16 23/02

Altern Filme?

Für viele Menschen sind Filme wie radioaktive Stoffe. Sie werden mit einer Halbwertszeit geboren und beginnen, in dem Moment zu zerfallen, in dem sie fertiggestellt werden. Immer wieder hört oder liest man das Urteil, dieser und jener Film sei "schlecht gealtert". Oder eben auch "gut gealtert", als ginge es um ein Fass Wein oder einen besonders würzigen Käse.


(Filmstill aus Das Bildnis des Dorian Gray; Copyright: Concorde Filmverleih GmbH)

Gerade vielfach angepriesene, kanonisierte Klassiker werden oft mit diesem Urteil bedacht, als würde es ein notwendiges Korrektiv darstellen. Nur: Was auf der Leinwand gezeigt wird, verändert sich nicht. Die Kamera bewahrt Augenblicke für die Ewigkeit, versiegelt Momente und lässt Menschen in der Zeit erstarren. Marlene Dietrich ist bei jeder Vorführung von Der blaue Engel 29 Jahre alt, Immanuel Rath wird ihr immer wieder aufs Neue verfallen. Nicht umsonst wird davon gesprochen, dass Stars durch bestimmte Rollen unsterblich gemacht werden. Während reale Menschen unweigerlich von der Zeit gezeichnet werden, ihre Haut Falten schlägt und ihre Haare sich grau färben, bleiben sie auf der Leinwand ewig jung.

Dieser Widerspruch ist nur aufzulösen, wenn das Kinobild funktioniert wie Das Bildnis des Dorian Gray: Während der titelgebende Narziss aus Oscar Wildes einzigem Roman ewig jung und schön bleibt, verkommt sein Porträt in Folge seiner dekadenten, unmoralischen Exzesse zunehmend zur widerwärtigen Monstrosität. Und so wäre dann auch ein Film, wenn er Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung erneut angesehen wird, solch eine halbmagische Schöpfung. Während auf der Leinwand das gleiche zu sehen ist, wie noch Jahrzehnte zuvor, muss im Verborgenen etwas verfallen sein.

Die eigentlichen Alterungsprozesse in Form der wachsenden Zeitspanne zwischen Veröffentlichung und Gegenwart sowie des unvermeidbaren Verfalls von Trägermedien wie etwa Filmkopien werden primär von Historikern und Experten für Filmkonservierung diskutiert. Gemeint ist also kein physikalischer Prozess, sondern ein weltanschaulicher – im wahrsten Sinne des Wortes, geht es doch um die Frage, wie man auf einen Teil der Welt blickt. Was sich tatsächlich verändert, sind dementsprechend die Sehgewohnheiten.

Den meisten Zuschauern werden Kunstwerke und Kulturprodukte mit zunehmendem zeitlichen Abstand fremder. Jeder dauerhaft gelebte Zustand erscheint unweigerlich als Normalität. Filme, die nach dem Jahr 2000 erschienen sind, wirken fast automatisch zugänglicher als etwa solche, die in den 1930er Jahren gedreht wurden. Stummfilme, solche in Schwarzweiß oder engen Seitenverhältnissen wie 1,33:1 wirken auf viele veraltet oder sogar abschreckend. Ästhetisches Empfinden und Zeitgeist sind einem stetigen Wandel unterworfen, bestimmte Trends kommen und gehen. Auch die Technologie des Kinos hat erst vor kurzem – mit dem allgemeinen Wechsel vom Analog- zum Digitalfilm – einen Änderungsprozess zu einem (vorübergehenden?) Schlusspunkt gebracht.


(Filmstill aus Sonnenaufgang – Lied von zwei Menschen; Copyright: Universum Film GmbH)

Filme altern, wenn überhaupt, in den Augen der Menschen. In den meisten Fällen wird die Aussage auch wohl genau so gemeint sein. Oft wird damit also etwas Visuelles beschrieben, gerade Spezialeffekte werden zum Stein des Anstoßes. Das liegt zum einen daran, dass sie oft im besonderen Maße in den Vordergrund gerückt werden, vor allem aber auch daran, dass sich Computertechnologie in den letzten Jahren besonders schnell entwickelt hat. Das noch deutlich stärker an technische Entwicklungen gekoppelte Medium der Videospiele zeigt, wie extrem sich wahrgenommene Alterungsprozess beschleunigen, wenn die Gesamtheit des Dargestellten das Ergebnis von Programmierung ist. Erzähltechnische Entwicklungen verlaufen oft nicht einmal ansatzweise so schnell, wirkliche inhaltliche Innovation ist seltener als rein technische.

Remakes, Reboots und sogar Fortsetzungen, die mit großem Abstand zu den Originalen gedreht wurden, werden oft kritisiert. Immer steht die Frage im Raum, wozu es einer Neuauflage bereits bekannter Stoffe überhaupt bedürfe. Dabei sind solche Produktionen auch Ausdruck der Überzeugung, alte Filme bräuchten regelmäßig einen neuen Anstrich. Es ist der Hunger nach Neuem, vor allem aber unsere skeptische Distanz zum "Veralteten", die Studios zu Experten für Recycling und Zweitverwertung machen.

Dabei ist das Alte nicht automatisch dem Neuen überlegen. Qualitativ natürlich ohnehin nicht, aber auch in Hinsicht auf ein schwer definierbares Attribut wie Gegenwärtigkeit. Ein Beispiel: Die Mittel und Ästhetik eines Filmes der 1980er Jahre wie Paul Verhoevens RoboCop – kantig, verspielt und oft so ungelenk wie die ED-209-Roboter – weichen in José Padilhas Remake von 2014 einer kalten, glatten, dafür aber eindeutig zeitgenössischen Optik.


(Trailer zu RoboCop von José Padilha)

Vergleicht man nun beide Filme, wird schnell deutlich, dass das Original von 1987 der aktuellere Film ist. Gerade durch die spekulative Projektion in die Zukunft kommt das Science-Fiction-Abenteuer der Gegenwart näher: Seine Diskurse über die Militarisierung der Staatsmacht und Transhumanismus mögen in der eigentlichen Umsetzung weiter von der Realität entfernt erscheinen, doch ihre metaphorische Kraft überbrückt die Lücke, die bei Padilha selbst durch das kontemporäre Vokabular nicht überwunden wird. Und ein Film wie Videodrome hat mehr über die Macht des Internets zu erzählen, als es ein Werk wie Transcendence, das seine Brisanz nur behauptet, jemals könnte.


(Trailer zu Videodrome von David Cronenberg)

Durch die gefühlte Distanz zum Veralteten kommen vermeintlich "schlecht gealterte" Kunstwerke uns oft näher als solche, die unmittelbarer Ausdruck gegenwärtiger Entwicklungen sind. So wie Werbebotschaften besonders bei jenen wirken, die sich für immun gegenüber ihrem Einfluss halten, sind auch Filme dann besonders effektiv, wenn sie uns als leicht erfassbares Relikt erscheinen.

Hier kommt auch wieder Oscar Wilde ins Spiel, der einst sagte: "Nichts ist so gefährlich, wie das Allzumodernsein. Man gerät in Gefahr, plötzlich aus der Mode zu kommen." Gerade die Nähe zum Zeitgeist ist es, die Filmen schnell etwas Antiquiertes gibt. Wenn ein Drama Myspace oder Google Wave zu Handlungselementen erklärt, brandmarkt es sich dadurch eindeutiger als Teil der Vergangenheit, als jedes viktorianische Gewand es vermöchte. Ein Konzept aus der Theaterkritik, nämlich das des Regietheaters, hat auch in der Betrachtung von Filmen einen Wert; nämlich immer da, wo verzweifelt versucht wird, etwas zu reanimieren, das überhaupt nicht tot ist.

Es ist verwunderlich, dass es gerade das Attribut "zeitlos" ist, mit dem Klassiker lobend bedacht werden. In Wirklichkeit ist es oft gerade die Spezifizität, die Bindung an eine besondere Epoche, die einen Film besonders macht.

Wohl jeder kennt diesen Moment, in dem das erneute Betrachten eines einst geliebten (oder von anderen gelobten) Klassikers zu einem Schockmoment wird, so wie Dorian Gray nach langer Zeit wieder auf den Dachboden hinaufsteigt, um sein Abbild zu betrachten. Der Blick auf das unansehnliche, diffuse Grauen lässt uns an dem Urteilsvermögen unseres früheren Ichs zweifeln. Man fragt sich, wie einen solch alberne Effekte, solch hölzernes Schauspiel oder kitschiges Gefasel jemals fesseln konnte. Vielleicht so, wie man die eigene Frisur auf Jugendfotos oft gerne mit Photoshop retuschieren würde. Wer jetzt aber wie Gray einen Dolch zücken möchte, zumindest aber ein spitzes, vernichtendes Urteil, der sollte sich überlegen: Offenbart sich mir nicht nur, was immer schon da war? Gilt der Dolchstoß, wie im Roman, schlussendlich nicht uns selbst? Wir neiden dem Kino seine Unsterblichkeit. Auch die Menschen, die auf widerwärtige Weise über die angeblich "schlecht gealterte" Carrie Fisher herzogen, taten dies wohl aus einem Gefühl von Diskrepanz heraus: Plötzlich waren da zwei Bilder desselben Menschen, die nicht zusammenzugehören schienen ...

Filme altern nicht. Wer das Kino liebt, liebt Filme jeder Epoche – sonst verehrte er nur das Gefühl eine Reproduktion der Welt, nicht aber ihre Interpretation und Umformung. Die Zeit trägt lediglich eine Schicht aus Hype, Überwältigung und Novität ab. Ein Effekt, der uns heute hässlich erscheint, war es wohl immer schon. Eine Geschichte, die in ihren Ideen und Abläufen archaisch erscheint, war es schon in der Genese.

Es gibt keinen Verfall, nur einen neuen Standpunkt. Und ob dieser immer der richtige und fortschrittlichste ist, nur weil er aktuell ist, ist noch einmal eine ganz andere Frage.

(Lucas Barwenczik)