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17 24/02

Road to the Oscars: Genreerkundungen – Regisseur Denis Villeneuve

Vier Filme hat Denis Villeneuve in den vergangenen vier Jahren gemacht, ein fünfter befindet sich gerade in Postproduktion. Dabei hat es der Frankokanadier bisher geschafft, mit jedem Film mit Narration und Bildsprache zu überraschen und das jeweilige Genre ein wenig weiterzuentwickeln. 


(Denis Villeneuve gemeinsam mit Amy Adams am Set von Arrival; Copyright: Sony Pictures)

Geboren 1967 in Trois-Rivières, Québec, Kanada studierte Denis Villeneuve an der Universität in Montreal und begann seine Karriere mit Kurzfilmen. Im Jahr 2001 erregte er erstmals mit seinem surrealen Film Maelström insbesondere auf Festivals für Aufsehen (u.a. FIPRESCI-Preis bei der Berlinale). Hierin erzählen Fische - ja, Fische - die Geschichte der Kanadierin Bibiane, die sich in den Mann verliebt, dessen Vater sie bei einem Unfall getötet hat. Schon hier zeigen sich erste Charakteristika seiner folgenden Filme: eine ausgeprägte Ästhetik, in der sich klare Farben mit Ausgewaschenheit verbinden und eine Narration, die nicht immer einer stringenten Linie folgt. Acht Jahre später feierte der kontroverse Polytechnique in der Quinzaine des Réalisateurs in Cannes Premiere, hierin widmet sich Villeneuve in gleichermaßen nüchternen wie ästhetischen Schwarz-Weiß-Bildern dem Amoklauf an der Polytechnischen Hochschule, bei dem 14 Frauen getötet wurden. Der Film folgt keiner klaren Chronologie, er geht vor und zurück und versucht, eine Tragödie im Film zu fassen, ohne eindeutige Urteile zu fällen.


Trailer zu Polytechnique

Im Jahr 2010 vergrößerte sich mit Incendies - Die Frau, die singt die Bekanntheit von Denis Villenuve. Der Film wurde bei den Festivals in Venedig und Toronto gezeigt und für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. In einer Mischung aus Familienthriller und Bürgerkriegsepos erkundet Denis Villeneuve basierend auf einem Theaterstück die Frage, inwiefern Versöhnung in einer hasserfüllten und gewalttätigen Welt möglich ist. Der Staub, die Hitze, die Qualen übertragen sich fast physisch auf die Zuseher, zugleich verschachtelt Villeneuve abermals realistische mit poetischen Bildern, Narration und Zeitebenen. 


Trailer zu Incendies - Die Frau, die singt

Mit Polytechnique und Incendies hat Denis Villeneuve bewiesen, dass er gerade durch die ästhetische Darstellung Gewalt in aller Schonungslosigkeit thematisieren kann. Deshalb werden Gewaltszenen niemals übertrieben oder zu Unterhaltungszwecken eingesetzt, sondern sie enthüllen das Grauen der Gewalt. In Prisoners wird dieser Stil abermals deutlich: Erzählt wird die Geschichte zweier Familien, deren Kinder gemeinsam entführt werden. Der Vater des einen Kindes, der es als seine wichtigste Aufgabe ansieht, seine Familie zu schützen, entwickelt daraufhin sukzessive eine Gewaltphantasie und verliert sich in moralischer Anarchie. Sparsam entfalten sich die Tatsachen und damit eine Geschichte, die immer komplexer wird. Man ahnt, was gerade passiert, aber mehr als eine Ahnung ist es nicht. Es ist, als würde Villeneuve verstehen, was wirklich passiert, wenn ein Kind entführt wird - nicht nur bei dem Täter, sondern auch bei Ermittlern und Angehörigen. Beständig muss daher der Zuschauer entscheiden, wer sich richtig und wer sich falsch verhält - und am Ende des Films bleibt ein mehr als ambivalentes Gefühl zurück. Denn weder der Film noch die Zuschauer sollten sich etwas vormachen: nach diesen Verbrechen renkt sich das Leben nicht von alleine wieder ein. 


Trailer zu Prisoners

Villeneuves Charaktere glauben oftmals, dass das Leben gegen sie ist und befinden sich auf einer Suche - auf die Frau, die nach dem Unfallopfer bzw. der Vergangenheit der Mutter sucht, den Vater, der den Entführer seiner Tochter und eine Art Gerechtigkeit sucht, folgt in Enemy der junge Mann, der seinen Doppelgänger sucht. In der Adaption von José Saramagos Der Doppelgänger baut Denis Villeneuve regelrecht ein Labyrinth aus Andeutungen, Symbolen, einer nicht-chronologischen Narration und insbesondere Bildern, die das Unbewusste des Doppelgängers-Themas gleichermaßen modern wie mythologisch widerspiegeln. 


Trailer zu Enemy

Die Realitätsnähe, die Gewalt, die moralische Ambiguität zeigen sich auch in Sicario, basierend auf einem Originaldrehbuch von Taylor Sheridan. Erzählt wird von der FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt), die von einer verdeckt operierenden Sondereinheit rekrutiert wird, deren Aufgabe es ist, einen mexikanischen Drogenboss auszuschalten und dabei weder vor Einschüchterung noch Mord zurückschreckt. Wie in seinen vorherigen Filmen greift nicht nur auf Motive der Kunst und Literatur zurück, sondern auch filmische Muster auf und entwickelt sie weiter: Sicario hat eine typische Drogenthrillerausgangssituation - US-Ermittlungsbehörden gehen mit Hilfe eines "aufrechten" Mexikaners gegen ein brutales Drogenkartell vor -, wendet den alten Ermittlungsgrundsatz "follow the money" an und folgt einer Gesetzmäßigkeit des war on drugs - den Leichen. Hinzu kommt mit Kate Macer eine Protagonistin, die mit dem aufrechten Ermittler und naiven Außenseiter zwei typische Thrillerfiguren in sich vereint. Diese narrativen Muster entwickelt Villeneuve nun in aller realistischen Schonungslosigkeit weiter, indem er überfällige Dichotomien von gut und böse, von diesseits und jenseits der Grenze auflöst. Zudem geht Sicario ästhetisch einen Schritt weiter (Kamera: Roger Deakins): das Auffinden des Todeshauses in Arizona ist in helle, flirrende Farben gefasst, die lange Zeit im Drogenthrillern den Bildern in Mexiko vorbehalten waren - aber längst haben die Folgen des war on drugs die Grenze überschritten. Dagegen wird die brutalste Szene des Films in warmes Licht gefasst, das zu der Gewalt einen Gegenakzent setzt. 


Trailer zu Sicario

Denis Villeneuves Filme bedienen somit das Genrekino, entwickeln es auch weiter, indem sie Formeln und Strukturen aufgreifen und hinter sich lassen. Deshalb wird ein Entführungsthriller zu einer Fabel über die Grenzen der Moral, ein Mysterythriller zu einer philosophischen Erkundung des Ich, ein Drogenthriller zu einer Abhandlung der Gewalt - und ein Science-Fiction-Film zu einem Film über Trauer, Einsamkeit und Sprache. Arrival beginnt ganz klassisch mit der Ankunft von Aliens auf der Erde, um sich dann der Frage zu widmen, wie der Erstkontakt zwischen Außerirdischen und der Menschheit verlaufen würde. Aber Villeneuve weiß, dass es dafür keine wirklich zufriedenstellende Antwort gibt, also konzentriert er sich auf Fragen und mögliche Lösungen und entwirft auf diese Weise eine plausible Version, in der Menschlichkeit und Einsamkeit bestimmende Konstanten sind. Spannung entsteht allein aus dem Zusammentreffen zweier "fremder" Kulturen, das durch die sphärisch-elegischen Bilder (Kameramann: Bradford Young) und außerweltlichen Klangwelten transzendiert wird. 


Trailer zu Arrival

Eigentlich lässt Arrival hoffen, dass auch Denis Villeneuves nächstes Projekt ein großer Wurf wird: die Fortsetzung Blade Runner 2049. Außerdem arbeitet er noch an der Jo-Nesbø-Adaption The Son und einer Neuverfilmung von Dune. Es sind drei Filme, die eine enorme Fallhöhe mit sich bringen und sehr deutlich erkennen lassen, dass sich Villeneuve immer mehr im Umfeld großzügig budgetierter Studioproduktionen bewegt. Und er wäre nicht der erste Regisseur, der durch zu viele Projekte und zu viel Mitsprache in die falsche Richtung steuert. Aber nun heißt es erst einmal abwarten, ob er entgegen aller Erwartungen für Arrival mit dem Oscar ausgezeichnet wird.

(Sonja Hartl)