Brotherhood

Brotherhood

Eine Filmkritik von Andreas Kock

Krieg, Kitsch, Aufklärung

Der Kriegsveteran Lee Jin-seok erhält einen sonderbaren Anruf vom Verteidigungsministerium. Bei Ausgrabungen auf einem früheren Schlachtfeld sei man auf die Überreste eines Soldaten gleichen Namens gestoßen. Ob es sich um eine Verwechslung handele? Offenkundig, doch in Jin-seok rumort es. Unverzüglich bricht er zur Ausgrabungsstelle auf. Die Reise führt zurück ins Jahr 1950, als das harmonische wenn auch ungleiche Brüderpaar Jin-seok und Jin-tae vom Bürgerkrieg aus ihrem friedlich-ärmlichen Dasein gerissen werden. Die beiden finden sich zwangsrekrutiert in den Reihen der südkoreanischen Armee wieder, Kanonenfutter im Kampf gegen die nordkoreanischen Truppen.
Aber so wie sich das Kriegsglück der südkoreanisch-amerikanischen Allianz dreht und wendet, so verwandelt auch der Krieg die Brüder. Jin-tae, der ältere und pragmatischere Geschwisterteil, erweist sich als begabter und skrupelloser Frontkämpfer. Sein Einsatz geht weit über das hinaus, was er zum Schutz und Vorteil seines zarteren und introvertierten Bruders zu leisten glaubt. Jin-seok sieht mit Widerwillen und wachsendem Ekel, wie der Bruder zum mit Medaillen dekorierten Helden avanciert. Zum dramatischen Wendepunkt kommt es abseits der Frontlinie, als im heimischen Seoul die Verlobte von Jin-tae wegen vermeintlicher Kollaboration erschossen wird. Jin-tae verliert darüber völlig die Fassung und wechselt die Seiten. Er kämpft fortan für den kommunistischen Norden.

Mit seiner dritten Regiearbeit landete Kang Je-gyu bei sich zuhause einen riesigen Hit. Gemessen an den Zuschauerzahlen ging jeder vierte Südkoreaner ins Kino, um sich dieses Zweistundenepos anzusehen. Bei so viel Resonanz muss der Film ganz offenbar den Nerv der Gesellschaft getroffen haben. Kang rekapituliert große Geschichte von unten, aus der Perspektive unfreiwilliger Infanteristen, er spart die Verbrechen der eigenen Seite nicht aus und er zeigt die Schrecken des Krieges mit maximalem Realismus. Das sind die Leistungen von Brotherhood, die der hiesige Kinogeher durchaus anerkennen muss. Trotzdem wird er den Film bestenfalls als faszinierendes Dokument auffassen können.

Denn Brotherhood leidet für das westliche Filmverständnis auch an eklatanten Schwächen. Das koreanische Mainstreamkino liebt das Melodram, Protagonisten ohne Fehl und Tadel, Handlungen, die an Süße und Lieblichkeit überquellen. Brotherhood ist Kitsch und Klischee nur dann nicht, wenn der Krieg dazwischenschlägt und alles zerfetzt und mit äußerster Brutalität zermalmt. Allein, Krieg, Kitsch und ein bisschen Aufklärung – Zuschauer in Südkorea, auch in Japan, Taiwan und Hongkong – auch dort war der Film sehr erfolgreich – lieben diese Rezeptur. Für westliche Kinos ist sie Kassengift.

Neugierige, risikofreudigere, asienkundige Kinofreude werden dennoch zwei unterhaltsame Stunden mit dem Film verbringen. Das Hauptdarstellerpaar Jang Dong-gun und Won Bin verkörpern beeindruckende, sehr actiontaugliche Rekruten und sind gern gesehene Stars auf der Leinwand. Die Inszenierung der Kampfhandlungen hat eine ähnliche Wucht wie die des Standards setzenden Films Der Soldat James Ryan, kommt allerdings an den Ausstattungs-Perfektionismus eines Steven Spielberg nicht heran.

Aber formale Mängel im Materialeinsatz macht der Film wieder einmal mit dem typisch fernöstlichen Erzählfuror wett. Die Handlung wird im weiter gespannt, immer neue Wendungen und Einfälle verschaffen dem so nah geglaubten Ende wieder einen Aufschub. Kein Schlachtfeld wird ausgelassen. Kein Tötungsexzess, aus dem sich einer der Brüder nicht wieder erheben würde. Es geht immer weiter, sterben braucht seine Zeit.

Makabere Lüste? Vielleicht. Brotherhood ist nichts für zart besaitete Zuschauer. Brotherhood ist gut für die Erkundung des fernöstlichen Kinogeschmacks. Bleibt nur zu wünschen, dass wenn es um den fernen Osten geht, die hiesigen Verleiher sich auch wieder darauf besinnen, wichtige aktuelle kunstkino- und publikumstauglichere Filme von wahrlich nicht unbekannten Leuten wie Takeshi Kitano (Takeshis’), Zhang Zimou (Riding Alone for Thousands of Miles), Hou Hsiao-hsien (Three Times), Johnnie To (Election) und Im Sang-soo (The President’s Last Bang) endlich in Umlauf zu bringen. Sie werden schmerzlich vermisst. Denn Filmfreude lebt nicht allein von den DVDs!

Brotherhood

Der Kriegsveteran Lee Jin-seok erhält einen sonderbaren Anruf vom Verteidigungsministerium. Bei Ausgrabungen auf einem früheren Schlachtfeld sei man auf die Überreste eines Soldaten gleichen Namens gestoßen.
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Meinungen
Major · 12.02.2007

Ein Wahnsinnsfilm.auch ich bin über die Kritik hier derbe enttäuscht..wenn Hollywood anfängt maulen alle..scheiss patriotismus..und wenn es jetzt sowas ma komt..was richtig geiles..dann meckert man auch nur...fuck dat..richtig guter Film..1+!

Genial · 29.12.2006

Absolut perfektes Kino. Keine Langeweile, da Darsteller wie Story absolut überzeugend sind. Kein Hurra-Patriotismus und einseitiges Heldengeschrei. Im Gegensatz zu Herrn Spülberg ist dieser Film wirklich ein Anti-Kriegsdrama.

Björn Lingner · 19.11.2006

Der Film ist einer der Besten in dem antikriegsgenre. Sie kann mithalten und übertrifft sogar viele Hollywoodstreifen. Er trotzt nur vor Aufwand und Liebe für den Film. Es ist ein Meisterwerk der Geschichte und ich bin über die Meinung auf dieser Seite entäuscht!

Liebe Grüße, Björn L.

· 17.09.2006

Top-Vergesst den Ami-Patrioten Kitsch

Kommentare

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