Rückkehr in die Normandie

Rückkehr in die Normandie

Eine Filmkritik von Paul Collmar

Ellipsen zwischen Film und Leben

Sein und Haben / Être et avoir war ohne Frage eine der großen Überraschungserfolge des Dokumentarfilms in den letzten Jahren. Der Film von Nicolas Philibert über die Geschicke einer Zwergschule in der Auvergne begeisterte nicht nur bei seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes, sondern erwies sich auch in zahlreichen Programmkinos als regelrechter Dauerbrenner, in Frankreich besuchten mehr als 1,5 Mio. Zuschauer den Film. Ein Erfolg, der umso erstaunlicher war, weil Philibert als Regisseur allenfalls Experten des französischen Films ein Begriff war. Doch mit dem Erfolg kamen die Neider: Der Regisseur habe, so wurde in der Öffentlichkeit lanciert, die Kinder und den Lehrer der Schule ausgenutzt, der porträtierte Lehrer strengte gar einen Prozess gegen Nicolas Philibert an, da er sich für seine Mitwirkung bei Sein und Haben / Être et avoir nicht ausreichend belohnt sah. Für den Filmemacher war dies ein herber Rückschlag in einer für ihn phantastisch anmutenden Erfolgsgeschichte. Immerhin aber konnte sich der Lehrer in mehreren gerichtlichen Instanzen nicht mit seinen Forderungen durchsetzen.
Möglicherweise lag es ja an diesen Erfahrungen, dass Nicolas Philibert sich für seinen neuen Film Rückkehr in die Normandie / Retour en Normandie an seine Anfänge als Filmemacher erinnerte — auch wenn die Idee zu diesem Film bereits aus der Zeit vor Sein und Haben / Être et avoir stammte. Im Jahre 1975 hatte er als Regieassistent bei René Allios Moi, Pierre Rivière ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère mitgewirkt, einen Film, der nach einem Buch von Michel Foucault entstanden war und sich mit einem realen Mordfall in der Normandie auseinandersetzte, der 140 Jahre zurücklag. Aufregend für den jungen Regieassistenten, der damals Mitte der Siebziger kaum Filmerfahrung besaß, war vor allem die Tatsache, dass sich Allio gegen professionelle Darsteller entschied und die Hauptrollen mit Laienschauspielern aus der Normandie besetzte – zumeist waren es Bauern, die mit großem Enthusiasmus die ihnen zugewiesenen Rollen verkörperten. Die Erlebnisse während dieses Films haben Nicolas Philibert geprägt: Die vielfache Verbindung und die wechselseitigen Beeinflussungen zwischen Leben und Film haben seinen Blick als Filmemacher geschärft und ihm so etwas wie ein Leitmotiv für seinen weiteren cineastischen Werdegang mit auf den Weg gegeben.

Nach mehr als dreißig Jahren ist Philibert mit seinem neuen Film Rückkehr in die Normandie / Retour en Normandie nun an die Orte zurückgekehrt, an denen seine Filmkarriere begann. Er sucht die Darsteller auf, die bei René Allios Film mitgespielt haben, erinnert sich an den Regisseur, der 1995 verstarb, und an seinen Vater Michel Philibert, dem er die ersten Begegnungen mit dem Kino verdankt. Schließlich gelingt es ihm sogar, eine damals nicht im Film verwendete Szene aufzutreiben, in der sein Vater zu sehen ist.

Rückkehr in die Normandie / Retour en Normandie ist eine Rückbesinnung auf die Wurzeln, eine „recherche du temps perdu“ im Sinne Marcel Prousts und wie stets bei Nicolas Philibert ein sehr persönlicher Film, der dieses Mal wahrscheinlich nur einen relativ kleinen Zuschauerkreis wird erreichen können. Wer sich von den Werdegang des Filmemachers von Sein und Haben / Être et avoir interessiert, dafür, wie er wurde, was er ist, der wird an diesem kleinen Werk seine Freude haben – selten war man den Haltungen eines Filmemachers so nahe, selten hat man so deutlich gespürt, was ihn geprägt und gefornt hat. Eine Reflexion über das Filmemachen und die Vergänglichkeit.

Rückkehr in die Normandie

Sein und Haben / Être et avoir war ohne Frage eine der großen Überraschungserfolge des Dokumentarfilms in den letzten Jahren.
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