Sergej in der Urne

Sergej in der Urne

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Asche meines Urgroßvaters

„Ruhe in Frieden“ – dieser fromme letzte Wunsch ist manchmal gar nicht so einfach, wie es scheinen mag. Diese Erfahrung muss auch Boris Hars-Tschachotin machen, dessen Urgroßvater Sergej Stepanowitsch Tschachotin seit 30 Jahren keine Ruhe findet. Genauer gesagt ist es nicht Sergej selbst, sondern dessen sterbliche Überreste, die seit vielen Jahren in einer Urne auf dem Schrank seines Sohnes Eugen in Paris stehen. Was sich dahinter verbirgt, ist ein Familiendrama und eine Jahrhundertgeschichte, denen der Urenkel mit der Kamera dokumentarisch auf den Leib rückt. Das Ergebnis mit dem augenzwinkernden Titel Sergej in der Urne ist eine atemberaubende Familiengeschichte, die mit zunehmender Dauer immer größer, faszinierender und absurder gerät.
Dieser Sergej Stepanowitsch Tschachotin (1883 – 1973) war ein Mann mit vielen Facetten. Als Mikrobiologe von erheblicher Bedeutung, der zum Wegbereiter der modernen Lasertechnik wurde und der Krebstherapie entscheidende Impulse gab, genoss er weltweite Anerkennung und arbeitete unter anderem mit Iwan Pawlow und Albert Einstein zusammen. Als „homo politicus“ war er ein glühender Mitkämpfer der Russischen Revolution und geriet später mit dem Kommunismus in Konflikt, er engagierte sich gegen den Nationalsozialismus, war später ein Teil der Anti-Atomkraft-Bewegung und Verfasser des Standardwerkes Le viol des foules par la propagande politique (Die Vergewaltigung der Massen) und ein weltweit geachteter Friedensaktivist. Und nicht zuletzt gab es da auch noch die andere, die persönliche und intime Seite dieses vielschichtigen und schillernden Mannes – da war er ein notorischer Romantiker und auch ein Frauenheld von einigem Format, der fünfmal heiratete und sich ebenso oft wieder scheiden ließ und der insgesamt acht Kinder (allesamt Söhne) zeugte.

Diese Ruhelosigkeit, dieses Getriebensein setzt sich auch heute noch fort – was besonders deutlich im Bild der immer noch nicht beigesetzten Urne wunderbar auf den Punkt gebracht wird. Dieser noch ausstehende Akt ist der äußere Anlass für Boris Hars-Tschachotin, in die versunkene Welt seines Urgroßvaters einzutauchen, von dem er seit Kindesbeinen an immer wieder faszinierende Geschichten gehört hat. Im Gespräch mit Wenja, Eigen, Petja und Andrej, vier der Söhne Sergejs, die auch heute noch so zerstritten sind, dass man sie niemals zusammen vor der Kamera sieht, und durch Archivmaterial entsteht Schicht für Schicht ein ebenso verwirrend vielschichtiges wie charmantes Bild von Sergej Stepanowitsch Tschachotin, das bei aller Schicksalsschwere und Geschichtsbeladenheit immer wieder zum Schmunzeln und Lachen verführt.

Sergej in der Urne ist weitaus mehr als „nur“ das Porträt eines faszinierenden Mannes durch seinen Urenkel – der Film gerät zugleich zu einem Sittenbild über Zeitläufe im 20. Jahrhundert und zum Bildnis einer Familie, über der auch noch heute, mehr als 30 Jahren nach dem Tode Sergej Stepanowitsch Tschachotins, übergroß der Schatten dieses Mannes schwebt – geistgleich und gleichermaßen als Vorbild wie als Bürde.

Sergej in der Urne

„Ruhe in Frieden“ – dieser fromme letzte Wunsch ist manchmal gar nicht so einfach, wie es scheinen mag. Diese Erfahrung muss auch Boris Hars-Tschachotin machen, dessen Urgroßvater Sergej Stepanowitsch Tschachotin seit 30 Jahren keine Ruhe findet. Genauer gesagt ist es nicht Sergej selbst, sondern dessen sterbliche Überreste, die seit vielen Jahren in einer Urne auf dem Schrank seines Sohnes Eugen in Paris stehen.
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