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15 29/04

Alles so schön bunt und Plastik hier: "Sitzplatzerhöhung" - Die Kinderfilm-Kolumne

Erinnern Sie sich noch daran, worum es in Wall-E ging? Im ersten Drittel ist das einer der vielleicht poetischsten Pixar-Filme, es wird praktisch kein Wort gesprochen, weil sich die Handlung sehr liebreizend aus den Figuren ergibt, und die sind nicht einmal menschlich. Eine Romanze zwischen dem einsamen, sehnsuchtsvollen, titelgebenden Aufräumroboter und einer (klar weiblich konnotierten) bewaffneten Suchdrohne mit Auftrag.


(Filmbild aus Wall-E - Der Letzte räumt die Erde auf von Andrew Stanton; Copyright: Pixar / Walt Disney)

Das alles spielte vor dem Hintergrund einer im Müll erstickten Erde - und so dreht es sich dann im Rest des Films, der als Kritik an passiven Couch Potatoes eine ganz eigene Form der Publikumsbeschimpfung betreibt, darum, dass die Menschen wieder zur Erde zurückkehren sollen - und dort soll es dann Pflanzen geben statt Müll, Leben statt Konsum.

Ich mag diesen Film eigentlich. Er ist stellenweise poetisch und visuell überwältigend, er ist witzig und anspielungsreich... und Teil eines völlig bizarren Universums. Denn die bereits erwähnte, nachgerade (nicht zuletzt ob ihres hohen Wahrheitsgehaltes) zynische Publikumsbeschimpfung setzte sich seinerzeit darin fort, dass von Disney (das Pixar 2006 übernommen hatte) zum Kinostart von Wall-E eine Vielzahl an Merchandise-Produkten in die Welt geworfen wurden. Mit anderen Worten: jede Menge Plastik-Schrott. Müll-Apokalypse Now, jetzt, sofort.

Natürlich muss ich gestehen: Ich bin ja nicht unschuldig. Auch ich finde die "Minions" aus ICH - Einfach unverbesserlich so niedlich, dass ich mich nicht nur auf den Kinofilm freue, der sich nur um die kleinen gelben Bananenfreunde dreht, sondern auch total gerne einen niedlichen Plastikminion auf meinen Schreibtisch stellen würde. Und ich war von Anfang an dabei: Mit Krieg der Sterne fing seinerzeit der Erfolg des Blockbuster-Merchandising an (George Lucas verzichtete auf einen Großteil seines Gehalts für die Rechte am Merchandising und wurde so ein sehr reicher Mann). Natürlich hatte ich zahllose Actionfiguren meiner Heldinnen und Helden, eine X-Wing und noch mehr Spielzeug; in meinem Regal steht bis heute ein Tauntaun, an meiner Wand hängt ein Modell der "Slave I", mit der Boba Fett durch die Galaxie reiste und... aber lassen wir das. Sie verstehen schon: Schuldig im Sinne der Anklage.

Ich dürfte also eigentlich gar nichts sagen dagegen, dass die Studios versuchen, so ihren Gewinn zu maximieren (meine Güte, ich verlose den Kram zum Teil auch noch in meinem Blog) - und es ist sicher kein Zufall, dass sie dies vor allem und extensiv bei Kinder- und "Familien"-Filmen tun. Aber. Vor einiger Zeit habe ich versucht, neue Bettwäsche für die Kinder zu erwerben, und es gibt im normalen, gut ausgestatteten Einzelhandel davon im Grunde nur drei Varianten: viel zu teuer, potthässlich oder Merchandise. Wobei die Schnittmenge zwischen den letzten beiden Gruppen erstaunlich groß ist.

Aber während ich überhaupt nichts dagegen habe, dass meine Kinder Die Eiskönigin toll finden, möchte ich Elsa und Anna nicht überall im Kinderzimmer begegnen; und dass die Autos aus Cars lange Zeit quasi ubiquitär waren, ging mir sowieso auf die Nerven. Es stört mich zweierlei: Zum einen die schiere Masse, die zu praktisch jedem Film, der aus einem großen Studio kommt, auf den Markt quillt. Zum anderen, dass das meiste davon bedeutungsloser, qualitativ minderwertiger Schrott ist.


(Merchandising-Laden im japanischen Osaka; Bild: Stéfan /Creative Commons 2.0, via flickr)

T-Shirts und Spielzeug, auch Stofftiere oder Tassen, das kann ich noch verstehen, Poster gehen vielleicht auch noch. Aber ein Dutzend verschiedene Malbücher und Bücher-zum-Film? Billig gemachte Bleistifte, Kugelschreiber, Plastikfiguren, Tapeten, Aufkleber, Plastiktüten, Geburtstagsparty-Sets, langweilige Computerspiele, Spezial-Hamburger undsoweiter undsofort. Da ist man eigentlich schon dankbar für nicht-autorisierte "Tie-Ins" wie die App, in der man Anna, die Protagonistin aus Disneys Die Eiskönigin, bei der Geburt ihres Kindes(!) unterstützen muss. Das ist schon wieder so bizarr, dass es den Irrsinn des ganzen Merchandise-Systems offenlegt.

Mit Recht kann man nun sagen: So funktioniert halt der Markt. Und wahrscheinlich gibt es nur zwei Möglichkeiten, das System zu bremsen: Entweder mit einer ökologischen Katastrophe à la Wall-E - oder mit der Entscheidung, sich zukünftig abzukoppeln vom Plastik-Irrsinn. Die Filme zu schauen und (wenn sie gut sind) zu genießen als Unterhaltung, womöglich gar Kunst; aber auf den Kladderadatsch drumherum zu verzichten, oder wenigstens kein Geld mehr dafür auszugeben.

Denken wir mal drüber nach. Womöglich wäre dieser Verzicht ja auch etwas, was wir unseren Kindern auf ihren weiteren Weg mitgeben wollen.

(Rochus Wolff)

Rochus Wolff sucht in seinem Kinderfilmblog nach dem schönen, guten, wahren Kinderkino; das findet er gelegentlich in der Vergangenheit, aber auch die Gegenwart hält zahllose wunderbare Überraschungen bereit.