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17 22/05

Cannes 2017: "Happy End" von Michael Haneke

Schon der Titel lässt vermuten, was den Zuschauer in Hanekes Film Happy End ganz sicher nicht erwartet: ein glückliches Ende. Dennoch hat man nach der Premiere bei den Filmfestspielen von Cannes den Eindruck, dass sich in das grimmige Familiendrama neue und für Haneke ziemlich unbekannte Zwischentöne eingeschlichen haben: immer wieder gab es kleine Momente des (erleichterten) Auflachens und dazu eine hinreißend neben der Spur liegende Karaoke/Tanzeinlage von Franz Rogowski. Dennoch herrschte nach der Vorstellung in der sonst recht meinungsstarken Kritikerschar überwiegend Ruhe und auch ein wenig Ratlosigkeit, wie man diesem Biest von einem Film zu Leibe rücken und es bewerten solle.


(Bild aus Happy End; Courtesy of Festival de Cannes)

Im Kern der Familienaufstellung steht der Patriarch Georges (Jean-Louis Trintignant), der eine Firma aufgebaut und an seine Kinder weitergegeben hat und der nun langsam immer dementer wird und in seinen lichten Momenten weiß, dass ihn nicht anderes erwartet als der Tod. Die Leitung des Bauunternehmens hat die resolute Anne (Isabelle Huppert) übernommen, unterstützt von ihrem labilen und rebellischen Sohn Pierre (Franz Rogowski), der wenig Hoffnung macht, dass er zu einem fähigen Nachfolger seiner Mutter heranreifen kann. Annes Bruder Thomas (Mathieu Kassovitz) ist nach außen hin ein wohlanständiger Geschäftsmann, dessen Tochter Eve aus erster Ehe (exzellent dargestellt von Fantine Herduin) gerade zu seiner neuen Familie gezogen ist, nachdem ihre depressive Mutter durch eine Überdosis Tabletten ums Leben kam. Doch ihr Vater führt ein Doppelleben; eine wohl nur virtuelle Affäre zeigt eine ganz andere Seite von ihm, die Sehnsucht und den Wunsch, aus den strengen Normen und Konventionen seiner familiären und beruflichen Verstrickungen auszubrechen.
Eve, die nicht ganz so unschuldig ist, wie dies ihr Name andeutet, wird in der neuen und für sie ungewohnten Umgebung zu einer schonungslosen Beobachterin der Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder untereinander, die vor allem von Misstrauen, Frustration und der absoluten Unfähigkeit, aufrichtige Liebe zu geben und zu empfangen, geprägt sind. Und so erodieren die Beziehungen, bis sie schließlich in einem furiosen Finale ebenso in sich zusammenstürzen werden wie eine Stützwand auf einer der Baustellen der Laurents.


(Ausschnitt aus Happy End)

Michael Hanekes bitterböse Familienaufstellung Happy End nimmt sich Zeit, um die Strukturen und Zusammenhänge zu ordnen, es dauert fast schon eine Stunde, bis alle Verbindungen und wichtigen Entwicklungen skizziert und manchmal auch angedeutet sind. Einige der zentralen Ereignisse finden in zwei Schnitten statt, so dass man als Zuschauer erst ein kleines Weilchen braucht, um wieder den Anschluss zu finden und die neue Situation einordnen zu können.

Auf diese Weise, die manchmal wie ein Sammelsurium aus Elementen anderer Haneke-Werke wie Code inconnue und Caché wirkt, werden die Risse und Verwerfungen deutlich, die sich vor dem großen Knall mit einem der großartigsten Enden seit langem in den inneren Strukturen des familiären Geflechts bilden. Mit messerscharfen Bildern von Hanekes Stammkameramann Christian Berger durchschneidet Haneke die Bande, seziert mit fast schon brutaler Präzision die Lebenslügen der großbürgerlichen Bourgeoisie und blickt mit manchmal beinahe voyeuristischem Interesse hinter die polierten Fassaden der Wohlanständigkeit.

Ob es für Michael Haneke selbst mit seinem neuen Film ein Happy End geben wird, ist indes ungewiss. Er wäre der erste Regisseur, dem es gelingen könnte, dreimal die begehrte Goldene Palme in Händen zu halten (nach den Gewinnen für Das weiße Band 2009 und Amour 2012). Das Triple wäre die endgültige Krönung einer Karriere, die immer noch für Überraschungen und Wendungen gut ist.

(Festivalkritik von Joachim Kurz)

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