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Das Leben der Anderen

Meinungen
258

4 Sterne aus 2076 Bewertungen

Kinostart: 23.03.2006
 

Das nächste große Ding?

Wer sich gefragt hat, welcher Film nach Nirgendwo in Afrika, Good Bye, Lenin! und Der Untergang der nächste große deutsche Welterfolg werden könnte, bekommt mit diesem Film die Antwort: Das Leben der Anderen hat alles, um den Kinos der Welt erneut zu zeigen, wie gut der deutsche Film ist.

Im Ostteil Berlins des Jahres 1984 geht die DDR schon auf ihr Ende zu, ohne dass es auf breiter Ebene registriert wird. Noch sichert sich der Staat mit einem erbarmungslosen System aus Kontrolle, Überwachung und Einschüchterung seine Macht. Der Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) setzt alle möglichen Mittel ein, um seiner Arbeit gerecht zu werden. Er glaubt an den Sozialismus und an die Mittel, die der Staat benutzt, um seine Bürger an sich zu binden.

Sein neuer Auftrag ist eine neue Herausforderung für ihn: Er soll die Wohnung des Dramatikers Dreyman (Sebastian Koch) überwachen, an dessen Lilientreue gezweifelt wird. Der Bühnenautor bildet mit seiner Lebensgefährtin, der Schauspielerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck), das Intellektuellen–Paar des Staates. Die Wohnung wird systematisch verwanzt, und Wieseler richtet auf dem Dachboden des Hauses seine perfekte Überwachungszentrale ein. Er lauscht den privaten Gesprächen, ist dabei, wenn das Paar sich liebt, oder wenn es über Leben, Literatur und die Freiheit des Denkens diskutiert. Und ohne sich dessen bewusst zu sein verändert das Leben der anderen auch den Spitzel: Wiesler kann immer weniger die Distanz halten, ihm wird die Armseligkeit seines eigenen Lebens bewusst, während die Faszination für das Leben seiner Überwachungsopfer steigt und seine Handlungsweise bestimmt.

Obwohl weder Dreyman noch Sieland größere Anzeichen dafür geben, Staatsfeinde zu sein, haben sie dennoch Geheimnisse. Dreyman hat vage Verbindungen zu Regimekritikern und zum Westen, und Sieland unterhält eine Affäre mit dem Minister Hempf (Thomas Thieme), der sich als Beschützer und Erpresser gibt. Als sich ein befreundeter Regisseur Dreymans nach jahrelangem Berufsverbot das Leben nimmt, möchte der Autor seinen latenten Zweifel am Staat Ausdruck verleihen: Er bereitet eine Artikel über die geheime und erschreckend hohe Selbstmordrate der DDR vor, der in dem Nachrichtenmagazin Spiegel erscheinen soll. Wiesler gerät mehr und mehr in Konflikt mit seiner Linientreue. Er beginnt, auf das Leben des Paares Einfluss zu nehmen und sie zu schützen. Ohne es zu wollen setzt er mit seiner zwiespältigen Handlungsweise eine Lawine von dramatischen Ereignissen in Gang.

Das Leben der Anderen ist ein aufwändig inszenierter Film, der wie kaum ein anderer in sich schlüssig ist und die unterschiedlichsten Seiten in sich trägt. Nachdem die DDR mit erfolgreichen Komödien im Kino geschönt und (n)ostalgisch dargestellt wurde, zeichnet Das Leben der Anderen endlich die anderer Seite der DDR. Dieser Film beginnt die filmhistorische Lücke zu schließen, die nach Good Bye, Lenin!, Sonnenallee und auch dem Fernsehereignis Der Tunnel geblieben ist. Diese Lücke wird nicht mit lehrreichen und wohlmöglichen Zeigefinger erzählt, sondern spannend und dramatischer, wie es kein Film in den letzten Jahren in Deutschland getan hat. Dies ist nicht nur dem ausgezeichneten Drehbuch und der akribischen Detailtreue zu verdanken, sondern hauptsächlich der Hauptfiguren und seiner Darsteller.

Martina Gedeck spielt die Schauspielerin Christa-Maria Sieland. Durch sie wird dem Zuschauer deutlich, wie viele Zugeständnisse ein Mensch machen musste, um arbeiten zu können und in welchen Zwängen sich ein Künstler in der DDR befunden haben muss. Gedeck zeigt in ihrem Spiel, was Schauspielerei bedeutet: In ihrem Gesicht ist trotz und auch wegen ihrer mimischen Zurückhaltung zu erkennen, welche Kämpfe sie aussteht und in welcher Zwickmühle sie sich befindet. Eine faszinierende Leistung gibt auch Ulrich Mühe, der den Stasi Gerd Wiesler verkörpert. Auch an ihm ist eine schauspielerische Zurückhaltung jenseits von großen Gesten oder gar Übertreibungen zu beobachten. Vielmehr ist es sein starres Gesicht, auf dem die Kamera verweilt. In ihm erkennt man, wie sehr er darunter leidet, dass seine politischen Ideale zerbrechen und er gleichzeitig von den neuen Seiten des Lebens so fasziniert ist, um die Folgen seiner Taten nicht mehr abzusehen. Wiesler steht als Beispiel, dass die DDR nicht nur an dem Protest der Bürger zerbrochen ist, sondern auch von innen her aufgelöst wurde. Sebastian Koch hingegen gibt als Literatur-Star das intellektuelle Aushängeschild des Sozialismus. Auch er leidet unter den Zwängen des Staates, hat sich aber arrangiert und schwimmt mit der Masse. Nachdem seine Welt dennoch aus den Fugen gerät, kann er als einziger die Wende fast unbeschadet überstehen. Dreyman sucht am Ende die Aussöhnung, nachdem er erst nach Jahren die Verwirrungen durchschaut hat.Neben den guten Schauspielerleistungen fällt auch die Filmmusik auf, für die Gabriel Yared gewonnen werden konnte. Er arbeitete nicht nur für Gilbert Bècaud und Charles Aznavour, sondern wurde mit einen Oscar für sein Score für Der englische Patient ausgezeichnet. Außerdem komponierte er die Musik für Unterwegs nach Cold Mountain, für die er erneut für einen Oscar nominiert wurde.

Florian Henckel von Donnersmarck ist ein beeindruckendstes Regiedebüt gelungen, das voller Spannung, schauspielerischer Größe und Dramatik steckt. Ein Film, der mit Elementen des Thrillers und des Dramas ein wichtiger Beitrag der deutschen Vergangenheitsbewältigung ist.

(Holger Lodahl)

Daten & Fakten

Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2005
Länge: 137 (Min.)
Verleih: Buena Vista
Kinostart: 23.03.2006

Cast & Crew

Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Hauptdarsteller: Ulrich Mühe, Martina Gedeck, Sebastian Koch, Ulrich Tukur, Thomas Thieme

MEINUNGEN

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Bisherige Meinungen

(Anzeige: 5 von insgesamt 258)
Von: Christian Bechmann am: 12.01.10
Dieser Film ist nicht typisch Deutsch, sondern Weltklasse! Gerade weil er nicht mit erhobenen Zeigefinger seine Geschichte erzählt, sondern diffrenziert die menschlichen Schwächen und Abgründe erläutert. Diese Geschichte spielt in der DDR, könnte aber auch woanders spielen, z.B. bei einem weltweiten operierenden Konzern etc. Das dieser Film so gut gelungen ist, hat viele Gründe, einer ist auch, daß Bernd Eichinger und die Seinen nicht ihre Finger im Spiel hatten. Deshalb auch ein großes BRAVO an Florian Henkel von Donnersmarck, der bewiesen hat, daß man hierzulande auch erfolgreich Qualität abliefern kann.
Von: aG am: 18.07.08
Mann, wie alt seit Ihr?? Seit Ihr wirklich alle Tage unterdrueckt und abgehoert worden ...? Der Film ist sehr langsam, obwohl die schauspieler ok sind. Ich bin in "ossi" und hab nichts von dem erlebt was hier gezeigt wurde (geboren 1968)
Von: Suna am: 02.04.08
Natürlich ist der Film "schön"- perfekte Schauspieler, perfekte Thematik, perfekte Kameraperspektiven. Dem Film fehlt allerdings das Entscheidende: Die Glaubwürdigkeit. Es scheint für mich sinnlos, an die "Menschlichkeit" der Stasi zu apellieren. Ich finde die Wende des Protagonisten, zum "guten Menschen" (nachdem er die Sonate gehört hatte) unglaubwürdig. Ich meine- wenn es so wäre, könnte man jeden "bösen Menschen" damit bekehren. Die Satsi war extrem radikal. Hausdurcsuchungen wurden nicht durch das läuten der Klingel angekündigt, nein, es wurde alles sofort gestürmt. Florian Henkel von Donnersmarck hat zwar versucht die Stasi etwas zu "verarmlosen", indem er Wiesler einen Funken "Menschlichkeit" ins Gemüt gehaucht hat, hat allerdings den Bezug zur Wirklichkeit komplett verloren. mfG
Von: Hans-Hasso Stamer am: 02.03.08
Der erste Film über die DDR, den ich mir überhaupt angesehen habe. "Good bye, Lenin" oder "Sonnenalle" habe ich schon vom Prinzip her abgelehnt, denn ich habe die DDR 39 Jahre lang erlebt und sie war eben keine lustige Veranstaltung, unter der vielleicht höchstens die Spaßgeneration fröhlich hinwegleben konnte. "Das Leben der anderen" hat mich schlichtweg umgehauen. Auch wenn in einigen Einzelheiten die typische DDR-Stimmung ("Mief") mir nicht ganz getroffen erscheint, ist dies ein herausragender, authentischer Film, der seinen Oscar verdient hat. Ulrich Mühe vergißt man nicht, die Figur von Ulrich Tukur (im Film Wieslers Vorgesetzter) ist aber 100%-ig getroffen - so habe ich die DDR in Erinnerung. Für mich der beste deutsche Nachwende-Film, so ernsthaft wie "Der Pianist" von Roman Polanski. Ich habe auch selten eine so stimmige, beeindruckende Filmmusik gehört.
Von: - am: 16.11.07
Ein wirklicher guter Film, der eindrucksvoll und auf sehr reale Art zeigt, wie Überwachung und Unterdrückung Menschen beeinflussen kann. Dieser Film regt wirklich zum Nachdenken an, vor allem wenn man ihn auf die heutige Zeit bezieht, in der z.B. die Voratsdatenspeicherung oft mit dem (Schein-)Argument "Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten".

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