungeheuer geraten, dass man sich an diesem delirierenden Fiebertraum, der buchstäblich alle Schattierungen von Rot und Blau durchläuft, gar nicht sattsehen kann. Allein die Darstellerinnen sind (man mag es mir verzeihen) eine einzige Augenweide und verfügen über eine beachtliche Bandbreite an Qualifikationen: Während Danielle Ouimet im Jahre 1966 zur Miss Québec gekürt worden war und Andrea Rau wohl auf Ewigkeiten mit zweifelhafter Filmware (Die liebestollen Baronessen und Frau Wirtin bläst auch gerne Trompete) verbunden ist, war Delphine Seyrig eine Ikone der Nouvelle Vague, die unter anderem in Letztes Jahr in Marienbad, Geraubte Küsse und Der diskrete Charme der Bourgeoisie mitgewirkt hatte und die hier wirkt wie eine "psychopathische Marlene Dietrich".

Obwohl der Film bisweilen beinahe schon affektiert und gekünstelt wirkt in seiner Suche nach außergewöhnlichen Bildern und der manchmal etwas aufdringlichen Farbdramaturgie, kann man sich dem surrealen Sog, der Traumatmosphäre dieses pansexuellen Orgien- und Mysterienspiels um Blut und Brüste, Macht, Unterwerfung und Begierde einfach nicht entziehen. Ein bitterböses Märchen, das all das behandelt und explizit sichtbar macht, was die Brüder Grimm in preußischer Prüderie niemals aufzuschreiben wagten, gedreht als sichtbare Verneigung vor dem Erbe des belgischen Surrealismus und vor den Werken von Josef von Sternberg, Jacques Tourneur, Val Lewton, Federico Fellini und Nicolas Roeg und infiziert von der psychedelischen Farbigkeit der dunklen Seite des Hippietums und der sexuellen Befreiung. Wer Meister des Schmuddelkinos wie Jean Rollin, den unlängst verstorbenen Jess Franco und Walerian Borowczyk kennt und schätzt, wird diesen Film lieben. Und allen anderen, das sei an dieser Stelle garantiert, steht noch eine Entdeckung bevor, die in der Geschichte des europäischen Genreschaffens der Nachkriegszeit einen Ehrenplatz verdient hätte.

Wer mehr über den Film und seine Hintergründe wissen möchte, sollte sich vor allem das wieder einmal äußerst fachkundige Booklet zu Gemüte führen, in denen Paul Poet und Björn Eichstädt Erkundungen im Universum Harry Kümels durchführen, die einen endgültig zum Fan werden lassen.

Blut an den Lippen

Dass das europäische Genrekino früherer Jahrzehnte langsam aus der Versenkung emporsteigt und sich gerade unter jüngeren Filmfans wachsender Beliebtheit erfreut, ist ja schon seit Jahren zu beobachten. An dieser Aufarbeitung des früher häufig als "Bahnhofskino" marginalisierten Films hat das DVD-Label "Bildstörung" keinen geringen Anteil, wenngleich sich die kuratorische Arbeit der Macher nicht allein auf Europa beschränkt, sondern übersehene und vergessene Perlen aus verschiedenen Kontinenten versammelt.
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