17 05/07

Filmfest München 2017: "Prinzessinnen und Drachen" von Michel Ocelot

„Einmal haben wir mit einem kleinen Tier gedreht ...“, erinnert sich Claudia Cardinale in Werner Herzogs Dokumentarfilmklassiker Mein liebster Feind (1999) an die höchst abenteuerlichen Dreharbeiten zu Fitzcarraldo (1982). „It was a young ocelot“, erwidert daraufhin der längst gleichsam global wie mythenhaft verehrte Regisseur mit dem unnachahmlichen Hang zu zeitgenössischen Aventüren.


(Bild aus Prinzessinnen und Drachen; Courtesy of Filmfest München)

Werner Herzog, der Lotte Reiniger wie Lotte Eisner, Fritz Lang wie F.W. Murnau verehrt, hat bekanntermaßen seit jeher ein Faible für gefährlich-abgelegene Drehorte, allerhand „ekstatische Wahrheiten“ und einen besonderen Schamanismus-Mystizismus in seinen Spiel- wie Dokumentarfilmen. Genau mit den gleichen Ingredienzien jenes großen Kinomagiers – sprich reichlich Fabelstoffen, kulturhistorischen Mythen und stets einer kleinen-großen Brise romantisches Kunstmärchen – ist auch das neueste, im wahren Sinne des Wortes verzaubernde Scherenschnittabenteuer von Michel Ocelot (Azur und Asmar) abgeschmeckt, dem gegenwärtigen Großmeister des europäischen Animationsfilms mit offenem Kunstanspruch. Dem scheuen Südfranzosen, der als Kind mit afrikanischen Sagen in Guinea aufwuchs, gelingt es nicht erst seit Kiriku und die Zauberin regelmäß Preise wie Zuschauerherzen zu gewinnen. Egal ob jung oder alt: Mit seiner einzigartigen Darstellungs- wie pfiffigen Erzähl- und Montagekunst ist dem 74-jährigen Filmemacher auch bei Prinzessinnen und Drachen ein großes Publikum sicher.

Hier treffen kunsthandwerkliches Können und heitere Fabulierlust ein weiteres Mal kongenial aufeinander. Zugleich ist in jeder der vier Einzelepisoden in Ocelots putzigem Filmpoem weiterhin der lange Schatten Lotte Reinigers zu spüren, die Charlottenburger Filmtricktechnikpionierin (1899 – 1981). Seit ihrem Scherenschnittklassiker Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926) ist ihr in weltweiten Filmlexika ein Ehrenplatz sicher und gerade in den vergangenen Jahren wurde ihr vielseitiges Können und Schaffen erneut rund um den Globus vielfach wiederentdeckt. Trotzdem bewahren sich angenehmerweise auch die neuesten, insgesamt ziemlich unterschiedlichen Geschichten Ocelots in Prinzessinnen und Drachen eine große Eigenständigkeit, weil hier der Zuschauer – gleich welcher Altersgruppe – lustvoll und mehrfach an der Nase herumgeführt wird. Unabhängig davon, ob man sich gerade bei Piraten auf hoher See, bei einem indischen Maharadscha, an einem russischen Zarenhof oder in einer unterirdischen Höhlenwelt mit herrlich grotesken Monstren befindet: Vielfach bricht die Handlung auf, werden gerade noch sicher erwartete Handlungsstränge voller Verve über Bord gekippt. Wer in dieser phantastischen Scherenschnittwelt nun wirklich von Herzen gut oder doch nur voller böser Absichten ist, kann jeder Zuschauer offen für sich selbst entscheiden.

Das ist im Grunde auch das magische Geheimnis Michel Ocelots bis in die Gegenwart hinein geblieben, der bereits in früheren Arbeiten konventionelles Schwarz-Weiß-Denken und üblich-vertraute Märchenstrukturen bewusst ablehnte. Vielmehr dienen ihm diese vielfach im kulturellen Gedächtnis gespeicherten Erzählungen aus aller Welt als bloße Folie für seine eigenen Geschichten, die zudem oftmals voller frechem Humor sind. Rasch verkleinern sich darin zum Beispiel kurz zuvor noch ach so gefährlich-düster auftretende Würmer, Spinnen oder Drachen, ehe schon wieder die nächste philosophische Delikatesse auftaucht: Ein weiteres Markenzeichen des europaweit gefeierten Franzosen.


(Bild aus Prinzessinnen und Drachen; Courtesy of Filmfest München)

Wie zeitgemäß doch beispielsweise Platon auf der Leinwand zu erkennen ist! Wie unaufdringlich hier doch politische Appelle oder allerhand Toleranzgedanken in diese Miniaturmärchen miteingeflochten sind. Davon kann der große Disney-Konzern nur träumen ... Denn hier zählt das offene Herz, nicht der dicke Dollarschein. Kurzum: Mit Ocelots Trickfilmen könnte man tatsächlich auf eine einsame Insel auswandern, ohne je zu vereinsamen.

(Festivalkritik von Simon Hauck)

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