Intimacy

Intimacy

Freitag, 21. Januar 2005, 3sat, 23:05

Es ist wieder einmal Mittwoch Nachmittag, und wie in all den Wochen zuvor klingelt es zu einer verabredeten Uhrzeit an der Tür des Appartements von Jay (Mark Rylance). Wie all die Tage zuvor, so steht auch dieses Mal Claire (Kerry Fox) vor der Tür, die beiden begrüßen sich wortlos, beinahe peinlich berührt von ihrer Fremdheit, und beginnen im nächsten Moment, wie Tiere übereinander herzufallen. Danach lösen sie sich wieder voneinander, und Claire kehrt zurück in ihr eigenes, braves und unscheinbares Familienleben. Was zunächst manchem Erotomanen wie das Paradies auf Erden erscheinen mag, entpuppt sich immer mehr als die Hölle auf Erden, als ein Kreislauf der zerstörerischen Lust, aus der es offensichtlich kein Entrinnen mehr gibt.

Das kunstvolle und befremdliche Arrangement der beiden ist gefährdet, als Jay sich schließlich in den Kopf gesetzt hat, den Schutzwall der Fremdheit zwischen ihm und Claire zu durchbrechen. Er stellt seiner Mittwochs-Geliebten nach und findet heraus, dass sie verheiratet ist, einen kleinen Sohn hat und als Amateur-Schauspielerin in einem winzigen Theater in der Vorstadt auftritt. Ein geregeltes, oberflächlich betrachtet normales Leben, vielleicht sogar so eines, wie es sich Jay selbst für sich wünscht. Doch nach der Trennung von seiner Frau und den beiden Kindern hat er sein Leben nicht mehr im Griff, was auch seiner Wohnung deutlich anzusehen ist, die zusehends vermüllt wirkt.

Doch mit dem schrittweisen Durchbrechen der sorgsam gehüteten Anonymität verliert die Affäre mehr und mehr ihren Zweck, und als Jay Claire vor eine absurd anmutende Wahl stellt, kann sie nicht anders als „Nein“ zu sagen. Denn was sind die beiden schon – zwei Fremde, die kaum etwas verbindet außer dem Zufall, einer fragilen Übereinkunft und dem Gefühl der absoluten Fremdheit.

Es gab eine Zeit – noch gar nicht so lange her — , da galten jungen Filme aus Frankreich als Speerspitze einer neuen, freizügigeren Art des Filmemachens, und Intimacy ist mit Sicherheit einer der Aufsehen erregendsten Filme neben anderen wie Baise-Moi. Doch die Reduzierung des Films auf seine deutliche sexuelle Komponente wird Patrice Chéreaus Drama einer amour fou nicht einmal ansatzweise gerecht. Denn die sexuelle Verwirrung der beiden Protagonisten bildet nur die Oberfläche, das äußerlich Sichtbare zweier zutiefst einsamer Seelen, die zufällig aufeinanderstoßen, sich für eine Weile und nach einem genau festgelegten Regelwerk regelmäßig (körperlich) vereinigen, um dann wieder schweigend auseinander zu gehen. Chéreau feiert in Intimacy eben nicht die sexuelle Libertinage, sondern zeigt, dass körperliche Nähe kein Ersatz für Fremdheit und Einsamkeit ist, noch nicht einmal eine Ersatzbefriedigung. Nie wurde Sex in einem Spielfilm so offen und so wenig beschönigend gezeigt wie hier, und genau das unterscheidet ihn von der Pornographie, die schönt und lügt, und von der aufgesetzten Schamhaftigkeit fast aller Spielfilme, die einen (zumindest für manche) wesentlichen Teil unseres Lebens einfach verstecken – jenen der im Titel beschriebenen Intimität. Ein Meisterwerk, das 2001 auf der Berlinale vollkommen zu Recht den Hauptpreis als bester Film gewann.

Intimacy

Es ist wieder einmal Mittwoch Nachmittag, und wie in all den Wochen zuvor klingelt es zu einer verabredeten Uhrzeit an der Tür des Appartements von Jay (Mark Rylance).

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