Freakonomics

Freakonomics

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Menschen lügen, Statistiken nicht

Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Steven Levitt wurde 2005 mit einem Bestseller berühmt, in dem er schilderte, was man alles aus trockenem Zahlenmaterial erkennen kann: ob Lehrer die Testergebnisse ihrer Schüler fälschen, Immobilienmakler zum Wohl ihrer Klienten arbeiten, oder die Verbrechensrate in New York in den 1990ern wirklich aufgrund der Null-Toleranz-Politik von Bürgermeister Rudolph Giuliani zurückging. Das gemeinsam mit dem Journalisten Stephen Dubner verfasste Sachbuch Freakonomics verkaufte sich weltweit über vier Millionen mal. Nun erhalten die Autoren eine weitere Plattform in Form des gleichnamigen Dokumentarfilms. Darin illustrieren die Regisseure Seth Gordon, Morgan Spurlock (Supersize Me, The Greatest Movie Ever Sold), Alex Gibney (We Steal Secrets: The Story of Wikileaks,Taxi To the Dark Side) Eugene Jarecki (Why We Fight), Rachel Grady und Heidi Ewing (Jesus Camp) in einzelnen Segmenten zentrale Befunde und Thesen des Chicagoer Universitätsprofessors.
Dass es sich lohnt, Zahlen- und Datenmaterial für kritische Fragestellungen zu nutzen, belegen Levitt und Dubner in einer einleuchtenden Anfangssequenz: Immobilienhändler erzielen höhere Preise für ihre eigenen Häuser und lassen sie vor dem Verkauf länger auf dem Markt, als wenn es sich um Objekte ihrer Klienten handelt. Die verblüffende Rechnung, die Levitt für dieses Rätsel präsentiert, ist, dass ein um 10000 Dollar höherer Verkaufspreis dem Makler eine nur um 150 Dollar höhere Provision einbringt. Mit der gleichen querdenkerischen Haltung, die nach den Anreizen für das menschliche Handeln fragt, analysierte Levitt verschiedenste gesellschaftliche Phänomene. Gelegentlich kam er auch zu Erkenntnissen, die an moralischen Tabus rütteln.

Das von Eugene Jarecki inszenierte Segment widmet sich dem umstrittensten Thema in Levitts und Dubners Buch. Der Rückgang der Kriminalität in Amerika in den 1990er Jahren lässt sich ihrer Datenanalyse zufolge zu 50 Prozent allein aus der Legalisierung der Abtreibung 20 Jahre zuvor erklären. Wie im Buch wird dabei unnötigerweise quasi die Umkehrprobe am Beispiel von Rumäniens 1989 hingerichtetem Diktator Ceausescu gemacht. Der hatte Jahrzehnte zuvor Abtreibung und auch Verhütung verboten. Hier zeigt sich die Anfälligkeit der oft ketzerischen Argumentation von Levitt und Dubner für neue Fehlschlüsse: Wenn sie einen Zusammenhang zwischen dem Abtreibungsverbot und dem gewaltsamen Tod des rumänischen Diktators unterstellen, blenden sie die politische und soziale Situation jener Zeit in Rumänien nahezu komplett aus.

In einem anderen Filmsegment, das Morgan Spurlock inszeniert hat, geht es um ein trivialeres Thema: welche Vornamen bei weißen und welche bei schwarzen amerikanischen Eltern beliebt sind. Wie im Buch wird natürlich ein konkreter Einfluss des Vornamens auf das Schicksal eines Kindes verneint. Aber es gibt zu denken, dass Bewerber mit afroamerikanisch klingenden Vornamen weniger häufig zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden.

Unterhaltsam ist auch das von Rachel Grady und Heidi Ewing inszenierte Kapitel über ein wissenschaftliches Experiment, in dem Schüler mit Geldprämien zu besseren Leistungen motiviert werden sollen. Indem sie zwei einzelne jugendliche Versuchsteilnehmer begleiten, entgehen sie dem häufigen Problem der anderen Filmsegmente, mit allzu vielen Zahlen und animierten Grafiken Verwirrung zu stiften. Das insgesamt flotte Tempo des Films und seine humorvollen Präsentationen lassen ihn zwar anregend wirken, aber wer mitdenken will, ist mit dem Buch besser bedient. Auch die komplizierte Gesamtkonstruktion mit der von Seth Gordon inszenierten Einführung und seinen Übergängen erzeugt kognitiven Stress.

Was die filmische Qualität anbelangt, so sticht der Beitrag von Alex Gibney über die japanischen Sumo-Ringer hervor. Gibney, der einige Jahre in Japan lebte, taucht mit einer stylish wirkenden Präsentation und einem investigativen Gestus, der an seinen Film We Steal Secrets: The Story of WikiLeaks erinnert, in diese abgeschottete Welt ein. Dabei erfährt man noch viel eindrücklicher als im Buch, dass auch nationale Symbole nicht vor Korruption gefeit sind. Insgesamt wirkt Freakonomics wie eine Huldigung an das unkonventionelle Denken der beiden Buchautoren mit seinem hohen Spaßfaktor.

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Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Steven Levitt wurde 2005 mit einem Bestseller berühmt, in dem er schilderte, was man alles aus trockenem Zahlenmaterial erkennen kann: ob Lehrer die Testergebnisse ihrer Schüler fälschen, Immobilienmakler zum Wohl ihrer Klienten arbeiten, oder die Verbrechensrate in New York in den 1990ern wirklich aufgrund der Null-Toleranz-Politik von Bürgermeister Rudolph Giuliani zurückging.
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