Der Weiße mit dem Schwarzbrot

Der Weiße mit dem Schwarzbrot

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Bilder eines Idealisten

Schauspieler, Ex-Terrorist, Vollkornbäcker in Bamako, der Hauptstadt von Mali im Westen Afrikas – dies sind nur einige der Stationen von Christoph Wackernagel, der sich 1977 der RAF anschloss und sich sieben Jahre später wieder von ihr lossagte. Pünktlich zur Auseinandersetzung mit der 68er Bewegung und den Folgen, passend zur Diskussion um die Geschichte der RAF und um Gnadengesuche, denen wie im Falle Christian Klars nicht stattgegeben wird, hat Jonas Grosch, ein Neffe Wackernagels, seinen Onkel in Mali besucht und aus den aufgezeichneten Interviews und Szenen des alltäglichen Lebens einen Film mit dem etwas schrägen Titel Der Weiße mit dem Schwarzbrot gedreht – das Ergebnis ist eher ein Dokument als ein Dokumentarfilm. Und doch vermittelt es einen mitunter zwiespältigen, aber immer sehr persönlichen Einblick in das Leben und Denken eines Idealisten mit dunkler Vergangenheit und ungebrochenem Optimismus.
Wackernagel, 1951 in Ulm geboren, stammt aus einer Künstlerfamilie, der Vater, den Christof bereits mit sieben Jahren verlor, war Intendant am Ulmer Theater, seine Mutter Erika Wackernagel Schauspielerin. So lag es also nahe, dass Christof nach dem vorzeitigen Abbruch des Gymnasiums erste Filmrollen übernahm. Und prompt geriet sein erstes Engagement in Johannes Schaafs Film Tätowierung (1967) zu einem Erfolg – das Werk startete im Wettbewerb der Berlinale und wurde 1968 mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet. Es folgten weitere Engagements (unter anderem bei zwei Filmen von Michael Verhoeven), verbunden mit dem Umzug nach Stuttgart, wo Wackernagel schnell zu einem festen Bestandteil der linken Sympathisanten-Szene wurde. Im Sommer 1977 schließlich fasste Wackernagel den Entschluss, in den Untergrund zu gehen und sich der RAF anzuschließen. Einige Monate später – Wackernagel wurde nach der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer bereits steckbrieflich gesucht – gerieten er und sein Begleiter Gert Schneider in eine Schießerei, die beiden wurden ebenso wie drei Polizisten verwundet. Nach der Überstellung aus den Niederlanden kam es 1980 zum Prozess, an dessen Ende Wackernagel wegen versuchten Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde.

Dass der Gang in den Untergrund ein Irrweg war, erkannte Wackernagel schnell, 1983 erfolgte die öffentliche Lossagung von der RAF, 1987 schließlich wurde der Schauspieler, der im Gefängnis mit dem Schreiben begonnen hatte, unter Auflagen aus der Haft entlassen. Zu den Befürwortern der vorzeitigen Haftentlassung gehörte übrigens auch der Polizist Herman van Hoogen, der ihn in Amsterdam verhaftet hatte. Seitdem arbeitet Wackernagel wieder als Schauspieler, Schriftsteller, Maler und Musiker und lebt mittlerweile seit vier Jahren in Mali. Denn in Deutschland ist sein Name auch heute noch nach vielen Jahren vor allem mit dem Irrweg seiner Zeit bei der RAF verknüpft.

Wackernagel steckt nach wie vor voller Energie, schreibt Bücher, hilft beim Aufbau einer Vollkornbäckerei, gibt auf den Straßen Bamakos Konzerte mit dem Musiker Madou Coulibaly und versucht sich immer wieder aufs Neue an Projekten voller Idealismus und mancher auch voller Fantastereien. Doch angekommen ist er auch hier nicht. Immer wieder spürt man einiges von seiner Wesensart, gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen, sich nicht mit allem abzufinden, sondern selbst aktiv gegen Unrecht vorzugehen – wenngleich die Mittel heute ganz andere und vollkommen friedliche sind.

Mag sein, dass Wackernagel das ist, was man heute so gerne einen „Gutmenschen“ nennt. Und es mag auch sein, dass er manches aus seiner Vergangenheit verklärt, hinweglacht, wenn die Fragen auf unangenehme Punkte kommen. Und zuletzt kommt man nicht umhin festzustellen, dass Christof Wackernagel und seine Visionen von einer besseren Welt immer wieder gescheitert sind. Doch in seiner Freundlichkeit und in seinem Altruismus liegt zugleich auch etwas, das bei allen Fehlern, die dieser Mann hat, auch Respekt einfordert für einen Idealisten, dessen Spezies anscheinend immer mehr vom Aussterben bedroht ist.

Und letzten Endes spürt man es am Ende dieses wohltuend anderen Porträts eines Ex-Terroristen genau: Sein Idealismus, der im Guten wie im Schlechten immer wieder Motor und Antrieb für Handeln und Veränderungen war, er wird ihn auch durch das nächste tiefe Tal des Scheiterns tragen.

Bemerkenswert an diesem Film ist übrigens auch die Geschichte seines Entstehens, sie wirft ein bezeichnendes Licht auf die festgefahrenen Vorstellungen in den Köpfen mancher Entscheider: Als Jonas Grosch sein Projekt vorstellte, war man durchaus interessiert an der Geschichte Wackernagels, an Bildern von grauen Gefängnismauern und einer Konfrontation mit ehemaligen Opfern der RAF – allerdings nicht an dessen heutigem Leben in Afrika. Grosch entschloss sich, den Film ohne fremde finanzielle Hilfe und damit auch vollkommen frei von den eingeschliffenen Denkmustern von Redakteuren und Filmförderern zu machen. Eine mutige Entscheidung, die ebenso wie dieser kleine Film unseren Respekt verdient.

Der Weiße mit dem Schwarzbrot

Schauspieler, Ex-Terrorist, Vollkornbäcker in Bamako, der Hauptstadt von Mali im Westen Afrikas – dies sind nur einige der Stationen von Christoph Wackernagel, der sich 1977 der RAF anschloss und sich sieben Jahre später wieder von ihr lossagte.
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