Sieben Mulden und eine Leiche

Kinostart: 17.04.2008
FSK: 12
Leserbewertung:
Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen Filmwecker stellen In Kinoprogramm finden

Meine Mutter, der Messie

So enden normalerweise Geschichten oder auch Filme: Ein kurzer Anruf, bei dem einem lakonisch mitgeteilt wird, dass die eigene Mutter gestorben ist. Im Falle von Thomas Haemmerli, einem Schweizer Journalisten, war es der 8. Mai 2004, exakt der Tag seines 40. Geburtstages, an dem ihn diese Nachricht ereilte. Doch bei ihm war dies erst der Ausgangspunkt für einen Film, der sich auf recht eigentümliche Weise mit der Person der Toten auseinander setzt. Die eigentliche Initialzündung für das Projekt ergab sich, als Thomas und sein Bruder Erik zum ersten Mal die Wohnung der Verstorbenen betraten: Zwar hatten die beiden einiges erwartet, doch was sie vorfanden, übertraf ihre schlimmsten Befürchtungen; es war nicht mehr zu leugnen: Ihre Mutter war ein lupenreiner „Messie“ gewesen. Bergeweise stapelten sich Papiere, Unterlagen, Dokumente, Fotografien, die bis in die 1880er Jahre zurückreichten und Filme aus den Dreißigern und Vierzigern des Jahrhunderts, Sammelsurien eines Lebens, das irgendwann einmal aus der Bahn geraten war.

Thomas, der sich als TV-Journalist einen Instinkt antrainiert hat, immer dann hinzuschauen, wenn andere den Blick abwenden, dokumentierte das sich ihm bietende Chaos. Zunächst ohne jede Intention, das gedrehte Material für einen Film zu verwenden. Diese Idee entstand erst mit der Zeit und im Verlauf der Entrümpelungsaktion, die ihn und seinen Bruder einen Monat lang Tag und Nacht beschäftigte. Mehrere Tage war die Mutter vor ihrem Auffinden tot in der Wohnung gelegen und war auf der Fußbodenheizung regelrecht kompostiert, so dass der Leichengeruch noch allgegenwärtig war. Wie er und sein Bruder es in dieser bedrückenden Atmosphäre schafften, dem Chaos Herr zu werden und wie sich mit der Beseitigung des angesammelten Mülls Stück um Stück die Fragmente einer Biographie enthüllten, die ebenso faszinierend wie bedrückend ist, davon handelt dieser Film, den sein Regisseur einen „Schockumentarfilm“ nennt. Sieben Mulden (gemeint sind Bauschutt-Container) werden die beiden Haemmerlis benötigen, um all die Hinterlassenschaften der Mutter zu entsorgen.

Im Laufe ihrer Aufräumarbeiten entdecken sie nicht nur allerhand Unterlagen und Getier, das in menschlichen Behausungen eigentlich nichts zu suchen hat, sondern sie kommen auch der eigenen Familiengeschichte auf die Spur: Einstmals war die Familie der Haemmerlis reich gewesen und hatte „ein fesches Leben“ geführt: Glamouröse Partys und eine Hochzeitsfeier, auf der unter anderem der junge Kofi Annan (von der Großmutter nur „der Näger“ genannt) zu Gast war, ausgedehnte Reisen, verwickelte Familienverhältnisse, wechselnde Liebschaften und schließlich die Scheidung, der ein 30 Jahre währender Rechtsstreit folgte. Der Vater, ein vermögender Anwalt aus der Bahnhofsstrasse, hinterließ seinen Söhnen einen immensen Schuldenberg von 62 Mio. Franken und eine ganze Reihe von anhängigen Prozessen.

Und auch das Erbe der Mutter hatte es in sich, wie sich beim Betreten der Wohnung herausstellen sollte. Sammeltendenzen gab es schon immer, so erinnert sich Thomas Haemmerli, doch irgendwann wurden sie zur Manie. Vielleicht war es der Wunsch, all das erlittene zu kompensieren, das marode gewordene Leben festzuhalten und die Fassade der Gut- bis Großbürgerlichkeit um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Die beiden Söhne, allen voran Thomas, nabelten sich schnell ab, und auch die Mutter tat das Ihre dazu, den Kontakt nicht allzu eng werden zu lassen. Als die Wohnung zusehends zur Müllhalde wurde, erfand sie immer wieder neue Ausreden, um ja keine Besucher in ihre Wohnung mehr zu lassen – ein für „Messies“ typisches Verhalten.

Selten hat eine Dokumentation so gespalten wie diese. In der Schweiz bereits heftig diskutiert, wird der Film auch hierzulande bei den Zuschauern einiges an Diskussionsbedarf und Fragen aufwerfen: Spiegelt Thomas Haemmerlis Sicht auf die Dinge und auf seine verstorbene Mutter nicht eine hemmungslose materialistische Einstellung wieder, in der Gegenstände und Menschen allein nach ihrem „Wert“ taxiert und dementsprechend aufgehoben oder weggeworfen werden? Ist der Film eine schonungslos ehrliche und sehr offene Annäherung an das Phänomen „Messie“, das in unserer Gesellschaft immer noch viel zu wenig wahrgenommen wird? Oder beutet Haemmerli hier die bizarre Lebensführung seiner Mutter aus, um sich ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit zu sichern? Kann man, darf man das Leben und den Tod der eigenen Mutter auf diese Weise begleiten – mit viel Sarkasmus, Galgenhumor und auch Spott? Letzten Endes kann diese Frage nur jeder für sich selbst beantworten, muss den Film an seinen eigenen moralischen Wertvorstellungen und Erfahrungen messen.

Das wirklich Interessante an diesem Film neben all dem gezeigten Chaos muss man sich sowieso selbst erschließen: Es sind die Verletzungen sowohl der Mutter als auch der beiden Söhne, die sich Zeit ihres Lebens vielleicht nicht so nahe waren wie in diesem Dokument, das schonungslos all das auf den Tisch bringt, was innerhalb eines Familienlebens schief gehen kann.

(Joachim Kurz)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Sieben Mulden und eine Leiche
Produktionsland: Schweiz
Produktionsjahr: 2007
Länge: 84 (Min.)
Verleih: Neue Visionen

VERÖFFENTLICHUNGEN

Kinostart: 17.04.2008

CAST & CREW

Trailer

Fotogalerie

 (11 Bilder)

FILMBEWERTUNG

Klicken Sie auf einen Stern, um Ihre Bewertung abzugeben.

MEINUNGEN
Ihre Meinung zu diesem Film (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)
Bisherige Kommentare (Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Veronica am: 04.05.10
Dieser Film ist einzigartig, super zusammengeschnitten, total interessant und wie die beiden das ganze mit ihrem Galgenhumor unterstreichen ist einfach nicht zu toppen. An manchen Stellen müsste man eigentlich weinen wenn einem das Staunen nicht davon abhalten würde. Auf jeden Fall habe ich direkt nach dem Film angefangen die Schulbladen auszumisten.
   
KINOSTARTS
24.05 The Yellow Sea Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Na Hong-jin
24.05 Janosch - Komm, wir finden einen Schatz! Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Irina Probost
24.05 Moonrise Kingdom Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Wes Anderson
24.05 Act of Valor Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Mike McCoy, Scott Waugh
24.05 Ein ruhiges Leben Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Claudio Cupellini
24.05 Mes - Lauf! Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Shiar Abdi
CANNES 2012
26.05.12 The Taste of Money
26.05.12 Cosmopolis
26.05.12 Mud
25.05.12 A Respectable Family
25.05.12 Room 237
ARTHOUSE TOP 10
Quelle: AG Kino
1. Lachsfischen im Jemen Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
2. Ausgerechnet Sibirien Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 3
3. Ziemlich beste Freunde Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 21
4. Und wenn wir alle zusammenziehen? Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 8
5. Die Kunst zu lieben Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
6. Best Exotic Marigold Hotel Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 11
7. Barbara Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 12
8. Marley Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
9. Our Idiot Brother Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 2
10. My Week with Marilyn Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Woche 6
Lesercharts TOP 5
1. Moonrise Kingdom Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Wes Anderson
2. Marley Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Kevin MacDonald
3. Frankfurt Coincidences Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Enkelejd Lluca
4. Bar25 - Tage außerhalb der Zeit Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Britta Mischer, Nana Yuriko
5. Hanni und Nanni 2 Film Rezension anzeigen Trailer anzeigen Galerie anzeigen In Kinoprogramm finden
  Julia von Heinz
PARTNER