16 04/01

YouTube und das Scheitern am Kino

Mit Bruder vor Luder (Die Lochis/Tomas Erhart, 2015) beglückte bereits der zweite Leinwand-Versuch von deutschen YouTubern im vorigen Jahr das Kinopublikum. Schon Kartoffelsalat (Michael David Pate, 2015) überzeugte im Sommer mit nicht nennenswerten Zuschauerzahlen, überragend schlechten Kritiken und einem Platz auf der IMDb-Liste der schlechtesten Film-Bewertungen aller Zeiten. Aber die Millionen von Abonnenten der jungen Stars müssen doch eine Aussagekraft haben! Oder könnte es sein, dass die Teenie-Idole tatsächlich so unbegabt sind, wie es sich der kulturpessimistische Bildungsbürger immer schon dachte?


(Bild aus Bruder vor Luder von Heiko Lochmann, Roman Lochmann und Tomas Erhart; Copyright: Constantin Film Verleih)

Nun könnte man sich natürlich, vom Balkon des Elfenbeinturms die Massenkultur überblickend, beruhigt gegenseitig auf die Schulter klopfen, ein wenig über die Jugend schimpfen und das Thema ruhen lassen. Oder aber man stellt sich der Herausforderung, die diese neue Art enormer Popularität darstellt, und fragt sich, woran es liegt, dass so eine klaffende Diskrepanz zwischen Internet und Kino bei den YouTube-Stars besteht.

Es ist zunächst leicht, einen Film wie Bruder vor Luder schlecht zu finden, wie es überhaupt leicht ist, sich darauf zu einigen, dass qualitativ bei den YouTube-Stars, wie sie in den beiden Filmen zahlreich in Gastauftritten zu sehen sind (neben den Lochis und Freshtorge etwa Dagi Bee, Bibi, Simon Desue, Die Außenseiter, Y-Titty, iBlali u.a.), nicht viel zu holen ist. So wies etwa an dieser Stelle bereits Bella Buczek auf die Schwächen des Films hin. Nur handelt es sich nicht einfach um einen gänzlich furchtbaren Film, in dem zwei Teenager (Heiko und Roman Lochmann, Die Lochis, spielen sich selbst) auf dem Weg zur Berühmtheit in die Zwickmühlen aus Liebe, Sex und Freundschaft geraten. Es ist auch ein Film, der politisch jenseits aller Maßstäbe im finsteren Niemandsland von ungebrochener Homophobie, offener Frauenfeindlichkeit und verharmlostem Rassismus auf den Zuschauer wartet. Wenn das aber genau der "Humor" ist, den die Fans aus den YouTube-Videos der beiden Zwillingsbrüder kennen und erwarten – hätten nicht beide Filme, auch Kartoffelsalat, eigentlich Zuschauerzahlen im siebenstelligen Bereich haben müssen? Offenbar geht auf dem Weg vom YouTube-Video zur Spielfilmlänge etwas verloren, das sich nicht in der Übertragung zwischen den beiden Formaten erhalten lässt.


(Trailer zu Bruder vor Luder)

Verschafft man sich tatsächlich einen Überblick über die Videos der YouTuber, die sie auf ihren Kanälen in regelmäßigen Abständen zur Sättigung der Fan-Nachfrage veröffentlichen, fällt vor allem ein Punkt auf, der außerhalb der eigenen Komfortzone plötzlich wegbricht: Der Inhalt der Videos ist das Video, ist der Star vor der Kamera selbst. Klingt erstmal tautologisch und ist genau das auch in einem beeindruckenden Maße. Zwar haben die Videos jeweils Themen, Spiele, Mini-Erzählungen, Listen oder andere einfache Formen von Inhalt – im Grunde geht es aber nur um die Existenz des YouTubers als YouTuber. Die eigentliche Quelle der Popularität, im Falle der Lochis etwa ihre Song-Parodien, muss irgendwann nur durch eine Verlängerung des Personenkults von Woche zu Woche unterstützt werden, um den Erfolg zu erhalten. Der Inhalt tritt hinter austauschbare Formeln zurück, oder wird gleich durch die Selbstbespiegelung in Reinform ersetzt. So etwa in Videos, in denen die Zwillinge Geschichten aus ihrem Leben erzählen, bei denen zwischen Wahrheit und Lüge unterschieden werden muss. Minimaler Spiel-Anteil, maximale Bedienung des personenzentrierten Star-Ruhms.

Ästhetisch wird die Eigenheit der YouTube-Videos, wie sie sich weltweit in den letzten Jahren fast als Standard etabliert hat, nicht zufällig immer wieder Gegenstand von Parodien, wie etwa in der sehr treffenden South-Park-Episode "#REHASH" aus der 18. Staffel, in der jede inhaltliche Komponente der Videos überspitzt verdrängt wird durch Jump Cuts und das Schreien des eigenen Namens direkt in die Kamera. Form statt Inhalt – wenn die antizipierte Aufmerksamkeitsspanne des Zielpublikums nur durch ein ausreichend dichtes Feuer an Schnitten, Einblendungen und Ton-Effekten unter Beschuss genommen wird, reduziert sich die Notwendigkeit, echten Inhalt zu produzieren, fast proportional. An sich kein neues Prinzip, man vergleiche etwa die berühmten TV total-Nippel von Stefan Raab, aber auf YouTube in einer völlig neuen Penetranz auftretend.

Im Zentrum vieler Clips, nicht nur bei den Lochis, steht also die Reduzierung des eigentlichen, formal angedeuteten Inhalts. An dessen Stelle rückt einerseits die Befriedigung eines mitunter voyeuristischen Personenkults, geleistet durch Selbstbespiegelung, durch das Selbstpräsentieren des Videos als Video – andererseits wird Inhalt elegant ersetzt durch eine formale Reiz-Flut aus audiovisuellem Dauerbeschuss. Wenn man nur genug davon ablenkt, merkt bestimmt niemand, wie hohl die Videos wirklich sind! Der YouTube-Star ist dann YouTube-Star, weil er YouTube-Star ist und weil er genau das immer wieder wiederholt, damit es bloß niemand vergisst. So uninteressant dieses Prinzip klingt, so erfolgreich scheint es in einer bestimmten Altersgruppe zu funktionieren, die sich nur grob als "Teenager" fassen lässt. Welche Gründe diese Begeisterung haben mag, kann wohl ebenfalls nur spekulativ ertastet werden – sei es das Identifikationsangebot, das von erfolgreichen, beliebten, coolen, aber irgendwie auch bodenständigen Kids in ihren Internetvideos gemacht und wohl in einer bestimmten pubertären Stimmung dankbar aufgenommen wird, oder die Idealvorstellung, vielleicht eines Tages selber mindestens so cool zu werden wie die Lochis oder sich so toll schminken zu können wie Dagi Bee. Welchen Punkt der Schleife man trauriger finden möchte, die Tatsache, dass es diese Nachfrage gibt, oder den Anblick des Angebots dazu, muss wohl jeder für sich entscheiden.

Doch sobald die Stars das Medium wechseln, scheint sogar für die Fans etwas verloren zu gehen. Und dabei muss gar nicht sofort wieder auf die Kino-Versuche und deren ausbleibende Kassenerfolge geschaut werden – schon ein so scheinbar kleiner Medien-Sprung wie der Auftritt in TV-Formaten bedeutet eine Veränderung, die den YouTubern, gelinde gesagt, nicht sehr gut bekommt. Denkwürdig ist etwa der Kartoffelsalat-Auftritt bei TV total vom 03.06.2015 – ein Interview mit einigen YouTube-Stars aus dem Film, das in nur wenigen Minuten offenbart, was das Problem ist: Interaktion.


(Der Kartoffelsalat-Auftritt bei TV total vom 03.06.2015)

In dem Moment nämlich, in dem die Reduzierung auf die Selbstpräsenz von einem Gegenüber durchbrochen wird, der nicht wohlwollend die Promo-Tour des Films unterstützt oder bei gegenseitigen Video-Auftritten auf YouTube selbst Teil der Szene ist, muss eine tatsächliche mediale Fähigkeit bewiesen werden. Wer sich dann aus dem Konzept bringen lässt, weil mal eine Pointe nicht zündet, wer durch schlechte Vorbereitung schon bei einer kleinen Diskussion einfach aussteigt oder wer ganz grundlegend nicht in der Lage ist, schlagfertig auf den Humor eines bissigen Moderators zu reagieren – der entblößt sich schlicht als dem Medium nicht gewachsen. Als überhaupt nur dem einen Medium gewachsen, das ihm die eigene Schutzhülle bietet, innerhalb derer er nur sich selbst darstellen muss, ohne etwas Äußeres, ohne echte Interaktion.


(Trailer zu Kartoffelsalat)

Ein wenig anders verhält es sich nun mit dem Wechsel ins Kino. Zwar scheitert dort auch jede Interaktion, wie eindrucksvoll alleine die schauspielerischen Leistungen der YouTuber unter Beweis stellen, doch wird im Kino deutlicher noch das formale Scheitern sichtbar, das Scheitern am zweiten Pfeiler der YouTube-Popularität. Die Clip-Ästhetik, die für die Laufzeit eines YouTube-Videos noch angemessen sein mag, ist für einen 90-minütigen Spielfilm unbrauchbar. Die Rezeption des Kinofilms steht nicht jede Sekunde in der Gefahr, den Zuschauer durch die Flut von Alternativen, die YouTube seinen Nutzern bietet, zum Wegschalten zu bewegen. Schon allein aus dieser Perspektive wird das Bilder-Feuer überflüssig. Schlimmer noch: In einem Rahmen, der vor allem eine Geschichte mit einem Handlungsbogen über eine bestimmte Zeit erzählen soll, zersetzt der Einbruch der ästhetischen Strategien von YouTube im Film jeden Restbestand an narrativer Kohärenz, von Tiefe auf jeglicher Ebene ganz zu schweigen. Die Wiederholung von sexy zusammengeschnittenen Montage-Sequenzen zerbricht den Film in eine episodische Struktur, die weder etwas mit Kino zu tun hat, noch nah genug am Strom von Video zu Video bei YouTube liegt. Was bleibt, ist die inkonsistente Aneinanderreihung von Szenen, die keiner soliden Dramaturgie folgen oder den Star-Status vollumfänglich bedienen können und sich schließlich völlig ziellos im ästhetischen Nirwana verlieren. Und das muss dann wohl selbst der überzeugteste Fan erkennen – und sich gegen den Besuch im Kino entscheiden.


(Bild aus Kartoffelsalat von Michael David Pate; Copyright: take25 Pictures / Central Film)

Die deutschen YouTuber, die nun im letzten Jahr am Kino gescheitert sind, haben es mit Sicherheit sowieso nicht gerade leicht, sich außerhalb ihrer Zielgruppe Freunde zu machen. Der Versuch, neben dem Internet auch im Kino Erfolg zu verbuchen, scheitert aber nicht an einer Vorverurteilung. Die Abwehr jeder Kritik mit alten Slogans wie "Haters Gonna Hate" (sinngemäß: Wer etwas hassen will, der wird es auch hassen), die schon in den Trailern zu beiden Filmen herangezogen wurden, zieht dieses Mal nicht. Denn dafür müsste etwas Gelungenes bleiben, auf das zumindest noch die Fans sich berufen könnten. Im Falle der beiden YouTube-Filme offenbart sich allerdings eine völlige Abwesenheit allen Könnens – die eben nicht mit Vorurteilen, sondern einfach mit Unfähigkeit zusammenhängt. Und ganz deutlich sei gesagt: Es gibt neben der Handvoll Kanäle, die nun mit Auftritten in den zwei Spielfilmen glänzen, ein unüberschaubares und hervorragendes Angebot auf YouTube. Solange aber die Popularität sich auf ein sehr eingeschränktes mediales Umfeld gründet und keine weitere Fähigkeit neben dem Selbstmarketing entwickelt wird, ist jeder Versuch, mit den gleichen Prinzipien in anderen Medien erfolgreich zu sein, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und so kann der bürgerliche Akademiker letztlich doch ruhig schlafen: Die deutschen YouTube-Stars sind leider wirklich so untalentiert, wie immer schon vermutet – und beweisen sich das im Kino nun auch noch selbst.

(Lars Dolkemeyer)