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17 25/01

Übernehmt Verantwortung - oder: die unnötige Angst vor Spoilern - Die kino-zeit-Kolumne

Als russische Hacker an die letzte Folge der vierten Staffel von Sherlock gekommen sind und eine russischsprachige Version einen Tag vor der geplanten Ausstrahlung online gestellt haben, war die BBC not amused. Sie vermutete, dass es ein gezielter Angriff sei, um einen geplanten Ausbau der Präsenz des Senders in Russland zu verhindern.


(Bild aus Sherlock; Copyright: BBC)

Dabei fallen mir viele Gründe ein, warum es bedenklich sein könnte, dass ein durchaus renommiertes Medienunternehmen gehackt wurde: mit der Glaubwürdigkeit der BBC im Rücken ließe sich so manche Falschnachricht verbreiten, Material von (investigativen) Recherchen könnte entdeckt werden und in falsche Hände geraten, Informanten könnten enttarnt werden. Aber in Zeiten der überall wütenden Spoiler-Angst im Internet ging es auch darum, dass nun das Ende zu früh bekannt werden konnte. Oh nein, wie schrecklich! Das Ende! Einer fiktionalen Fernsehserie! Allerdings müsste man dafür schon 'versehentlich' eine Seite aufrufen und auf eine Folge in russischer Sprache klicken. Oder auf einen Text, der das Ende verrät. Oder zufällig in eine Unterhaltung zwischen zwei Russischverstehende stolpern, in der darüber gesprochen wird.

Aber dass mit Spoilern nicht zu spaßen ist, ist schon aus Zeiten vor dem Internet bekannt. Vor gut 55 Jahren – also eine Weile bevor es Begriffe wie Spoiler, Shitstorm und Fanforen überhaupt gab – hat der Kabarettist Wolfgang Neuss am 15. Januar 1962 in einem Berliner Boulevardblatt eine Anzeige aufgegeben, in der er den Mörder der Krimiserie Das Halstuch verraten hat, die mit einer Einschaltquote von 90 Prozent wahrlich ein Straßenfeger war. Fortan wurde er als Volksverräter beschimpft und erhielt Morddrohungen in Briefen oder beim Einkaufen. Dabei hat er – nach eigener Aussage – den Täter selbst nur geraten, weil er für den Besuch seines neuen Kinofilms werben wollte. Die Zuschauer waren sauer – obwohl ja damit, wie der damals ermittelnde TV-Inspektor Heinz Drache erwähnte, ihr Interesse erst recht geweckt wurde und sie weiterschauten, um herauszufinden, ob Neuss recht hatte.


(Outro von Das Halstuch)

Doch es geht bei diesem frühen Beispiel maßloser Reaktionen auf Spoiler nicht nur um "recht behalten", der Spoiler an sich ist hoffnungslos überbewertet. Zumal Neuss' "Verrat" durch die Aufregung darüber immer größer wurde, da mehr Zuschauer von ihm erfuhren. Sicherlich ist die erste "ah, wie gemein"-Reaktion sehr verständlich, ähnlich erging es mir bei meinem allersten Spoiler, den ich bis heute nicht vergessen habe: Im September 1991 lief bei RTL Das Geheimnis von Twin Peaks, auf wundersamen Wegen hatte ich meine Eltern überzeugt, dass ich diese Serie um diese Uhrzeit auf diesem Sender sehen durfte – und dann beantwortete der Sat.1.-Videotext auf einer Seite die zentrale Frage "Wer tötete Laura Palmer?". Nun wusste ich es, viel zu früh. Aber schon damals in jungen Jahren erkannte ich, dass die Verantwortung dafür ganz allein bei mir lag: ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht, ich habe die drei Ziffern eingegeben, die Seite aufgerufen und den Text gelesen. Kurzum: ich habe der Versuchung nicht widerstanden.

Dieser Punkt der Eigenverantwortung wird heute bei vielen Diskussionen über Spoiler völlig vernachlässigt: Wenn ich mich entscheide, eine Filmkritik vor dem Film (oder einen Text zu einer Serie usw.) zu lesen, darf ich mich hinterher nicht beschweren, dass ich etwas über die Handlung erfahren habe. Es war meine Entscheidung, sie zu lesen. Der/die Autor/in des Textes ist nicht dafür verantwortlich, mir den Spaß nicht zu verderben, wenn dieser Spaß nur darin besteht, nichts von der Handlung zu wissen. Denn er oder sie kennt die Geschichte, schreibt nun über den Film und damit der/die Leser/in die Argumente nachvollziehen kann, muss ansatzweise die gleiche Ausgangssituation geschaffen werden. Und dafür muss in der Regel etwas über den Inhalt erzählt werden. Das bedeutet nicht, dass man sofort und ohne Hinweis die großen Twists und Fragen erklären oder gar die gesamte Handlung nacherzählen muss. (Aber dann wäre es, nebenbei bemerkt, auch keine Filmkritik, sondern eine Handlungszusammenfassung.) Bei Filmen wie Fight Club oder Die üblichen Verdächtigen geht ein Großteil des Vergnügens verloren, wenn man vorher weiß, was passiert – und eigentlich auch schon, wenn man weiß, dass es einen Twist gibt. Dieses Wissen reichte mir jedenfalls, um schnell zu erahnen, wie bei The Sixth Sense der Hase läuft. Deshalb ist gelegentlich ein Hinweis fraglos angebracht, beispielsweise habe ich auch in meiner Kritik zu Gone Girl zu Beginn angemerkt, dass ich über einen sehr wichtigen, überraschenden Aspekt der Handlung schreiben werde, der manchen womöglich nicht bekannt ist. Aber um über diesen Film zu schreiben, muss ich auch über die Wendung schreiben, sonst könnte ich nur die erste Hälfte besprechen.


(Bild aus Gone Girl von David Fincher; Copyright: 20th Century Fox)

Bei Spoilern muss man somit dreierlei bedenken: Zum einen sind solche großen Wendungen selten, daher geht es bei der Angst vor Spoilern meist um Kleinigkeiten, um Auftritte von bestimmten Figuren aus demselben oder einem anderen Universum oder einzelne Aspekte der Handlung. Sollten diese in einem Text erwähnt werden müssen, geht aber zunächst einmal lediglich ein Überraschungsmoment verloren – und hier würde ich mir ein wenig Vertrauen wünschen, dass die meisten Filmkritiker nicht etwas verraten, um anderen den Spaß zu verderben, sondern weil es für den Text wichtig ist. Zum anderen verweist die Angst vor Spoilern auf die zunehmende Bedeutung, die der Narration beigemessen wird. Und abgesehen davon, dass Plot und Erzählweise nicht alles an einem Film sind, es auch noch die Musik, die Kamera, das Licht, den Ton, den Schnitt, die Schauspieler usw. gibt: um über Strukturen und Perspektiven zu schreiben, muss ich sie erzählen. Jüngstes Beispiel hierfür ist Passengers, der ob seines "Twists" eine ganz andere Richtung einnimmt. Aber mir wird der Film nicht verdorben, weil ich das entscheidende Geheimnis kenne. Noch nicht einmal die Narration wird mir verdorben, da ich erst einmal nur ihr Ziel kenne, aber nicht die Strukturen, die mich dorthin führen. Deshalb kann ich auch Fight Club und Die üblichen Verdächtigen sehr gut mehrere Male schauen – sie anders sehen, Hinweise und Kleinigkeiten erkennen.

Das führt zum nächsten wesentlichen Punkt: Wer geht denn nur ins Kino, um zu erfahren, wie ein Film ausgeht? Habe ich damals aufgehört, Twin Peaks zu sehen? Nein, natürlich nicht, im Gegenteil: ich war regelrecht besessen von der Serie – inklusive des Kaufs des geheimen Tagebuchs von Laura Palmer, FBI-Agent Dale B. Cooper – Mein Leben, meine Aufzeichnungen sowie natürlich des Soundtracks. Denn eine gute Kriminalerzählung – unabhängig in welchem Medium – besteht immer aus mehr als dem Enttarnen des Täters. Zum Beispiel könnte ich hier schreiben, wer der Täter in Die Hölle – Inferno ist – und würde das Sehvergnügen überhaupt nicht mindern. Weil der Täter in diesem Film keine Rolle spielt. Aber sogar gute Whodunnits haben mehr zu bieten als die Enttarnung des Täters – oder schaut niemand mehr Mord im Orient-Express, 16 Uhr 50 ab Paddington oder 8 Frauen, weil er den Täter kennt?


(Trailer zu Mord im Orient-Express)

Diese Spoiler-Angst ist ärgerlich, zumal sie mittlerweile sogar in dem Versuch gipfelt, "spoilerfreie Kritiken" zu schreiben. Es gibt sie nicht. Wo fängt denn ein Spoiler an? Überspitzt gefragt: Ist nicht schon der Name des Regisseurs manchmal ein Spoiler? Wenn ich weiß, dass ein Film von Woody Allen ist, weiß ich seit einigen Jahren auch, was ich zu sehen bekomme. Bei einem Buch von Elizabeth George reicht in der Regel der Autorinnenname, um zu ahnen, welche Figur der Täter ist. Nach der ersten Staffel von Die Brücke weiß ich, dass vermeintlich "Verdächtige" in den ersten Folgen fast immer dazu da sind, neue Handlungsstränge anzufangen. Will ich Spoiler also wirklich vermeiden, darf ich gar nichts über einen Film oder eine Serie wissen. Denn gerade bei Serien müsste ich ja jegliche Unterhaltung über sie einstellen, da sie im Gegensatz zu den Zeiten von Das Halstuch und Twin Peaks jeder in seinem eigenen Tempo guckt und ich daher jederzeit in eine Unterhaltung stolpern kann, in der Handlungen verraten werden, es sei denn, ich stelle jegliche Kommunikation und Rezeption medialer Inhalte ein. Aber mal ehrlich, das Ende von Breaking Bad ist doch von der ersten Folge an abzusehen, der Weg dorthin hat dennoch ausreichend Überraschungen.

Deshalb kann ich verstehen, dass man sich über einen Spoiler ärgert – wenn man zufällig in einer Unterhaltung etwas mitbekommt, das Radio einschaltet und etwas hört, was man nicht hören wollte. Aber: Es gibt nicht einen einzigen vernünftigen Grund, einen Menschen zu beschimpfen oder sogar anzugreifen, schon gar nicht, weil er etwas über die Handlung einer Fernsehserie oder eines Kinofilms verraten hat. Und insbesondere bei einem Text sind Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein gefragt, sowohl auf Seite des Schreibenden als auch der Lesenden: Handlungselemente sollten mit Bedacht preisgegeben werden, die Entscheidung, einen Text zu lesen, trifft aber der/die Leser/in. Und Entscheidungen haben immer Konsequenzen, die ich tragen muss. Das gilt bei Wahlen wie beim Lesen von Filmkritiken, die mehr sind als Filmtipps und Verbraucherbewertungen. Alles andere ist kindisch.

(Sonja Hartl)

(Sonja Hartl schreibt über Filme und (Kriminal-)Literatur, am liebsten über die Verbindungen von ihnen. Sie betreibt das Blog Zeilenkino, ist Chefredakteurin von Polar Noir und Jury-Mitglied der KrimiZeit-Bestenliste.)