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16 29/10

Viennale 2016: "66 Kinos" von Philipp Hartmann

Vielleicht sieht so ja die Zukunft des Kinos aus oder zumindest ein kleiner Bestandteil davon: Ein Filmemacher dreht einen Film, erledigt danach all die Verleiharbeit selbst, telefoniert alle in Frage kommenden Lichtspieltheater in Deutschland ab, packt danach seinen Film unter den Arm und macht sich auf die im Alleingang organisierte Kinotour.

Philipp Hartmann hat genau dies gemacht mit seinem vor allem im Ausland beachteten und hierzulande bei Festivals weitgehend übersehenen, wundervollen Essayfilm Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe. Das Ergebnis dieser Reise durch die deutsche Kinolandschaft hat er selbst mit der Kamera in einem Dokumentarfilm mit dem Titel 66 Kinos festgehalten. Herausgekommen ist dabei viel weniger ein Tagebuch, sondern eine sehr persönliche Studie, die vieles zu erzählen weiß über den Zustand der Kinolandschaft in Deutschland.


(Standbild aus 66 Kinos; Copyright: Viennale 2016)

Die Reise beginnt an einem ganz besonderen Ort: Das Subiaco Kino befindet sich im ehemaligen Speisesaal des Abtes des 900 Jahren alten Klosters in Alpirsbach. Hier wird mit einer Glocke der Beginn jeder Vorstellung eingeläutet. Ein ganz besonderes Gemäuer, in dem von einer Privatinitiative mit viel Leidenschaft Kino in der Provinz gemacht wird. Und genau hier zeigt sich bereits, dass sich Philipp Hartmann nicht nur für die Kinos selbst als Orte interessiert, sondern vor allem auch für die Macher, die sich aus ganz unterschiedlichen Beweggründen dem Zeigen von bewegten und bewegenden Bildern verschrieben haben: Mal sind es private Initiativen, dann wieder mittelständische Unternehmer, die sich wie im Falle der Marke Cineplex unter einem gemeinsamen Dach zusammengeschlossen haben. Mal sind es leidenschaftliche Amateure (im eigentlichen Wortsinne also „Liebende“), woanders hat einer , der früher mal Automechaniker war, einfach die Gunst der Stunde genutzt und ein Lichtspieltheater übernommen. Mal ist es ein Filmclub mit größtmöglicher Autonomie, dann wieder ein großes Haus, das nach strikt marktwirtschaftlichen Kriterien arbeitet. Schnell lernt man bei dieser Reise eines: Die Betreiber und Kinomacher sind mindestens ebenso unterschiedlich wie die Kinos selbst. Was sie eint, ist neben der gleichen Beschäftigung allein die Tatsache, dass sie alle dem Angebot Philipp Hartmanns gefolgt sind, seinen Film zu zeigen und ihn einzuladen. Und die Tatsache, dass sie bereit waren, sich filmen zu lassen und mit ihm zu sprechen.

Dank der sehr natürlichen und ganz und gar unprätentiösen Art des Filmemachers entstehen während der Reise viele kleine und kostbare Momente. obwohl bei den Gesprächen oftmals die Probleme von Kinobetreibern in der heutigen Zeit gesplitteter Aufmerksamkeit im Mittelpunkt stehen, schafft es Philipp Hartmann häufig, die Augen seiner Gesprächspartner zum Leuchten zu bringen: Wenn sie vom Beginn ihrer Leidenschaft für das Kino erzählen oder wie in einem Fall während einer Autofahrt Dinge von sich geben, bei denen man aufhorcht: Bei solch einer Gelegenheit sagt ein Kinobetreiber aus Magdeburg, dass es ihm so vorkäme, als sei er kein Kinomacher, sondern ein Filmretter. Denn wenn er und seine Kollegen nicht dazu bereit wären, die Filme (vor allem die kleineren und künstlerisch anspruchsvolleren) zu zeigen, dann würden sie unbeachtet in der Flut der großen Produktionen untergehen und keinerlei Beachtung finden. Und man merkt in diesem Moment (und in vielen anderen), dass diese Leidenschaft unglaublich herzerwärmend ist.

In 66 Kinos fließen Vergangenheit und Gegenwart der Lichtspieltheater sowie Ausblicke in die Zukunft des Kinos zusammen und formen eine durch und durch sehenswerte Bestandsaufnahme einer geliebten und bedrohten Kulturinstitution, die mehr über den Zustand verrät als so manche aufwendige Studie. Hinter den nackten Zahlen dieser Statistiken macht Philipp Hartmann die Menschen und die Schicksale sichtbar, ihre Leidenschaft, ihre Leistungen und ihre Ängste.

(Joachim Kurz)