The September Issue

The September Issue

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Was der Teufel wirklich trägt...

Wer kann schon von sich behaupten, bereits zu Lebzeiten Vorbild für einen Spielfilm gewesen zu sein? Anna Wintour, die legendäre Chefredakteurin der amerikanischen Vogue ist eine der wenigen Auserkorenen. Und doch dürfte sie die Huldigung, die sie erhielt, wenig erfreut haben. Denn welche Rolle ihr in dem Film über die Modebranche zuteil wurde, daran ließ schon der Filmtitel und erst recht die Figurenzeichnung durch Meryl Streep wenig Zweifel. Der Teufel trägt Prada (2006) von David Frankel basierte auf dem gleichnamigen Bestseller von Lauren Weisberger und zeichnet das Bild einer besessenen Egomanin, deren Eiseskälte nur von ihrer Skrupellosigkeit übertroffen wird. R. J. Cutlers Dokumentarfilm The September Issue schreibt nun die Legende Anna Wintour als mächtigste und gefürchtetste Frau der Modewelt fort und kratzt allenfalls ein klein wenig am Sockel dieser absolutistischen Herrscherin bzw. korrigiert das vom Spielfilm kreierte und von Anna Wintour selbst gepflegte Image nur minimal.
Der akkurat gestutzte Bob, den sie seit Jahr und Tag trägt und die riesige Sonnenbrille, ohne die sie nur selten zu sehen ist, sind einer Teil dieser (Selbst)Inszenierung Anna Wintours. Und es gehört zu den unbestreitbar großen Leistungen von The September Issue, dass man als Zuschauer nicht nur einen Einblick in die Welt der Mode- und Magazinmacher erhält, sondern auch eine Ahnung davon bekommt, wer diese Anna Wintour eigentlich ist. Wintour ist eigentlich Britin und stammt aus einer Familie, bei der sowohl der Vater (Herausgeber des Evening Standard) wie auch ihr Bruder Patrick Walter (bei der britischen Tageszeitung The Guardian) journalistisch tätig sind. Man kann vermuten, dass diese männlichen Vorbilder Anna Wintour geprägt haben, ohne College-Besuch arbeitete sie sich bei Harper's Bazaar schnell nach oben und wagte bereits 1975 als Moderedakteurin den Schritt über den großen Teich nach New York. 13 Jahre später, 1988 übernahm sie das Ruder der amerikanischen Vogue und baute das Magazin zur einflussreichen Modebibel auf, deren Geschmacksurteil ebenso treffend wie gefürchtet ist. Unter ihrer Ägide erlebten Designer wie John Galliano und Marc Jacobs einen Aufstieg, der ohne die Protektion Wintours schlichtweg nicht möglich geworden wäre.

R.J. Cutler folgt Anna Wintour bei den Vorbereitungen zur gewichtigen September-Ausgabe 2007 der Vogue, die allein schon deshalb Geschichte schreiben sollte, weil sie mit 840 Seiten Umfang die umfangreichste Ausgabe aller Zeiten war. Neben Wintour steht vor allem deren Creative Director Grace Coddington im Mittelpunkt des kreativen Prozesses, den der Film begleitet. Letztere ist so ziemlich das genaue Gegenteil ihrer Chefin: Mit roten, stets wilden Haaren und ebenso legeren Umgangsformen wie ungewöhnlichem Dresscode (nämlich offensichtlich keinem) bildet sie das Gegengwicht zur überaus beherrschten und stets distanzierten Chefredakteurin, deren ganzes Streben einzig und allein darauf ausgerichtet scheint, auf welche Weise man das Beste aus sich und anderen herausholt. Mag sein, dass man genau diese Art von Zähigkeit und Willen zum Erfolg braucht, um über so viele Jahre an der Spitze der Modepresse bestehen zu können. Allerdings weiß man nach diesem Film, der selten nur die private, weiche Seite von Anna Wintour zeigt, auch, dass die Darstellung ihres "Alter ego" Miranda Priestley in Der Teufel trägt Prada zwar ziemlich zugespitzt, aber keinesfalls zur Gänze auf der Luft gegriffen war.

The September Issue ist für Fashion Junkies sicherlich ein Muss, die Einsichten in das Wesen einer echten Modepäpstin aber kommen insgesamt dann doch ein wenig zu kurz. Man liegt bestimmt nicht verkehrt damit, wenn man vermutet, dass Anna Wintour, die Meisterin der Selbstinszenierung, an dieser Zurückhaltung einen nicht geringen Anteil mit verursacht hat. So weiß man am Ende vielleicht ein wenig besser Bescheid darüber, was Anna Wintour tragen mag, einen Blick in ihre Seele aber haben wir nur ganz kurz werfen dürfen.

The September Issue

Wer kann schon von sich behaupten, bereits zu Lebzeiten Vorbild für einen Spielfilm gewesen zu sein? Anna Wintour, die legendäre Chefredakteurin der amerikanischen "Vogue" ist eine der wenigen Auserkorenen. Und doch dürfte sie die Huldigung, die sie erhielt, wenig erfreut haben. Denn welche Rolle ihr in dem Film über die Modebranche zuteil wurde, daran ließ schon der Filmtitel und erst recht die Figurenzeichnung durch Meryl Streep wenig Zweifel.
  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Weitere Filme von

R. J. Cutler

Weitere Filme mit