17 03/04

Klassiker sehen heute

Dass sich Kino- und Filmlandschaft verändern, dürfte niemandem entgangen sein. Vor allem die Branche selbst beobachtet mit einer Mischung aus Sorge (klassische Filmstudios, Kinobetreiber) und Goldgräberstimmung (etwa Streaming-Dienste wie Netflix), wie sich alles unaufhaltbar in Richtung einer ungewissen Zukunft bewegt. Vor „The Reckoning“, also der großen Abrechnung, warnte das Branchenblatt Variety kürzlich in fast biblischem Ton. Im starren Blick nach vorne wird dabei übersehen, wie sehr sich auch die Vergangenheit des Kinos gerade verändert.


(Filmstill aus 2001 - Odyssee im Weltraum. Copyright: Warner Bros.)

Ein Aspekt dieses vielgestaltigen Wandels ist unser Umgang mit alten Filmen, vor allem aber mit Klassikern. Wie nahezu alles ist auch das Kino Trends und Moden unterworfen. Heute verlaufen sie manchmal fast im Rhythmus von wenigen Tagen: Jeder neuen Veröffentlichung schlagen alternierende Wellen von Zustimmung und Ablehnung entgegen, durch die schiere Menge an Stimmen, Plattformen und Netzwerken oft zu Heiligsprechung und Verdammung verdichtet. Auch ältere Filme sind diesen Meinungs-Gezeiten ausgesetzt, nur dass der dialektische Prozess sich bei ihnen ungleich langsamer vollzieht. Fast alles wird irgendwann für Tagespolitik und die allgemeine Diskussion uninteressant und weitergereicht an Spezialisten und Historiker. (Zu) vieles geht dabei irgendwann verloren oder gerät in Vergessenheit.

Es gibt verschiedene Fälle, in denen dieser Prozess aussetzt oder zumindest verlangsamt wird. Oft bewahrt der im allgemeinen Sprachgebrauch sehr flexibel eingesetzte Status als „Klassiker“ vor einem solchen Schicksal. Es gibt keine klaren Regeln, mit denen dieser zu erlangen wäre, nur begünstigende Faktoren: Erfolg bei Publikum und Kritik, Preise, eine Verankerung im kulturellen Gedächtnis. Doch ein Klassiker ist immer mehr als die Summe von Erwähnungen in Lehrbüchern, Retrospektiven und Kritiker-Listen. Filme wie Vertigo, Der Pate oder Citizen Kane – um nur die offensichtlichsten zu nennen – umgibt eine besondere Aura. Die Diskussion um Klassiker (oder den damit oft eng verbundenen Begriff eines Kanons) hat selten allein mit der Qualität der jeweiligen Werke zu tun. Es geht auch um Tradition, um Besitzstandwahrung, kulturelle Hegemonie und die Frage, die sich jede Generation aufs Neue stellt: Was soll bewahrt und weitergegeben werden?

Oft sind Klassiker gleichzeitig aktuell, zeitlos und primitiv. Aktuell, weil sie Antworten auf Fragen der Gegenwart geben; und zwar solche, die uns in der Betriebsblindheit der Gegenwart vielleicht nicht mehr einfallen. Zeitlos, weil sie universelle Ideen und die Natur des Menschen verhandeln und Momente für die Ewigkeit gefrieren – Filme altern nicht wirklich. Und primitiv, weil sie als Artefakt einer anderen Zeit erkennbar sind und sich, so sehr wir sie auch ins Jetzt integrieren wollen, immer eine Fremdartigkeit bewahren.


(Filmstill aus Vertigo – Aus dem Reich der Toten. Copyright: Universal Pictures)

Die Beziehung zum Kino der Vergangenheit war noch nie vollkommen harmonisch. Bereits 1930, der Tonfilm war eine immer noch umstrittene Innovation, fragte sich Filmkritiker Béla Balázs in Der Geist des Films: „Warum sind alte Filme komisch?“ Und kam zu dem Schluss, frühere Filme wirkten „nicht historisch, sondern provinziell. Nicht wie eine alte oder fremde Sprache, sondern wie das ungebildete, plumpe Stammeln in unserer eigenen. Denn wir selber haben uns so schnell entwickelt. Wir selber! Nicht nur die Kunst.“ Er ist verwundert: „Es ist einfach nicht zu glauben, daß dies vor fünfzehn Jahren ernst gemeint sein konnte.“ Balázs beschreibt in seinem Text auch „Die neue Sprache“, die das Publikum seit der Entstehung des Kinos zumindest in Grundzügen gelernt hat, verkündet sogar: „Ein neues Organ des Menschen hat sich entwickelt.“ Damals war es vor allem die neue, unerreichte Geschwindigkeit des Mediums, welche die Begleiter seines Aufstiegs faszinierte. Siegfried Kracauer schrieb in seinem Aufsatz Kult der Zerstreuung von der neuen Möglichkeit des Kinos „unverhohlen die Unordnung der Gesellschaft der Tausenden von Augen und Ohren“ zu vermitteln.

Auch die vergangenen 15 Jahre haben gravierende Veränderungen mit sich gebracht – sicherlich noch gravierendere als jene, die vor etwas mehr als 120 Jahren begannen. Das Kino ist heute plötzlich ein Ort relativer Entschleunigung und Kohärenz, selbst in den modernen Blockbustern, die Modularisierung, Parallelität und Zersplitterung der digitalen Gegenwart so weit nachahmen, wie es ihnen möglich ist.

In der jüngeren Vergangenheit wurde immer wieder gewarnt, neue Generationen (vor allem die so genannten Millennials, geboren zwischen Anfang der 1980er und Ende der 1990er Jahre) würden immer weniger Filme anschauen. Als Sonderfall dieses Wehklagens – weniger wirtschaftlich und stärker kulturell eingefärbt – gibt es immer wieder auch Beschwerden über ein neues Analphabetentum gegenüber dem Kino der Vergangenheit. Bange Überlegungen, ob nicht das an die nächste Generation weitergegebene Spenderorgan von ihren Körpern abgelehnt wird. Das Internet ist voll mit solchen Texten: Drehbuchautor Bill Mesce beklagt bereits 2011, seine Schüler würden auf alte Filmen eher irritiert und genervt reagieren, zumindest aber mit einem großen Unverständnis.  Filmjournalist Neal Gabler stieß mit seinem Text Millennials seem to have little use for old movies in dasselbe Horn und beschreibt, wie die Generation Y seiner Meinung nach Filme begreift: Nicht mehr als Kunstform, sondern als Mode, deren Nutzen vor allem in der unmittelbaren Auswertung für das soziale Zusammenleben liegt. Als Indikator dafür sieht er auch die Geschwindigkeit, mit der Filmreihen wie die Spider-Man-Serie mittlerweile eine Generalüberholung erhalten. Eine Idee, die zumindest insofern einleuchtend erscheint, als dass ein Remake aus Studiosicht immer eine Übersetzung in die Sprache des Jetzt bedeutet. Natürlich gibt es auch die erwartbare Kritik an einer „politisch korrekten“ Kultur, welche nicht nur ästhetische, sondern auch moralische Bedenken gegenüber dem Geist einer anderen Epoche hat. (Auch hier dienen wieder die Millennials als Schuldige.)


(Filmstill aus The Amazing Spider-Man. Copyright: Sony Pictures Germany)

Doch einen Veränderungsprozess einer neuen Generation zuzuschreiben, ist nie eine gänzlich befriedigende Erklärung, sind diese doch immer auch von ihren äußeren Umständen geprägt. (Zumal es nicht die Generation der 20- bis 30-Jährigen ist, welche die Studios führt und Verwaltungsentscheidungen trifft.) Vielerorts wird die Ablehnung von Klassikern den neuen digitalen Kanälen zugeschrieben. Erst Ende vergangenen Jahres erklärte Kritiker Todd VanDerWerff: „Das Zeitalter des Streamings tötet den klassischen Films“ und führte dabei vor allem die mangelnde Verfügbarkeit der Großwerke in diesen Diensten als Problem an.

Doch das ist nur ein Teil des Problems: Jede neue Technologie bringt auch neue Standardsituationen im Alltag mit sich. Wer Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime Video oder vergleichbare Angebote nutzt, erlebt irgendwann einmal einen Moment von lähmender Überforderung. Suchen ohne Finden, Frustration, genervtes Abwenden. In Videotheken, weit abseits des heimischen Sofas, mag man sich noch zähneknirschend zu einer Entscheidung durchgerungen haben, doch beim Scrollen durch die ins unendlich potenzierten Digitalregale scheint aufzugeben manchmal die beste Option. Wer in Netflix‘ Standardansicht ans Ende einer Kategorie gelangt, wird an den Anfang zurückversetzt – ein programmiertes Purgatorium wie aus einem surrealen Theaterstück.

Dieser Zustand der Überforderung wird Consumer Confusion genannt, ein Begriff, den Marketingwissenschaftler und Konsumkritiker gleichermaßen führen. Es ist das Paradoxon der Verfügbarkeit: Eigentlich sollte das Internet- und DVD-Zeitalter ein Schlaraffenland der Filmleidenschaft sein, doch in der Praxis wird ein immer substanziellerer Teil der Kinogeschichte außen vor gelassen.

Das fällt nicht sofort auf, weil die endlos scrollenden Streamingdienst-Apps genau die paradiesische Unendlichkeit versprechen, die auch Supermarktregale behaupten, aber nie einlösen. Es ist eine Diversifizierung, die das wirklich Gute unsichtbar macht. Klassiker werden nicht beworben, die meiste Aufmerksamkeit wird den neusten Eigenproduktionen zuteil, die näher am Geist der Zeit sind. Wenn Kanon-Kino, jenseits der drei bis vier Alibi-Titel, doch einmal bei den Diensten auftaucht, dann werden sie dort mit stiefmütterlichem Desinteresse behandelt: Amazon Prime Video nimmt manchmal unangekündigt alte Filme ins Programm auf, jedoch nur in der deutschen Sprachfassung. Wie groß ist die Schnittmenge zwischen der Zielgruppe für alte Filme und jener, die sich Filme in Synchronfassung anschaut? Mit großer Wahrscheinlichkeit verschwindend gering.


(Filmstill aus Casablanca. Copyright: Warner Bros.)

Zumal Bezeichnungen wie „Klassiker“ (oder gar „Kanon“) für viele längst etwas Abschreckendes haben. Namen wie Ingmar Bergman etwas wirken unheilsverhangen, tonnenschwer und sperrig. Viele Kinogrößen sind heute hinter einem Nebel aus Mythos und Hagiographie verborgen. Man sieht es an den Reaktionen, die als „Bester Film aller Zeiten“ bezeichnete Meisterwerke oftmals provozieren: Unverständnis, Unglaube, vor allem aber Trotz – als gälte es, falsche Götter zu entthronen und goldene Kälber zu schlachten. Natürlich ist es nicht möglich, einen Film ohne Widerspruch auf ein Podest zu stellen. Man muss aufpassen, nicht dicke, rote Kordeln um Filme zu spannen, die eigentlich keine Barrieren haben. Manchmal vermisst man das Schwärmen; die Leidenschaft, die Klassiker nicht in Archiven und Museen versteckt, sondern sie mit missionarischem Eifer in die Welt trägt. Selbst unter selbsternannten Cineasten wird oft genug verbaler Staub auf große Filme gepustet.

Ganz sicher ist, dass mehr dafür getan werden muss, dass der Zugang zu älteren Filmen nicht irgendwann der Übersetzung von Hieroglyphen auf Steintafeln gleicht. Die Anstrengungen zur Erhaltung des Filmerbes dürfen sich nicht nur die Bewahrung des Materials richten, sondern müssen auch darauf abzielen, den Geist des vergangenen Kinos zu retten. Beides geht Hand in Hand.

(Lucas Barwenczik)