14 19/05

Maps to the Stars

David Cronenberg also wieder. Zwei Jahre ist es her, dass in Cannes dessen letzter Film Cosmopolis gezeigt wurde. Dort hatte er das Publikum und die Kritik ziemlich gespalten und mich ehrlich gesagt entsetzt, was zu einem Gutteil auch an Robert Pattinson lag. Insofern war meine Erwartungshaltung an Maps to the Stars ziemlich gering, wobei ich schon ein wenig darauf gehofft hatte, dass mich dieser Film vielleicht wieder versöhnen könnte - und genau das ist dann auch eingetreten.


(Still aus Maps to the Stars - Copyright Daniel McFadden)

Im Zentrum des Films steht eine junge, von Brandnarben entstellte Frau namens Agatha (Mia Wasikowska), die aus Florida nach Los Angeles gereist ist, um dort ihre Familie aufzusuchen. Damit scheint sie es aber nicht sehr eilig zu haben, denn zuerst sucht sie sich einen Job und kommt auf Vermittlung einer Facebook-Bekanntschaft als persönliche Assistentin bei der etwas heruntergekommenen Schauspielerin Havana Segrand (Julianne Moore) unter. Diese wird von Geistererscheinung ihrer Mutter heimgesucht, die ein großer Hollywood-Star war - und nun hängt ihre Tochter all ihr Lebensglück daran, ob sie in einem neuen Filmprojekt ihre Mutter darstellen kann - als eine Art späte Aussöhnung mit dem verhassten Monster, das ihr einst das Leben zur Hölle machte. Parallel dazu entwickelt der Film verschiedene andere Erzählstränge, die natürlich alle miteinander verwoben sind: Da sind zum Beispiel Agathas Eltern (Olivia Williams und John Cusack) sowie deren kleiner Bruder Benjie (Evan Bird), der es als Teeniestar zu einiger Berühmtheit, aber auch zu einer frühen Drogensucht und ziemlich schlechten Manieren gebracht hat. Oder der Chauffeur und Schauspieler Jerome Fontana (Robert Pattinson), dem die junge Frau immer wieder begegnet.

Und zwischendrin tummeln sich echte und falsche Stars, hoffnungsvolle Nachwuchsmimen, abgetakelte Darstellerinnen, die ihre beste Tage schon lange hinter sich gelassen habe, geldgierige Produzenten, ekelhafte Kinderstars und alle weiteren Schattierungen von Neid, Niedertracht und Missgunst, von Abhängigkeiten, Perversionen, Oberflächlichkeiten und dunkeln Geheimnissen, die die Traumfabrik sonst noch so hervorgebracht hat. Mehr über den Film zu verraten, würde dem Genuss, den Maps to the Stars ohne jeden Zweifel darstellt, allerdings schon jene Überraschungs- und Schockmomente nehmen, die das Sahnehäubchen dieser bitterbösen und dunklen, zugleich aber auch unendlich zarten und liebevollen Abrechnung mit "Hollywood Babylon" und dem Moloch Los Angeles bilden. Dass die Filmindustrie dabei gar nicht gut weg kommt, dürfte man bei Cronenberg fast schon geahnt haben - so bitter und zugleich fasziniert aber hat man sich das kaum zu erträumen gewagt.


(Maps to the Stars - Trailer (englisch)

Zusammen mit Robert Altmans Short Cuts und David Lynchs Mulholland Drive ist Maps to the Stars die vielleicht schönste filmische Annäherung an die Stadt, die schon unzählige Male gefilmt wurde, der aber doch nur ganz wenige Regisseure ihren unverwechselbaren visuellen Stempel aufdrücken konnte. Seit heute, seit der Premiere seines neuesten Films, ist der Kanadier David Cronenberg eine dieser Ausnahmeerscheinungen - aber das war er vorher sowieso schon. Und über Cosmopolis müssen wir nun Gott sei Dank nicht mehr länger nachdenken. Er ist zurück. Und das ist definitiv eine gute Nachricht. Denn noch einen Totalausfall eines von mir sehr geschätzten Filmemachers nach der ATOMKatastrophe hätte ich nur schwer verkraftet.

(Joachim Kurz)