Das koloniale Missverständnis

Das koloniale Missverständnis

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Weil nicht sein kann, das nicht sein darf

„Die Verdrängung zahlreicher Verbrechen, Völkermorde und unzähliger massiver Missbräuche infolge des Sklavenhandels und der Kolonisierung Afrikas, die bis heute keinen Eingang in das Gedächtnis und die Geschichte gefunden haben, ist eine unannehmbare Situation. Diese Verbrechen sind Gegenstand einer insgeheimen Verweigerung: Man kann darüber sprechen, es gibt eine offizielle, faktische Anerkennung dieser Geschichte, doch es ist, als ob sie nicht Teil des historischen Bewusstseins, des Gedächtnisses der Menschheit, wären. Gedächtnisarbeit und Bewusstwerdung wurden ständig verhindert und unterdrückt.“ Mit diesen Worten beschreibt der Kameruner Filmemacher Jean-Marie Teno seinen Impuls, mit dem er sich an die Aufarbeitung des Traumas der Kolonisation herangewagt hat.
Im Zentrum seines Interesses steht dabei vor allem die deutsche Kolonial- und Missionsgeschichte. Auf den Spuren der Missionare reist Teno von Wuppertal über Südafrika, Namibia, Kamerun und Togo wieder zurück nach Wuppertal, um dort die Geschichte der „Rheinischen Missionsgesellschaft“ zu erkunden. 1828 mit der hehren Absicht gegründet, die christliche Botschaft zu verbreiten, war sie schon nach kurzer Zeit aktiv in die koloniale Unterwerfung Afrikas verstrickt. Teno rekonstruiert die Wechselwirkungen zwischen dem christlichen Ethos der Missionare, handfesten kaufmännisch-kolonialen Interessen und den traumatischen Erlebnissen der Missionierten. Doch Teno  — und das macht die große Stärke von Das koloniale Missverständnis / Le Malentendu Colonial aus — verharrt nicht in der Vergangenheit, er thematisiert auch die aktuelle Position der afrikanischen Kirchen und deren politisches Engagement.

Der am 14. Mai 1954 in Famleng (Kamerun) geborene Jean-Marie Teno zählt zu den wichtigsten Vertretern der jungen Generation afrikanischer Filmemacher. Seit 1977 lebt und arbeitet er in Frankreich, doch nach wie vor betrachtet er den Kamerun als seine Heimat und wendet deshalb auch immer wieder seinen filmischen Blick dorthin, um den Blick der Afrikaner und der Europäer für Kolonialismus und Neokolonialismus, für Migration, Diktatur und Machtmissbrauch in Afrika zu schärfen.

Das koloniale Missverständnis

Die Verdrängung zahlreicher Verbrechen, Völkermorde und unzähliger Missbräuche infolge des Sklavenhandels und der Kolonisierung Afrikas, die bis heute keinen Eingang in die Geschichte gefunden haben, ist eine unannehmbare Situation.
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· 27.12.2006

Absolut sehenswert!

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