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16 14/03

Gemachtes, Gesehenes und Geträumtes - Die Diagonale 2016

Da ich in diesem Jahr selbst einen Kurzfilm auf der Diagonale präsentieren durfte, wurde ich gebeten, diese andere Perspektive mit in meinen Abschlusstext einfließen zu lassen. Es ist mir nicht unbedingt angenehm, aber da ich tatsächlich glaube, dass man aus dieser Perspektive etwas lernen kann, habe ich mich dafür entschieden, meinem untragbaren Narzissmus hier und da freien Lauf zu lassen. Am Ende waren es aber nicht nur zwei Perspektiven, sondern gar drei. Mir wurde gezeigt, ich habe gezeigt und wir haben geträumt.


(Festival-Impression; Copyright: Diagonale/Stelzl)

Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser.

Die Verletzlichkeit des Zeigens von Filmen. Man kann sie in ganz unterschiedlichen Facetten erleben. Etwa so wie dieses Jahr die neuen Chefs in Graz, Peter Schernhuber und Sebastian Höglinger. Sie machen deutlich mehr, als Filme zu zeigen. Vielmehr agieren sie wie Spuren legende Spinnen, die alles vernetzen von Designs über Locations, Filmen und Workshops, Fahrrädern und Verpackungen bereitgelegter Äpfel. Aber sie müssten diese Verletzlichkeit spüren. Denn wie zeigt man Filme? Wo zeigt man Filme? In welchem Rahmen zeigt man Filme? Warum zeigt man Filme? Welche Filme zeigt man? Wie seine Vorgängerin Barbara Pichler, in deren Team die beiden arbeiteten, hat sich das Duo diese Frage gestellt. Das ist leider keine Selbstverständlichkeit. Man merkt es bei einem Festival, das sich sowohl in den Kinos als auch außerhalb einen enormen Raum für Gespräche schafft.

Natürlich ist der Rahmen für diese Spinnennetze abgesteckt durch das nationale Bedürfnis des Festivals. Graz ist also nicht nur ein Ort für das Zeigen und Sehen von Filmen, sondern letztlich immer eine Bestandsaufnahme des österreichischen Kinos; ein Treffpunkt, ein Markt und ein Partyevent. Wichtig ist, dass dabei nie der Respekt für das einzelne Werk verloren geht, und dafür ist auf der Diagonale gesorgt. Dennoch ist das Zeigen von Film ein Risiko und Höglinger/Schernhuber haben da im österreichischen Kino sicherlich kein leichtes Spiel. Denn bei über 500 eingereichten Arbeiten existiert zwar eine Auswahl und im Vergleich ist der österreichische Film sicherlich einer der spannenderen in Europa, aber um Spuren durch ein qualitativ ausgeglichenes Programm zu legen, kann es eigentlich kaum reichen.

Doch wenn sich das österreichische Kino Jahr für Jahr in einer Sache bewährt, dann ist es seine Fähigkeit, noch etwas mehr zu sein als verlangt wird, etwas zu sein, was man nicht einfach kategorisieren kann. Es ist ein Kino der Mavericks, der Unangepassten, der Geträumten. Das liegt vor allem an der Schiene "Innovatives Kino", erstreckt sich aber bisweilen bis in die Dokumentarfilme, Spielfilme und Retrospektiven. Die Beschränktheit der Auswahl und der Mut der Kuratoren lässt etwas zu: Ein Kino abseits der Norm, ein Kino, das nach Freiheit schreit, und daher gibt es auch keine andere Woche, in der einem die großen Institutionen des nationalen Kinos derart sympathisch sind wie in Graz. Man erschrickt fast, wie mutig diese dann doch manchmal scheinen.


(Im Kino; Copyright: Diagonale/Stelzl)

Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen.

Wenn man als Kritiker auf einem Festival unterwegs ist, bei dem man seinen eigenen Film zeigt, dann fühlt man sich bisweilen heuchlerisch. Man kommt sich irgendwie falsch vor, gehört nirgends wirklich dazu, fließt zwischen den Gesprächen. Man spürt beständig eine Offenheit, wenn es um andere Filme geht, und eine Vorsicht, Rücksicht und Geschlossenheit, wenn es um den eigenen Film geht. Innerhalb von Minuten konnte es sein, dass Freunde vor dem Schubertkino in der wundervollen Altstadt auftauchten und völlig frei über einen Film schimpften oder jubelten und dann in ein unangenehmes Schweigen verfielen, sobald es um meinen eigenen Film ging. Vielleicht liegt das auch spezifisch an meinem Film, aber in mir stellte sich sehr schnell eine andere Verletzlichkeit ein, als ich erwartet habe. Diese des Zeigens ohne Wirkung. Es ist nicht so, dass ich erwarte, eine Wirkung zu erzielen; es ist nur so, dass der Druck, der heute auf jungen Filmemachern lastet, nicht gesund ist. Damit meine ich diese enorme Relevanz viel zu vieler Festivals (bei viel zu vielen Filmen), die wie ein großes Ziel am Horizont warten, weil einem niemand sagt, dass sie eigentlich nur ein Schaufenster sind.

Und so habe ich bei vielen Kollegen und Freunden erlebt, dass die Einladung auf ein Festival oder gar ein Preis dort das eigentliche Ziel geworden ist. Sie betreiben das Filmemachen wie einen Sport, einen Wettbewerb. Vielleicht war ich naiv, als ich dachte, dass das eigentliche Ziel der Film ist. Die Diagonale ist in dieser Hinsicht ein besonders verlockendes Festival, weil sie junge Filmemacher und Newcomer auf dasselbe Podest stellt wie die Stars der heimischen Szene. Ein schöner, richtiger Gedanke, der als Kehrseite aber ein Missverständnis in den Köpfen von uns jungen Filmemachern generieren kann. All das ist schön und die Erfahrung damit war wunderbar, aber ich zwinge mich dazu, nicht zu vergessen, warum ich diesen Film gemacht habe und vor allem mit wem. Es ist halt nicht immer eine Welt der Geträumten, sondern der Träumenden.


(Bild aus Fragmente einer Trauerarbeit von Patrick Holzapfel; Copyright: Joshua Burkert)

Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noëmi! Mirjam!

Insgesamt war es ein Festival, das sein Heil in Fiktionen suchte, die sich als solche offenbarten. Das reichte vom besten Film, den ich sehen konnte, bis zum schlechtesten. Am oberen Ende der Leiter befindet sich ganz eindeutig Ruth Beckermanns Die Geträumten, der das Gemachte, Gesehene und Geträumte vereint zu einer Sinnlichkeit, die eben nicht nur aus den Worten des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan kommt, sondern aus den Lippen, die diese Worte zitternd sprechen und verarbeiten. Anja Plaschg und Laurence Rupp stellen einen Glauben an das Spiel als Schau wieder her, sie vermögen es, mit Hilfe der äußerst sensiblen Montage und Bildgestaltung die gesprochene deutsche Sprache selbst in Künstlichkeit zu voller Schönheit zu bringen. Schließlich vermag der Film einen Glauben an Liebe zu vermitteln, der sich nicht durch die offensichtliche auf Worten beruhende Fiktionalität dieser Liebe erschüttern lässt, sondern von dieser ausgestellten Gemachtheit des Films sogar profitiert. Und so löschen die Worte und die, die sie sprechen, den Zynismus aus, der normal durch sämtliche Festivalkinos weht. Der Preis für den besten Spielfilm geht daher mehr als nur in Ordnung. Bei den Dokumentarfilmen gewann Holz Erde Fleisch von Sigmund Steiner. Ich habe den Film nicht gesehen. Muss ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben, weil er einen Preis gewonnen hat oder weil es vielleicht ein guter Film ist? Am unteren Ende der Leiter ist der Eröffnungsfilm Maikäfer flieg von Mirjam Unger. Die ganze Eröffnung war etwas bizarr, schließlich wurde hier der Ton für ein Festival gelegt, das sich dann als weit besser entpuppte. Der Film wurde immer wieder ironisiert, auch in der Eröffnungsrede gab es eine sehr dünne Brücke zwischen der Freude am Fest sowie der Situation der Welt. Ähnliches kann man auch über den Film sagen, der seine Fiktion nach Christine Nöstlingers autobiographischem Roman im Blick eines Kindes auf die Geschehnisse am Ende des Zweiten Weltkriegs am Rand von Wien legt, dabei aber alles mit einer derart konventionellen Angepasstheit überzieht, dass jegliches Grauen des Krieges, das diese Perspektive erst rechtfertigen würde, darunter verschwindet. Genauso war das Festival natürlich und dankbarerweise auch ein Ort der Flucht, aber diese Flucht wurde eben als solche offenbart. Sehr oft sahen wir Bilder des Traumes, die gefolgt wurden von Bildern der Träumenden. Es gab auch mindestens eine Noëmi auf dem Festival. Die Produktionsassistenz von Planet Ottakring, Noémi Ebert.


(Die Geträumten von Ruth Beckermann; Copyright: Ruth Beckermann)

Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst.

Zu sehen waren also allerhand Mischformen, die natürlich der große Trend des zeitgenössischen Kinos und daher auch in Österreich sind und die Frage nach Fiktion und Dokumentation erneut obsolet erscheinen ließen. Sie hinterfragen die eigene Gemachtheit und finden genau dadurch eine neue Präsenz. Ein Licht, das nicht für etwas stehen muss, sondern das in der Gegenwart des Kinos einfach und unendlich existiert. Dadurch erwecken sie letztlich auch wieder einen Glauben an die Utopien des Kinos, die mancher mit einer besseren Welt und andere mit Schönheit, Poesie oder Wahrheit umschreiben. Ein wirklich herausragendes Beispiel dieser Kategorie ist Brüder der Nacht von Patric Chiha. Der Film, der auf der Berlinale uraufgeführt wurde und wie viele Filme im Wettbewerb "lediglich" zu seiner österreichischen Uraufführung kam, spielt im Wiener Stricher-Milieu und beleuchtet dokumentarisch das Spiel einiger bulgarischer Roma mit den Illusionen, Träumen und Realitäten ihrer Existenz. Die Bilder erinnern oberflächlich an Kenneth Anger oder Fassbinder, aber der Lederjacken-Poolkid-Look, in dessen Freiheit sich gleichermaßen der Schmerz eines absurden Lebens und die Unschuld eines Lebenswillens spiegeln, ist nicht fiebrig-dringlich, sondern verspielt und liebend. Es ist ein großer Film der Lust, der sich letztlich perfekt in das Gesamtbild des Festivals eingliederte: Das Zeigen von bisweilen haarsträubenden Realitäten muss nicht mit einem Trauerton begangen werden, sondern hinter allem steckt auch die Freude an der Illusion, der Fantasie. Nicht immer konnte ich mit dieser Einstellung, die ein Lebensgefühl so sehr ins Zentrum stellt, mitgehen. Im Fall von Brüder der Nacht ging es aber vollends auf.

Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.

Eine solche Fantasie darf auch der Wunsch sein, der laut Filmemacher Manfred Schwaba vielen Filmen fehlt. Seinem bemerkenswerten, weil fast unmerklichen Atlantic35 kann man dieses Begehren keinesfalls absprechen. Der Film dauert nur wenige Sekunden. Schwaba erfüllte sich damit zwei Träume. Zum einen wollte er immer schon einen Kinofilm auf 35mm machen und zum anderen wollte er das Meer filmen. Er gab einer Freundin, die sowieso an den Atlantik fuhr, die Kamera und einige Anweisungen mit auf den Weg. Er bezeichnet diese Freundin mit seiner scheinbaren Heißliebe für Verknappung im Publikumsgespräch als B., obwohl man überall lesen kann, dass sie Barbara Mayer heißt. Diese B. bringt den Traum, die Sehnsucht von Manfred Schwaba durch den Film und das Licht des Projektors zu diesem. Es ist ein flüchtiger Moment, der durch alle Programme hallt, weil Schwaba hier zeigt, dass das Ziel durchaus der Film sein kann, der Film auf der Leinwand. Aber er ist eben flüchtig. Hat man ihn gesehen oder nur geträumt? War er vielleicht eine Fiktion?

Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noëmi sagen:

Nehmt diese 35mm-Kamera, fahrt ans Meer und dreht ein paar Frames für mich.

Seht, ich schlaf bei ihr!

Die Diagonale 2016 ist eine Fremdheitserfahrung für mich gewesen, weil ich plötzlich in einer anderen Rolle war und dann wieder zurück in die alte Rolle gekippt bin. Dort sitzen Menschen, einige kennt man, andere nicht und sie schauen auf die Leinwand, auf der ein Teil von mir läuft. Kann ich das sagen? Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Teil wirklich zu mir gehört. Ich habe mich sehr schwer getan, zu erkennen, was ich dort gemacht habe, geschweige denn, es zu spüren. Ich habe nichts gesehen, als ich meinen Film betrachtet habe. Deshalb habe ich das Kino beim zweiten Screening auch verlassen. Ich war einkaufen in Graz und habe in diesen schrecklich narzisstischen Anfällen, die mich immer überkommen, überlegt, ob ich irgendwem auf der Straße erzählen soll, dass mein Film gerade zu sehen ist. Ist das dann der Stolz, der einen erfüllt? Er macht mir eher Angst. Also habe ich mit meinem Kameramann telefoniert. Wir hätten vielleicht über unser nächstes Projekt sprechen sollen, aber haben nur über die Festivalerfahrung geplaudert. Das meine ich mit dem Heuchlertum. Es ist diese Rechtfertigung der eigenen Arbeit, die irgendwie nur über solche Bestätigungen und Anerkennungen wie ein Festival generiert wird. Ob das prinzipiell richtig ist, kann ich nicht sagen. Es ist unumgänglich. Danach gab es bei beiden Screenings ein Q&A und man starrte in diese starrenden Gesichter. Es macht einem Angst, obwohl ich sehr gute Fragen und gutes Feedback bekommen habe. Eine Filmemacherin äußerte dann die subtile Kritik, der man sich wohl stellen muss, wenn man Filme nicht nur macht, sondern auch denkt: "Du kannst das gut erklären." Ein solcher Satz tut weh. Er entsteht aus der Diskrepanz meiner filmischen Unklarheit/Verletzlichkeit und der selbstbewussten Klarheit meiner Worte dazu. Was man nicht erahnt, wenn man sich auf so einfache Rückschlüsse einlässt, ist, dass beides aus einer Bewegung entsteht, die der selbstbezogenen Schwäche des Träumers und der empfindlichen Freiheit des Geträumten.


(Bild aus Fragmente einer Trauerarbeit von Patrick Holzapfel; Copyright: Joshua Burkert)

Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.

Dem österreichischen Film wird gerne vorgeworfen, dass er sich zu sehr auf "Feel-Bad"-Themen und Realismus beschränkt. Dieser Vorwurf ist jedoch ein oberflächlicher, weil unabhängig von der Genrerelevanz der gezeigten Filme dieses Jahr immer wieder etwas etabliert wurde, das über die gezeigte Realität hinauswies oder zumindest weisen wollte. Ein Beispiel wäre der spannende Dokumentarfilm Korida von Sinisa Vidovic, der am Ende zwar deutlich zu platt, aber dennoch mit Herz und Glaube von einer besseren Welt träumt. Ähnliches kann man auf höherem Niveau auch von Peter Brunner und seinem Jeder der fällt hat Flügel sagen. Ein Film, der an eine Welt des Fühlens glaubt, die so gar nicht realistisch scheint, sondern voller Träume und Albträume erwacht. Man denke auch an Los Feliz von Edgar Honetschläger, der einen sehr eigenen, freien Zugang wählt, der mehr an das Märchen als an die Realität gebunden ist. Vielmehr als eine sklavische Orientierung am Realismus konnte man eine Sehnsucht nach freien Umgangsformen erahnen. In manchen Fällen führt dies zu schwachen, bizarren und bisweilen schwer nachvollziehbaren Filmen, in anderen zu solchen, die einen genau deshalb nicht loslassen, und wieder in anderen zu einem Sturm, der einen mitreißt. Wenn ein nationales Kino sich auf einem solchen Niveau bewegt, dann ergibt es Sinn. Trotzdem ist es wunderbar, dass das Festival auch über den Tellerrand blickt und internationale Produktionen in einen Dialog mit dem heimischen Kino stellt.

Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noëmi.

Ein weiterer Faden durch das Programm war jener der filmischen Argumentation. Vielmehr noch als ästhetische wurden argumentative Ideale sichtbar. Das österreichische Kino bewegt sich häufig an den Grenzen der Repräsentation. Natürlich gibt es auch den klassischen Spielfilm, aber viele Filme fragen ganz offensiv nach dem "Wie", wenn es um das Filmen von Menschen und auch den Umgang mit Material geht. Manche Filme wie Helmut Berger, Actor gehen auch über diese Grenze. Jedoch ergeben sie genau deshalb im Rahmen des Festivals Sinn. Das liegt auch an der Bedeutung der Film-Avantgarde auf der Diagonale. Diese lebt manchmal in ihrer eigenen Welt, aber dennoch strahlt sie vor allem auf Filmemacher eine ungeheure Faszination aus. Dieser Einfluss findet sich auch in anderen Formen und so hatte ich dieses Jahr zum ersten Mal das Gefühl, dass das "Innovative Kino" (über den Namen müsste man sowieso reden) nicht wie ein Alien im Programm fungierte, sondern sich auch im Dokumentar- und Spielfilm ganz ähnliche Formen fanden. Antoinette Zwirchmayr, Lukas Marxt, Johann Lurf oder der alles überstrahlende Peter Tscherkassky sind Filmemacher, die neue Möglichkeiten aufzeigen und so das Kino träumen lassen, damit es geträumt werden kann.


(Trailer zu Helmut Berger, Actor von Andreas Horvath)

Du sollst zur Fremden sagen:

Geh ins Kino, träum vom Kino, mach Kino. Wo liegt die Verantwortung? Im Zeigen, im Machen, im Schreiben, im Sprechen. Es wird einem manchmal schwindlig in Graz. Man hastet von Kino zu Kino, die Straßenbahnen scheinen immer überfüllt. Plötzlich kommt wieder ein bekanntes Gesicht von irgendwo und spricht. Man verliert seine Stimme und schreit sich an. Jemand fragt: Wo gehen wir hin? Man verirrt sich zwischen den Filmen. Einmal biege ich mit Siegfried A. Fruhauf zufällig (wir kennen uns nicht) in eine falsche Gasse ein. Wir landen in einer Sackgasse und rennen zurück. Ich denke, dass er auch ins Kino will. Als ich ihn frage, sagt er: "Nein, ich geh zum Essen" und verschwindet in einem Restaurant. Hier das Nachbeben politischer Ereignisse, wie den Waldheim-Jahren, die in zum Teil explosiven Programmen retrospektiv thematisiert wurden, dort die Präsenz des Aktuellen. Beides vermischt sich. Das ist gut so. Dann trinken die Leute und versuchen, Freunde zu machen. Ich höre so oft das Wort "Networking" in diesen Tagen. Es macht mich traurig, aber es ist notwendig. Am Abend trifft man sich zufällig am Hauptplatz, weil es dort noch Essen gibt. Überall winken sich Leute und grüßen sich. Man hat das Gefühl, dass man etwas verpasst, dass man so vieles verpasst hat, obwohl das doch nur ein kleines Land ist. Es nimmt seine Filmszene ernst und das ist fantastisch. Alles ist hier wichtig, weil es hier ist. Manchmal regnet es, man merkt es kaum. Es ist noch kein Frühling. Die Straßenbahn kommt, sie braucht länger, als die Anzeigen es vermuten lassen. Man schreibt im Hotel, man schreibt eine SMS: "Treffen wir uns nach dem Film?". Jemand hat keine Zeit, niemand hat Zeit, alle haben dauernd Zeit für das Kino. Man sieht sich in den Fußgängerzonen und nickt sich zu. Es ist eine Verschwörung. Jeder hat eine Meinung, jeder muss irgendwas sagen, alle rudern wie wild, damit man sie sieht. Wie fällt man auf? Wie geht man unter? Die Diagonale ist eine Sichtbarmachungsmaschine und sie kennt ihre Verantwortung. Aus diesem Grund erscheint es absolut natürlich, dort einen eigenen Film zu zeigen. Es war letztlich nur eine Verbrüderung mit dem Festival selbst. Ich habe Gemachtes geträumt und gesehen.

Sieh, ich schlief bei diesen!

In Shops around the Corner, der aus Aufnahmen des verstorbenen Filmemachers Jörg Kalt aus dem Jahr 1998 in New York besteht, geht dieser einmal auf einen älteren Chinesen zu und fragt ihn, seit wann er denn hier wäre. Der Mann scheint ihn nicht richtig zu verstehen und entgegnet: Ich bin nicht hier. Bei so viel Verletzlichkeit und Verantwortung, wie ich sie in diesen wenigen Tagen in Graz gesehen und erlebt habe, würde ich manchmal gerne dieser Chinese sein. Ein zufälliger Passant, vom Kino erfasst, aber nicht mit ihm verwandt. Ich bin es aber nicht und deshalb bin ich da, mache Filme und schreibe über Filme. Aber nie wieder schreibe ich über meine eigenen Filme.

(Patrick Holzapfel)