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Gefangen im Käfig einer nur scheinbar funktionierenden Ehe entwickelt eine junge Frau einen merkwürdigen Fetisch: Sie verschluckt Gegenstände und bringt damit ihr eigenes Leben in Gefahr.

Swallow (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Hunger nach Leben

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als habe Hunter (herausragend: Haley Bennett) alles, was sie wolle. Die frühere Verkäuferin aus einfachen Verhältnissen hat in dem vermögenden Unternehmer Ritchie (Austin Stowell) einen Ehemann gefunden, der ihr ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Durch den Einstieg Ritchies in die Firma seines Vaters (David Rasche) fehlt es dem jungen Paar an nichts und die Zukunft könnte kaum verheißungsvoller aussehen.

Und doch ist nicht alles so gülden, wie es scheint. Schon recht früh merkt man, wie es um die Machtverhältnisse innerhalb der Ehe und der angeheirateten Familie steht. Setzt Hunter dazu an, etwas zu sagen, wendet sich das Gespräch zu anderen, vermeintlich wichtigeren Themen. Aus Ritchies Blick und den Bemerkungen ihrer Schwiegereltern spricht Besitzerstolz und die Sorge um ein gutes Investment, nicht aber echte Zuneigung und Beziehungen auf Augenhöhe. Hunter, die kein eigenes Leben und keine eigene Geschichte zu haben scheint, ist offensichtlich vor allem mit dem Zweck geheiratet worden, ihrem Mann das Leben so angenehm wie möglich zu machen und — natürlich — ein Kind zu gebären.

Als Hunter „endlich“ schwanger wird und damit die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt, entwickelt sie aber eine Angewohnheit, die mit der Zeit zu einer Besessenheit wird: Sie, die alles erduldet und klaglos herunterschluckt, entdeckt, dass sie sich danach verzehrt, Gegenstände, die eigentlich nicht zum Essen gedacht sind, sich einzuverleiben und sie später nach deren Ausscheidung fein säuberlich gewaschen auf einem Tablett zu arrangieren als Beweis dessen, was sie getan hat. 

Zunächst unbemerkt von ihrer Umwelt, die sowieso recht überschaubar ist, sucht Hunter immer extremere Erfahrungen: Nach Eis in einem Restaurant, verschluckt sie eine Murmel, eine Stecknadel und schließlich sogar eine Batterie, bis sie ihre Erkrankung nicht mehr verheimlichen kann. Und dann greifen die Mechanismen von Besitz und Eigentum in aller Unbarmherzigkeit, denn schließlich geht es nun nicht mehr allein um Hunters Leben, sondern vor allem um den Schutz des ungeborenen Lebens, das in ihr heranwächst. Als der Pfleger (oder besser Aufpasser) Luay (Laith Nakli), der ihr an die Seite gestellt wird, eine weitere Eskalation nicht verhindern kann, soll sie in eine Klinik gehen. Doch Hunter will das nicht …

Pica-Syndrom (nach Pica = die Elster) nennt sich der medizinische Fachausdruck für diese qualitative, nicht quantitative Essstörung, die zu den eher seltenen Phänomenen gehört. Obgleich Hunters Verhalten geradezu prototypisch für das Pica-Syndrom ist, ist der Film keine kühle medizinische Fallstudie, sondern in erster Linie ein Psychodrama mit Elementen des Body Horror, an dessen Ende zumindest die Ahnung steht, wie ein Leben ohne den autoritären Zugriff von Hunters angeheirateter Familie aussehen könnte. 

Der von Carlos Mirobella-Davis durchaus langsam, aber sehr nachdrücklich inszenierte Film mit durchweg gedämpfter Farbpalette erliegt nicht der Versuchung, Hunters seltsame Vorliebe sensationslüstern auszuschlachten, sondern verlässt sich stattdessen auf die Kraft seiner Darsteller_innen, von denen vor allem Haley Bennett eine eindrucksvolle Leistung auf die Leinwand bringt. Oft sind es kleine Gesten, die sie mit Bedeutung auflädt, während ihre Gesicht auf den ersten oberflächlichen Blick überwiegend beherrscht und ausdruckslos bleibt. Wenn ihre Schwiegermutter ihr beispielsweise mit auf den Weg gibt, welche Haarlänge Ritchie bei „seinen“ Frauen bevorzugt, dann drückt sich Hunters Verunsicherung allein über ihre Griffe in ihren Bob aus. Und später, als es zu einer Konfrontation mit Erwin (Denis O’Hare) kommt, zeigt sich in dieser Szene, in der sich zwei aussprechen wollen und es doch nicht wirklich können, weil es immer wieder zu Störungen und Unterbrechungen kommt, die ganze Bandbreite des darstellerischen Könnens der Beteiligten. Sie sind es, die dem an sich recht unterkühlten Drama eine zusätzliche Tiefe und weitere emotionale Ebenen hinzufügen, die aus Swallow einen überaus sehenswerten Film machen.

Swallow (2019)

„Swallow“ folgt einer schwangeren und unterdrückten jungen Ehefrau namens Hunter, die insgeheim physische Objekte verschluckt, um ihrem kontrollsüchtigen Ehemann zu entgehen. In der maskulinen Welt von Macht und Erfolg, kommt sie mit der Rolle der perfekten Hausfrau im goldenen Käfig nicht klar. Ihr immer präsentes Lächeln passt nicht zu ihrer inneren Unruhe und sie entwickelt eine seltene Essstörung namens „pica“, mit der sie Kontrolle über ihren Körper zurückerlangen will. 

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Meinungen

Martin Zopick · 07.04.2022

Hunter (Haley Bennett) hat einen wohlhabenden, sexy Mann, Richie Conrad (Austin Stowell), lebt in einer Luxusvilla und kann sich jeden Wunsch erfüllen. Doch sie langweilt sich und fühlt sich von Richies dominanten Eltern eingeengt. Sie beginnt ungenießbare Gegenstände zu schlucken (Titel!). Es ist keine Bulimie, unter der sie leidet, sondern eher unter dem ‘Pika Syndrom‘ verbunden mit Autoaggression. Sie schluckt Murmeln, einen Lippenstift, eine Sicherheitsnadel, eine Wäscheklammer, einen Schraubenzieher oder eine Minibatterie.
Als Richies Familie von Hunters Krankheit erfährt, werden die Ärzte eingeschaltet. Bei einer Sonographie werden Gegenstände in ihrem Bauch entdeckt. Die Psychiaterin Alice (Zabryna Guevara) kann ihr schmerzliche Details aus ihrer Kindheit entlocken. Ein Wächter kann Hunter nicht pausenlos kontrollieren. Aus dem Sanatorium haut sie ab. Irgendwie findet sie William (Denis O’Hare), den Vergewaltiger ihrer Mutter und konfrontiert ihren leiblichen Vater mit seiner Vergangenheit, die jetzt vor ihm steht. Regisseur Carlo Mirabelle-Davies erhebt keine Vorwürfe, macht keine Schuldzuweisung. Er liefert nur eine laue Erklärung. William ‘Ich war Gott bei der Vergewaltigung. Ich war im Knast und habe Scheiße fressen müssen. Ich war ein Stück Scheiße.‘
Sachlich kühler Schluss für ein selten dokumentiertes menschliches Drama. Kein Stoff zum Ausruhen.