Particle Fever - Die Jagd nach dem Higgs

Particle Fever - Die Jagd nach dem Higgs

Eine Filmkritik von Benjamin Wirtz

Ein Wissenschafts-Thriller

Ein historischer Augenblick und einer der wichtigsten wissenschaftlichen Durchbrüche, dessen Ergebnis die Sicht auf die Welt komplett verändern soll – so beschreiben die Beteiligten die Bedeutung des teuersten und größten Experiments aller Zeiten. Particle Fever - Die Jagd nach dem Higgs dokumentiert dieses Langzeitprojekt mit seinen Höhen und Tiefen und begleitet mehrere Wissenschaftler, die bei dem Experiment in führender Position dabei waren. Glücklicherweise geht der Film dabei so verständlich vor, dass man auch ohne ausgeprägtes physikalisches Wissen den Vorgängen beiwohnen und sie einigermaßen nachvollziehen kann.
Das Experiment, das Particle Fever vorstellt, ist zweifellos auch für Nicht-Physiker beeindruckend. 10.000 Wissenschaftler aus über 100 Ländern haben daran mitgearbeitet. Die Planung zog sich über Jahrzehnte und auch die Durchführung selbst dauerte mehrere Jahre, die Kosten lagen in Milliardenhöhe. Doch worum geht es nun in diesem Experiment, das so viel Aufmerksamkeit für sich beanspruchte?

Die Wissenschaftler wollten, so ihr erklärtes Ziel, ähnliche Bedingungen schaffen, wie sie nach dem Urknall geherrscht haben. Dazu haben sie den LHC, den leistungsstärksten Teilchenbeschleuniger der Welt, gebaut. In ihm werden Teilchen durch einen 26,7 Kilometer langen, ringförmigen Tunnel geschossen und dabei fast bis zur Lichtgeschwindigkeit beschleunigt, bis sie miteinander kollidieren. Und diese Zusammenstöße werden dann an verschiedenen Stellen genau beobachtet und untersucht.

Was sich die Wissenschaftler von den Beobachtungen versprechen: Entdeckungen über unbekannte Kräfte, weitere Dimensionen des Raumes oder Hinweise auf das Rätsel dunkler Materie. Vor allem aber erhoffen sie sich eins: Einen Beweis für die Existenz des Higgs-Boson – jenes Teilchens also, das alles zusammenhält. Jahrelang gab es die Theorie, dass dieses unentdeckte Teilchen der Kern aller Dinge und damit auch der Grund für die Existenz unserer Welt sei. Bisher gab es aber noch nicht die technischen Möglichkeiten, dessen Bestehen nachzuweisen. Und genau das soll jetzt durch den LHC möglich geworden sein. Allerdings birgt die ganze Sache auch eine Gefahr in sich: Sollte das Higgs-Teilchen nicht nachgewiesen werden können, bedeutet das, dass jahrelange Forschungen umsonst gewesen sind.

Particle Fever legt keinen Wert auf tiefergehende physikalische Details. Bei Vorträgen der begleiteten Wissenschaftler wird der komplizierte Teil übersprungen und nur die Sätze gezeigt, deren Sinn sich auch den Laien erschließt. Dem Film geht es vielmehr darum, die Begeisterung und die Gefühle der Wissenschaftler sowie die Bedeutung des Projekts für die Welt der Wissenschaft herüberzubringen. Genau aus diesem Grunde werden auch die Biographien der Wissenschaftler mit in den Film eingebaut, denn auf diese Weise erhöht sich die Identifikation der Zuschauer mit den Physikern.

Die Gefühle auf den Zuschauer zu übertragen, gelingt dem Film ohne Probleme. An vielen Stellen besitzt er wahre Thrillerqualitäten. Er erzeugt durch den effizienten Einsatz von Musik und Montage in den richtigen Momenten enorme Spannung. So zum Beispiel bei dem ersten Versuch, die Teilchen durch den LHC zu jagen. Der Countdown wird heruntergezählt, die Musik schwillt an, die Montage wird hektischer, nach Ablauf des Countdowns scheint das Experiment nicht zu funktionieren, doch im letzten Moment klappt dann doch alles. Das zieht den Zuschauer mit in die Anspannung der Wissenschaftler hinein.

Auch bei der ersten Kollision ist eine solche Szene zu finden. Wieder baut sich kurz vorm Erfolg des Experiments eine starke Spannung auf, die sich dann in einer wilden Montagesequenz mit Beethovens Ode an die Freude entlädt – eine wenig subtile, aber dennoch unheimlich effektive Inszenierung. So geht der Zuschauer mit den Protagonisten durch viele Gefühlsebenen. Man ärgert sich mit ihnen über jeden Fehler und jedes Scheitern am Experiment, und freut sich mit ihnen über jeden Erfolg. Für die intensive Wirkung dieser Spannungsmomente ist nicht zuletzt der Editor Walter Murch (Apocalypse Now, Der englische Patient) verantwortlich, der den Film geschnitten hat.

Visuell ist Particle Fever nicht immer packend. Das Wunderwerk der Technik ist vor allem dann beeindruckend anzuschauen, wenn das ganze Ausmaß des LHCs gezeigt wird. Fünf Stockwerke hohe Computer, die bis oben hin mit Mikroelektronik vollgestopft sind, sind ohne Zweifel ein faszinierender Anblick – erst recht für Technik-Freaks. An anderen Stellen funktioniert es nicht immer in ausreichendem Maße, die Wissenschaft in ansprechende Bilder zu übersetzen – was natürlich auch daran liegt, dass das Feld der theoretischen Physik visuell nicht unbedingt spannend darzustellen ist. Da muss dann zu klischeehaften Bildern gegriffen werden, wie das schnelle Schreiben und Wegwischen von Formeln an die Tafel. Den Filmfluss stört das indes nicht.

Was freilich stört, ist die Tatsache , dass der Film keinerlei ernsthafte Kritik an dem Experiment zulässt. Die teilweise durchaus nachvollziehbare Kritik an dem ganzen Vorhaben stellt der Film entweder als albern dar (so die Angst mancher Menschen, bei der Durchführung des Experiments könnte die Erde zerstört werden) oder er kanzelt sie mit einem Gegenargument ab, mit dem die Diskussion als endgültig geklärt und abgeschlossen erscheint (so bei der Frage nach dem ökonomischen Nutzen und den hohen Kosten). Eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe mit den Kritikpunkten findet in Particle Fever nicht statt.

Insgesamt aber hat Particle Fever durchaus Potenzial, den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen. Er verdeutlicht die spannende Seite der Wissenschaft. Durch die Konzentration auf Gefühle und nicht auf physikalische Details und komplizierte Sachverhalte gibt der Film auch Laien die Möglichkeit, bei diesem wichtigen Experiment dabei zu sein und daran teilzuhaben.

Particle Fever - Die Jagd nach dem Higgs

Ein historischer Augenblick und einer der wichtigsten wissenschaftlichen Durchbrüche, dessen Ergebnis die Sicht auf die Welt komplett verändern soll – so beschreiben die Beteiligten die Bedeutung des teuersten und größten Experiments aller Zeiten. "Particle Fever - Die Jagd nach dem Higgs" dokumentiert dieses Langzeitprojekt mit seinen Höhen und Tiefen und begleitet mehrere Wissenschaftler, die bei dem Experiment in führender Position dabei waren.
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