17 05/07

Filmfest München 2017: "Strange Weather" von Katherine Dieckmann

Fast jeder Mensch glaubt von sich, die Freiheit zu lieben. Die verheißungsvollen Möglichkeiten und die offene, unendliche Landschaft, die hinter jedem Horizont einen weiteren verspricht. Doch es findet auch fast jeder Mensch gute (oder weniger gute Gründe), sie nie ganz auskosten zu müssen. Man beschränkt sich bewusst auf einen Ort, auf eine Heimat, um sich nicht in der Unendlichkeit zu verstreuen.


(Bild aus Strange Weather; Courtesy of Filmfest München)

Das gilt auch für Darcy Baylor (Holly Hunter) aus Katherine Dieckmanns Melodrama Strange Weather, eine robuste Hippiedame älteren Semesters aus den Südstaaten. Sie versteht sich selbst als Freigeist, doch selbst ihre langjährige Freundin Byrd (Carrie Coon) weiß: „Dein Geist ist alles andere als frei.“ Nächtliche Gartenarbeiten, eindrucksvolle Cowboyhüte und flatterhafte Beziehungen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihr Leben nach und nach zusammenschmilzt wie eine Eisscholle. Sie versperrt sich gegenüber der Welt, gegenüber neuen Möglichkeiten. Auch beruflich, und dass, obwohl ihre Anstellung bei der Verwaltung der örtlichen Universität Budgetkürzungen zum Opfer fallen zu droht. Dazu, ein besseres, aber herausforderndes Angebot anzunehmen, kann sie sich nicht durchringen.

Wer in Amerika nicht mehr weiter weiß, der steigt in sein Auto und fährt los. Das ist eines der ungeschriebenen Gesetze des Kinos, weil eine Reise immer eine gute Geschichte ist. Für Darcy wird der Road Trip zur Zeitreise: Vor sieben Jahren hat ihr Sohn Walker Selbstmord begangen, die genauen Umstände kennt sie jedoch nicht. Als sie erfährt, dass dessen Jugendfreund Mark nicht nur mehr über die Ereignisse der schicksalsträchtigen Nacht weiß, sondern auch Walkers Business-Konzept – eine Hot-Dog-Restaurantkette – gestohlen hat, beschließt sie, ihn zu konfrontieren. Im Gepäck hat sie auch den Revolver, mit dem sich ihr Sohn das Leben genommen hat – auch Anton Tschechows Gesetz über die Waffe aus dem ersten Akt ist bekannt.
Jede Station der Reise offenbart neue Informationen, einen neuen Blickwinkel, es entsteht eine Kartographie der Vergangenheit. Raum und Zeit werden, wie in der Physik, untrennbar verbunden und bestehen nicht mehr als alleinige Absolute. Jedes physische Hindernis wird auch ein psychisches, jede Landschaft ein Gedankenraum. Mit Darcy reist der unbewegte Geist einer alten Zeit durch ein sich immer wieder erneuerndes Land. Sie ist eine Art emotionale Revolverheldin, ein wandelnder Anachronismus. An soziologischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen ist Dieckamnn nur bedingt interessiert, doch ihre Version der Südstaaten wirkt erstaunlich modern. Statt Redneck-Klischees zu erfüllen, zeigt sie ein Land, in der Darcys beste Freunde ein lesbisches Paar sind, bestehend aus einer weißen und einer schwarzen Frau. Es ist keine Männerwelt, kein wilder Westen, sondern ein Raum der Begegnungen, in dem jeder zu sich selbst finden kann – vorausgesetzt, er sieht nicht alles Neue als Angriff auf den eigenen Lebensstil.

Darcy dient auch als pars pro toto ihrer Generation. Die Hippies und Alt-Achtundsechziger herrschen nicht mehr, in den Chefetagen sitzen längst Babyboomer, die Generation X oder sogar Millennials. Die alten revolutionären Träume sind mittlerweile im Mainstream aufgegangen oder süße Nostalgie geworden. Auf ihrer Reise wird Darcy auch mit den Fehlern und Egoismen ihrer früheren Überzeugungen konfrontiert. In überlebensgroßen melodramatischen Momenten versucht Darcy, ihre Gegenüber emotional zu überwältigen, nur um immer wieder feststellen zu müssen, wie beschränkt ihre Perspektive damals eigentlich war. Der Film um diese großen Monologe herum fühlt sich manchmal ein wenig wie Füllmaterial an. Die Landschaftsaufnahmen sind schön und abwechslungsreich gefilmt, aber etwas beliebig. Zu sich findet der Film nur in etwas wackligen Nahaufnahmen von Holly Hunter, die mit ihren ausdrucksstarken Augen die Vergangenheit mit Laserstrahlen in die Luft zu projizieren scheint. Ihr drahtiger Körper versteinert dabei, als müsste sie im Raum erstarren um durch die Zeit wandeln zu können. Ihr Schauspiel ist ein Beschwörungsritual, Tränen eher der Schweiß der Anstrengung als purer Ausdruck einer Empfindung.

Leider ist das Material, mit dem sie dabei arbeitet, recht einfältig geraten. Nicht nur Darcy neigt zu großen, pathetischen Reden, die erzählen, was in der schlichten Form nicht zum Ausdruck kommen kann. Die Vorträge über Leben, Freiheit und Verantwortung wirken didaktisch, wie von besorgten Eltern an ein Kinderpublikum gerichtet. Mancher Satz wäre besser ein Blinzeln geworden, ein enttäuschtes Abwinken oder ein zweifelnder Blick zum Boden. Wenn doch einmal die Bilder übernehmen, dann kommt oftmals schlimmer Kitsch dabei heraus. In einer späten Szene steht Holly Hunter auf einem gewaltigen Feld voller Blumen, das seltsame Wetter des Titels ist eine automatische Bewässerungsanlage. Immer weiter fährt der Kamerakran hinaus, mehr und mehr bunte Blüten kommen ins Bild, und würde man nur noch eine Weile warten, dann würde auch Rosamunde Pilcher sichtbar werden, die zustimmend nickt. Oder auch das Teletubbie-Land. Es hat einen Grund, warum jeder Kamerafahrt enden muss und Freiheit nicht unendlich ist.


(Trailer zu Strange Weather)

“And all over the world strangers /Talk only about the weather /All over the world / It's the same, it's the same”, sing Tom Waits in seinem traurigen Song Strange Weather, der auch dem Film seinen Namen gibt. Das Wetter ist bei Dieckmann alles, was über den Menschen schwebt, eine Atmosphäre oder allgemeine Grundstimmung. Manchmal ist das Wetter künstlich, meistens echt. Es passiert den Menschen, sie reden darüber, weil es universell und unvermeidbar ist. Einmal evoziert der Film Hurrikan Katrina, gezeigt werden Flutopfer in der Nähe von New Orleans. Freiheit ist schon allein deshalb nicht absolut, weil das Wetter so seltsam unbeherrschbar bleibt.

(Festivalkritik von Lucas Barwenczik)

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