Patrick (2019)

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37 Jahre alt ist Patrick und lebt immer noch bei seinen Eltern. Die leiten ein Nudisten-Camp in den belgischen Ardennen. Als der Vater stirbt, muss der Sohn übernehmen. Der hat aber ganz andere Sorgen.

Patrick (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Allein unter Nackten

Wenn da nur nicht die Sache mit dem Hammer wäre. Wie eine beständige Mahnung an dessen Abwesenheit klafft die leere Aussparung im Werkzeugschrank von Patrick (Kevin Janssens). In der Reihe edler Werkzeuge ist es ausgerechnet der Hammer in der Mitte, den er vermisst. Nicht, dass er nicht auch ohne ihn zurechtkäme, doch sein Sinn nach Ordnung in einer chaotischen Welt lässt solch eine Lücke nicht zu. Zumal es nicht die einzige Lücke ist, die sich in seinem Leben auftut. Denn als sein schwerkranker Vater (Josse De Pauw) stirbt, ist dies eine ganz andere und viel gravierende Leerstelle und natürlich ist jedem in seiner Umgebung klar, dass Patricks obsessive Suche nach dem verlorenen Werkzeug in Wirklichkeit eine Art der Trauerbewältigung ist — außer Patrick natürlich.

Der hat aber sowieso ganz andere Sorgen: Die heimliche Affäre mit der älteren Dauercamperin Liliane (Ariane Van Vliet), deren Mann Herman (Pierre Bokma) nach dem Tod von Patricks Vater die Chance wittert, die Macht an sich zu reißen, führt ins Nichts, die plötzlich auftauchende Nathalie (Hannah Hoeskstra), die eigentlich dem Rockstar Dustin Apollo (Jemaine Clement) nachgereist ist, scheint für ihn unerreichbar und überhaupt stellt sich die Frage, was aus ihm nun werden soll. Denn eigentlich träumt er davon, mit seinen selbstgeschreinerten, skulpturalen Holzstühlen groß rauszukommen — auch aus dem elterlichen Anwesen, wenngleich er selbst zu gefangen ist in der Konstellation, um sich dies einzugestehen. Nur: wie soll das gehen? Wie löst man sich ab, wenn sich ein Zustand über viele Jahre verhärtet hat und zu einem Gefängnis geworden ist, aus dem es kein Entrinnen gibt?

Obwohl Tim Mielants ein durchaus erfahrener Regisseur ist, der bislang vor allem für Serien gedreht hat (unter anderem Episoden von Legion, The Terror und die gesamte dritte Staffel von Peaky Blinders), markiert Patrick sein Debüt auf der großen Leinwand. Dennoch sieht man sofort und auf den ersten Blick, dass dieser Filmemacher nicht zum ersten Mal hinter der Kamera Platz genommen hat. Das beginnt bereits bei der ersten Einstellung, die Patrick von weit oben als „toter Mann“ auf einem See treibend zeigt und mündet schließlich in einen furiosen Kampf in einem Wohnwagen, der zu den Highlights dieses ansonsten eher stillen Films zählt. 

Immer wieder schafft es Tim Mielants gemeinsam mit seinem Co-Autoren Benjamin Sprengers, vor allem über Bilder und ohne allzu viele Worte Informationen zu vermitteln: Wenn etwa Liliane Patrick zum Stelldichein eine selbstgemachte Marmelade mitbringt und später die Kamera über die sorgsam aufgereihten Gläser schweift, weiß man sofort, wie lange diese Sexaffäre schon geht. Subplots und Details wie diese gibt es viele und Mielants weiß sie überaus ökonomisch und im Dienste der Geschichte einzubauen.

Seine in spätsommerliche Farben mit vielen Ocker- und Braunschattierungen (Kamera: Frank van den Eeden — Girl) gehaltenen Bilder zeichnen den Mikrokosmos des Nudisten-Camps als Mischung aus Tragödie und Komödie, als Ort skurriler Feindschaften, heimlicher Freundschaften und Affären, wechselnder Koalitionen, Machtbestrebungen und unterdrückter Wünsche. Dass der Großteil des Ensembles die ganze Laufzeit über nackt durchs Bild läuft, lässt Mielants schnell vergessen, weil der körperlichen Freizügigkeit die emotionale Verklemmtheit gegenübergestellt wird, die einen reizvollen und durchaus schlüssigen Kontrast zur zelebrierten Offenheit der Nudist*innen bildet.

Dass Patrick das Zeug zumindest zu einem Festivalhit und Publikumsliebling hat, hat sich bereits in Karlovy Vary gezeigt, wo Tim Mielants den Preis für die beste Regie erhielt. Von da an wird — soviel ist sicher — der Film seine Reise durch die Filmfestivallandschaft antreten. Ob ihm allerdings auch ein deutscher Kinostart vergönnt ist, ist bisher ungewiss.

Patrick (2019)

Patrick geht seinem Vater zur Hand, der einem Nudisten-Camp vorsteht. Wenn es seine Zeit erlaubt, entwirft und fertigt er nebenher Möbelstücke. Als sein Vater stirbt, verändert das auf einen Schlag sein ganzes bisheriges Leben, denn er muss die Leitung des Camps übernehmen und erweist sich dabei nicht gerade als idealer Nachfolger seines alten Herren. 

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