Carlos

Carlos

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein Klassiker im Western-Gewand

Ein mächtiger, tyrannischer Vater, seine schöne, insgeheim abtrünnige Gattin und sein aufbegehrender, hasserfüllter Sohn, der die Frau seines Vaters, die einst in seinen Armen lag, unvermindert liebt. Das ist die Konstellation von Carlos aus dem Jahre 1971, ergänzt durch einen ehrgeizigen Gefolgsmann des Vaters, ein eifersüchtiges Mädchen, das Carlos zum Verhängnis wird, einen Geistlichen mit dubioser Moral und einen wackeren Revolutionär, der ebenfalls im Verborgenen die charismatische Clara verehrt, mit welcher ihn konspirative Pläne zum Sturz ihres Mannes verbinden. Aus dem Universum des Hochadels des dramatischen Gedichts Don Carlos, Infant von Spanien hat Regisseur Geißendörfer die Protagonisten und Handlungen dieses klassischen Werkes sehr frei kurzerhand in ein Western-Szenario verlegt. Er inszenierte die tragische, altbekannte Geschichte in diesem für deutsche Filme ungewöhnlichen Genre als eine Art Stilübung, um das Filmemachen innerhalb unterschiedlicher Gattungen zu erlernen. Unter äußerst schwierigen Bedingungen mit hervorragenden Darstellern in Israel gedreht ist dabei ein Film entstanden, der in ruhigen, starken Schwarzweißbildern und mit stimmungsvoller Musik die wohl coolste Variante des großen Stoffes darstellt.
Längst hat sich der junge Carlos (Gottfried John) gegen seinen mit inhumanen Methoden herrschenden Vater Philipp (Bernhard Wicki) gewandt, der im Süden Europas um das Jahr 1915 die Bauern und Arbeiter im ganzen Ort rund um seinen Landbesitz brutal ausbeutet. Auch dessen Angetraute Clara (Anna Karina) gehört gemeinsam mit Carlos zum Kreis der Aufständigen, die es nicht mehr mit ansehen können, wie Philipp jeden Widerstand mit öffentlichen Hinrichtungen sühnt. Ein Umsturz unterstützt von einigen Revolutionären ist geplant, doch das Arbeitermädchen Lisa (Geraldine Chaplin), auf das Philipp ein Auge geworfen hat, gesteht Carlos seine Liebe und verrät anschließend dessen Vater aus Eifersucht, dass das Herz seines Sohnes noch immer für Clara schlägt, die vor ihrer Ehe mit dem Tyrannen Carlos‘ Geliebte war, so dass Philipp, von Lisa angeschossen und blind vor Raserei, seinen bösartigen Verwalter Ligo (Horst Frank) losschickt, um Carlos zu holen. Während der sich überstürzenden Ereignisse verschanzt sich dieser ausgerechnet im versteckten Waffendepot der Verschwörer, was die ganze vorbereitete Aktion gefährdet, doch als der Kopf der Revolutionäre und enger Freund Carlos‘, der schlagkräftige Pedro (Thomas Hunter), von Philipps Leuten getötet wird, verlässt der Sohn sogar die drängende Clara, die allein zu ihren Gefährten in die Berge flieht, und macht sich auf, um seinem Vater in einem finalen Duell gegenüberzutreten …

Es ist dem Film anzumerken, dass die Dramaturgie sich während der Dreharbeiten den Notwendigkeiten unterordnen musste, die von Geldmangel und allerlei Schwierigkeiten in der sengenden Hitze am Set in Israel bestimmt wurden, so dass beispielsweise viele Szenen in die Nacht verlegt werden mussten. Geißendörfer selbst bezeichnete rückblickend in einem Interview einmal Carlos, der nie in die Kinos kam, als seinen möglicherweise größten Flop, was vor allem daran liegt, dass der Film unter den ungünstigen Bedingungen während der Produktion entgleiste und einfach nur noch rasch fertig gedreht wurde, um nicht vollständig zu scheitern.

Dennoch ist es interessant und durchaus unterhaltsam, die noch jungen Akteure wie Gottfried John, Geraldine Chaplin und Anna Karina im Stil der frühen Siebziger Jahre beim Spiel in diesem untypischen, aber stilisierten Western zu beobachten. Beeindruckend ist dazu die geduldige Kamera Robby Müllers, der mit minimalen Mitteln geradezu gezaubert hat, um möglichst intensive Bilder entstehen zu lassen, der heute längst als Koryphäe seines Fachs gilt und bei Filmen von Regisseuren wie Wim Wenders (Paris, Texas; Bis ans Ende der Welt), Jim Jarmusch (Down by Law; Ghost Dog – The Way of the Samurai) und Lars von Trier (Breaking the Waves) seine brillante Kunst unter Beweis gestellt hat.

Carlos

Ein mächtiger, tyrannischer Vater, seine schöne, insgeheim abtrünnige Gattin und sein aufbegehrender, hasserfüllter Sohn, der die Frau seines Vaters, die einst in seinen Armen lag, unvermindert liebt.
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