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The Future

Sophie (Miranda July) und Jason (Hamish Linklater) sind vielleichte das perfekte Paar, aber ihre Beziehung ist es nicht. Sie sind im gleichen Alter, gefangen in der gleichen Arbeits- und Beziehungsroutine. Das Paar will Schluss machen mit seinem starren Dasein und dem starren Sitzen vor dem Laptop, um nicht Schluss machen zu müssen miteinander, um überhaupt etwas zu haben wie eine Zukunft, "The Future" in Miranda Julys surrealem Charakterspiel. Sie wünschen sich einen Lebenssinn und eine Katze. Die kranke Katze wird Aufmerksamkeit, Zuneigung und Fürsorge fordern - all die Dinge, zu denen Sophie und Jason am wenigsten fähig sind. Einen Namen hat Paw Paw schon, nur kein Zuhause. Im Tierheim tapsen zwei schwarze Pfötchen, deren Besitzerin sich das Leben mit den neuen Besitzern ausmalt, die vor ihrer Verantwortung flüchten.

Sophie und Jason leiden unter ihrer Unfähigkeit, die Leere ihrer Existenz als solche zu empfinden. Weil sie intelligente Menschen sind, erkennen sie das Nichts, das sich vor ihnen auftut. Weil sie gebildet sind, wissen sie, dass sie darüber unglücklich sein sollten. Tatsächlich jedoch sind sie nicht unglücklich. Ihre emotionale Abstumpfung erstickt ihre Trauer und führt ihnen so die eigene Gefühllosigkeit noch deutlicher vor Augen. Auf ähnliche Weise zeigen die Aktionen, zu denen sie sich in einer ungelenken Nachahmung von Spontanität entschließen, ihre innere Leere noch unverkennbarer. Bei der Entwicklung eiens Tanzprojekts treten sie im doppelten Sinne auf der Stelle. Die misslungenen Choreografien bescheinigen ihre Unfähigkeit zur Kreativität..

Die Katze, dies deutet The Future an, könnte eines Tages auch ein Kind sein. Ein Kind, das ohne je Mangel zu leiden oder aufrichtige Zuneigung zu erfahren, aufwächst. Ein Kind, geboren als kleiner Erwachsener, das nie einen Entwicklungsprozess durchmacht. Ein Kind wie Sophie und Jason. Das Nichts lässt sich nicht austricksen, sondern besitzt die erschreckende Fähigkeit zu absorbieren. Was Sophie und Jason ihm entgegensetzen absorbiert es, um es zu einem Teil seiner selbst zu machen. Bis in die öde Vorstadtwelt ihres weit älteren Zufallsbekannten Marshall ( David Warshofsky) flieht Sophie vor dem Stillstand, dem sie sich hier - identitätslos und entrückt von jedem Entscheidungsdruck - erst recht opfert. Der heimtückische doppelte Boden, mit dem July die scheinbar oberflächliche Erzählung unterwandert, lässt am Ende die gesamte Dramaturgie zusammenstürzen. Die Dekonstruktion des Beziehungsalltags als vertrackte kleine Hölle ist das sinnigste Motiv der Filmemacherin Miranda July.

Doch July ergibt sich ihm so exzessiv, dass es den Film ad absurdum führt. Indem sie der filmischen Realität in eine symbolistische Fantasiewelt aus surrealen Topoi entflieht, beraubt sie das unausgegorene Beziehungsdrama seiner Ernsthaftigkeit. Die Tragödie von The Future ist im Grunde, dass es keine Tragödie gibt. Dies gilt für die Protagonisten ebenso wie für Miranda Julys Beziehungsdrama. Ein Abgrund aus Bedeutungslosigkeit klafft in The Future wie in der Zukunft der Protagonisten. Die Katze ist ihr verzweifelter Versuch, die Leere mit etwas zu füllen. Die menschliche Stimme, die July ihr verleiht, ist ihr eigener Versucht, die dramaturgische Leere zu füllen.

(Lida Bach)

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