• Blogs
  • )
  • B-Roll
  • )
  • Vom Politischen im Kinderfilm – Sitzplatzerhöhung: Die Kinderfilm-Kolumne
14 26/11

Vom Politischen im Kinderfilm – Sitzplatzerhöhung: Die Kinderfilm-Kolumne

Einwanderung ist (stellen Sie sich das jetzt bitte in der Stimme von Loriot gesagt vor) ein politisches Thema. Wenn also ein Immigrant des Weges kommt, der bei einer heimischen Familie aufgenommen wird, sich aber nicht nur durch Unkenntnis der heimischen Gebräuche und Hygienevorstellungen auszeichnet, sondern sich auch noch als Polizist ausgibt und anschließend illegal ins Archiv einer alteingesessenen Wissenschaftsorganisation eindringt... das ist dann wohl ein politischer Film, der zu Immigrant_innen kaum Positives zu sagen hat, oder?



(Filmbild aus Paddington von Paul King, Copyright: StudioCanal Filmverleih)

Ist er aber doch. Denn die beschriebenen Ereignisse verraten noch nicht zu viel davon, was in der Neuverfilmung von Michael Bonds beliebten Büchern zu sehen ist, wenn Paddington passend zum Weihnachtsgeschäft ins Kino kommt. Xan Brooks hat in seiner Kritik im "Guardian" die Geschichte des Bären "aus dem tiefsten Dschungel Perus" politisch ausgedeutet: im Grunde als Aufruf zu mehr Solidarität mit Immigrant_innen und als großer Haufen Bärendreck vor der Haustür der rechtsnationalen UKIP-Partei.

Nun ist diese politische Ebene in dem doch eher auf flotte Unterhaltung gedrechselten Film womöglich kaum mehr als die dünne Schicht, die den Film an das "echte" London bindet. Aber die Schicht ist doch da und womöglich stärker, als man gemeinhin wahrhaben möchte; in praktisch jedem Film steckt schließlich auch dann eine gesellschaftliche Dimension, wenn sie nicht thematisch wird, um die Begriffe der aktivistischen Filmkritik aufzugreifen.

Es darf also mal gefragt werden: Was kann, soll, darf, muss eigentlich das Politische im Kinderfilm sein? Was ist denn eigentlich ein politischer, was ist ein progressiver Kinderfilm? Vor einigen Wochen hat Sophie Charlotte Rieger hier im Blog eine Lanze für die feministische Filmkritik gebrochen, und es ist wohl kein Geheimnis, dass ich mit ihr in zentralen Punkten einer Meinung bin. In der Tat ist auch der von ihr so verrissene Der kleine Medicus ein grässlich reaktionäres Machwerk - vor allem aber ist er ein richtig, richtig schlechter Film.

Und das ist auf meiner Suche nach dem hyperbolisch "schönen, guten, wahren" genannten Kinderfilm alles andere als egal. Für mich erreicht ein guter (und politischer) Film immer schon auf mehrere Dinge zugleich:

  • Er erweitert die Welt, den Blick, zerstört den Tellerrand. Das meine ich ganz wörtlich: Ein richtig toller Film zeigt Dinge und Menschen, die wir sonst nicht zu sehen bekommen. Das können Lebensweisen und Erfahrungswelten sein, zu denen man sonst keinen Zugang hat - Der Junge und die Welt etwa, mein Lieblingskinderfilm dieses Jahres, hat genau das, verwendet aber zugleich eine Ästhetik und eine Erzählstruktur, die kleine wie große Zuschauer begeistert und herausfordert. (Der Kinderfilm, wie generell das Mainstreamkino, sind ja viel zu sehr auf Handlung fixiert, statt die Ästhetik mal in den Vordergrund zu rücken - aber das ist eine ganz eigene Diskussion.)
  • Er bietet ein Beispiel für gelungenes Leben - oder stellt wenigstens keinen reaktionären Lebensentwurf als Idealbild in den Raum. (Das ist der Grund, warum ich Arielle, die Meerjungfrau meinen Kindern ebenso wenig zeigen möchte wie den brutalen Der König der Löwen.)
  • Er unterhält. Denn alles andere ist total wurscht, wenn der Film die Kinder nicht bei der Stange hält. In den besten politischen Filmen - auch für Erwachsene - ist sowieso nicht Politik das Thema, sondern Menschen. Politisch ist das, was dann geschieht - was sie tun, was ihnen widerfährt, was sich ihnen als gesellschaftliche Realität um die Schultern legt, sie wärmt oder erdrückt.

Dezidiert politische Kinderfilme haben nun oft das Problem, dass sie zu pädagogisch daherkommen, belehrend und, seien wir ehrlich, langweilig. (Noch schlimmer sind nur pädagogisch motivierte Filme, die sind schlichtweg ein Grauen.) Lola auf der Erbse, der sich mit dem Thema "illegaler" Einwanderung beschäftigt, hat das in diesem Jahr gerade noch so hingekriegt, aber gerade Filmprojekte, die dezidiert progressiv daherkommen wollen, laufen immer Gefahr, an einem zu schlicht umgesetzten Weltbild zu scheitern.

Was nun nicht bedeuten würde, dass die ohne politische Motive produzierten Filme wesentlich besser wären - ganz im Gegenteil. (Es sind vor allem viel mehr, und sie verpesten die Kinos der Republik.) Wem aber an einem politischen Kino gelegen ist, wird das Politische auch nolens volens in vermeintlich unpolitischen Filmen finden - manchmal so offen und unterhaltsam wie in Paddington oder den Harry-Potter-Streifen, manchmal so unterschwellig und fies wie in Der kleine Medicus.

Irgendwann schauen sich die Kinder natürlich sowieso an, was sie wollen, und sei es nur, weil bei den Nachbarn der Fernseher öfter läuft... So lange ich noch mitreden kann, möchte ich wenigstens ein paar gute Filme in die Auswahl eingebracht haben. Aber letztlich will ich auch die Bedeutung politischer Indoktrination im Kinderfilm nicht überbewerten. Gewiss, Film ist ein wirkmächtiges, beeindruckendes Medium.

Aber für die Kinder wesentlicher und wesentlich nachhaltiger wirksam als jeder einzelne Film sind wahrscheinlich doch Haltung und Lebenspraxis, die wir ihnen vorleben. Und die kriegen wir dann wahrscheinlich spätestens zur Pubertät um die Ohren gehauen.

(Rochus Wolff)

(Rochus Wolff schreibt im Kinderfilmblog über den schönen, wahren Kinderfilm (oder die Suche danach), so oft ihm das Leben und die Familie dazu Zeit lassen. Er freut sich sehr auf die Mumins-Gesamtausgabe und auf den dritten Kiriku-Film, die gerade auf DVD erschienen sind, sowie auf die von jedem Bildungsauftrag befreiten Unterhaltungsspektakel Paddington und Die Pinguine aus Madagascar.)