The Love Police

The Love Police

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Lautsprecher der Liebe

Man fühlt sich fast ein wenig an den Protagonisten aus Marc Bauders Master of the Universe erinnert. Auch Charlie Veitch ist ein ehemaliger Banker in einer Finanzmetropole (in diesem Fall ist es London statt Frankfurt am Main), der irgendwann ausgestiegen ist. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen den Protagonisten von Marc Bauers und Harold Baers Dokumentarfilmen auch schon. Denn während Rainer Voss sich als Privater aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hat, riskiert der um einiges jüngere Charlie Veitch eine dicke Lippe und sorgt mittels Megaphon dafür, dass seine Invektiven überall dort Gehör finden, wo er gerade von seinem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch macht. „The Love Police“ nennt sich Veitch und mittlerweile hat er es mit seinen Aktionen und Videos bei youtube zu einer gewissen, freilich recht überschaubaren Berühmtheit gebracht. Der Regisseur hat den Aktivisten mit dem Megaphon eine Weile begleitet, herausgekommen ist dabei das zwar kurzweilige, aber auch inhaltlich etwas dünne Porträt eines Mannes, der sich nur selten hinter die zumeist gut gelaunte Fassade blicken lässt.
Ob nun Charlie Veitch im Jahre 2009 seinen Job verloren hat oder ob er selbst kündigte, ist wohl vor allem eine Frage des Blickwinkels — das gibt selbst sein früherer Boss zu, der es so formuliert, dass man sich im gegenseitigen Einvernehmen getrennt habe. Das sind aber auch schon die einzigen Details, die man aus seiner Vergangenheit erfährt. Nichts hingegen erfahren wir über seine Beweggründe, die Seite zu wechseln und seinen Job als Finanzberater und Investmentbanker an den Nagel zu hängen, nichts über den eigentlichen Antrieb seiner Auftritte, die zwischen ironischer Affirmation, einfachsten Slogans und Clownereien mit Polizisten hin und her schwanken.

Statt einer insistierenden und kritischen Ergründung des widersprüchlichen Charakters von Charlie Veitch macht sich der Film vielmehr zu dessen Werkzeug, indem Harold Baer die Aktionen seines Protagonisten lediglich mit unverhohlener Sympathie begleitet, sich selbst aber jeden Kommentars enthält. Mit der Zeit entsteht so zweierlei: Einerseits der Eindruck, dass dieser durchaus sympathische Kerl innerhalb der Globalisierungsgegner und Kapitalismus-Kritiker eine große Nummer sein muss — was bei genauerer Recherche keineswegs so ist. Andererseits entsteht mit der Zeit ein etwas mulmiges Gefühl, weil man nie genau weiß, ob es der Ex-Banker eigentlich ernst meint, was ihn antreibt oder ob das Ganze nicht eher als Ausleben seiner Profilneurosen und seines Geltungsdrangs angesehen werden muss. Das Bedauerliche dabei ist, dass sich der Film für diese Fragestellung überhaupt nicht interessiert, sondern der (nicht immer nachvollziehbaren) Faszination Viechs vollkommen erliegt.

Die Hektik, die der rasche Zusammenschnitt der verschiedenen Aktionen ausstrahlt und bei dem man selten wirklich zuordnen kann, ob nun einer der Aktivisten oder das Filmteam selbst die Kamera führte, wirkt mit der Zeit und der zunehmenden Enttäuschung über die ausbleibende kritische Auseinandersetzung mit Veitch ermüdend. Am Ende der Tour de force durch die Niederungen einer irgendwie politischen, aber niemals klar Stellung beziehenden Spaß-Guerilla bleibt nichts weiter als festzustellen, dass nicht nur Veitch keine klare Linie verfolgt, sondern dass dies auch in gleicher Weise für den Film über ihn gilt.

Womit sich der anfängliche Kreis zu Master of the Universe wieder schließt. Wenn man so will, stellen Marc Bauders Film und Harold Baers Werk die zwei Extreme einer ähnlichen Thematik dar: Auf der einen Seite sorgsam komponierte Bilder mit einem Protagonisten, der unglaublich viel zu sagen hat, auf der anderen ein indifferenter Bilderbrei, der Information mit purer Geschwindigkeit verwechselt, damit aber auch nicht verbergen kann, dass er im Prinzip nichts auszusagen hat. Sollte das das Erbe der globalisierungs- und kapitalismuskritischen Protestbewegung der Krisenjahre sein, muss es den Mächtigen in Politik und Wirtschaft wahrlich nicht Bange sein vor den Menschen auf der Straße. Wie außerordentlich schade!

The Love Police

Man fühlt sich fast ein wenig an den Protagonisten aus Marc Bauders „Master of the Universe“ erinnert. Auch Charlie Veitch ist ein ehemaliger Banker in einer Finanzmetropole (in diesem Fall ist es London statt Frankfurt am Main), der irgendwann ausgestiegen ist. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten zwischen den Protagonisten von Marc Bauers und Harold Baers Dokumentarfilmen auch schon.
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