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14 06/10

Filmfest Hamburg 2014 – Ein Rückblick

Cannes, Locarno, Venedig, San Sebastián, Hamburg - naja, so ganz passt das Filmfestival der Hansestadt vielleicht noch nicht in diese Aufzählung hinein, aber das ist auch durchaus positiv zu sehen. Denn ein mittelgroßes Festival hat den berühmten Vorbildern in vielerlei Hinsicht auch etwas voraus. Zum Beispiel, dass hier die Kuratoren Filmvorstellungen ihrer Sektionen zum Teil noch selbst anmoderieren, was dem Publikum eine deutlich bessere Einführung in den Film bietet als ein_e Modertor_in, die_der einfach nur die Biographie der Filmemacher_innen abliest.


Preisverleihung beim Filmfest Hamburg (Fotograf: Martin Kunze; Courtesy: Filmfest Hamburg 2014)

Oder auch, dass unsereiner nicht durch einen prestigeträchtigen Hauptwettbewerb von den oft viel interessanteren Nebenreihen abgelenkt wird. Mit seinen elf, zum Teil regional definierten Sektionen, bietet das Filmfest Hamburg eine herrlich bunte Mischung an Filmen unterschiedlichster Ausrichtung und insbesondere in den kulturraumspezifischen Kategorien wie Asien oder Spanien/Lateinamerika ein auffällig gut kuratiertes Programm. Da fängt der Spaß schon mit der Zusammenstellung des individuellen Festivalkalenders an!

Natürlich hat ein Festival dieser Größe aber auch mit einer Sorte Pannen zu kämpfen, die die großen Geschwister schon überwunden haben. Klar, die Technik streikt immer mal und gegen die Tücken der DCP sind auch A-Festivals nicht immun. Für das Filmfest Hamburg muss man dennoch eine "studentische" - Ruhe mitbringen. Das Zentrum des Festivals liegt gleich neben dem Campus der Hamburger Universität und das Personal an den Countern scheint diese oder eine vergleichbare Institution noch nicht vor allzu langer Zeit verlassen zu haben. Und wenn dann mal der Ticket-Drucker streikt, sich endlose Warteschlangen bilden oder ein DCP-Schlüssel nicht funktioniert und Pressevorstellungen ersatzlos ausfallen, reagieren die Verantwortlichen mit der zuvor erwähnten "studentischen Ruhe". So manch aufgebrachter Gast lässt sich von dieser Gelassenheit anstecken, andere wiederum bringt die Macht-Doch-Nix-Haltung nur noch umso mehr auf die Palme. Aber zu welcher Gruppe man auch gehören mag, eines ist definitiv nicht zu leugnen: Das Filmfest Hamburg ist ein betont entspanntes Festival!

Nachdem Tilda Swinton im vergangenen Jahr das personifizierte Highlight der Veranstaltung dargestellt hatte, stand nun Fatih Akin im Rampenlicht - eine sehr zweischneidige Angelegenheit. Auf der einen Seite pflegt der deutsch-türkische Filmemacher allein aus biographischen Gründen natürlich ein enges und glaubwürdiges Verhältnis zum Filmfest Hamburg, auf der anderen Seite beraubten die eher negativ getünchten Kritiken zu seinem bereits in Venedig vorgestellten Film The Cut die diesjährige Gallionsfigur des Festivals ein wenig ihres Glamours.


Fatih Akin (Fotografin: Cordula Kropke. Courtesy: Filmfest Hamburg 2014)

Aber nun geht es ja bei einem Filmfestival dieser Größe - ein weiterer Vorteil gegenüber Cannes und Konsorten - glücklicher Weise weniger um den Glamour der Veranstaltung als um die Filme. Auch das Schreiben über das Kino war dieses Jahr ein Thema. Auf der kleinen Bühne des Festzelts diskutierten die Kolleg_innen Alexandra Zawia, Hannah Pilarczyk, Rüdiger Suchsland und Frédéric Jäger öffentlich über Aufgaben und Probleme der Filmkritik. Dabei adressierte insbesondere Moderatorin Zawia immer wieder eine Leserschaft, die bedauerlicher Weise gar nicht anwesend war, denn das Publikum bestand größtenteils aus akkreditierten Journalist_innen. Der gewünschte Dialog zwischen Schreibenden und Lesenden blieb daher bedauerlicher Weise aus. Auch kam der wirtschaftliche Aspekt dieser wichtigen Diskussion meines Erachtens zu kurz. Was Filmkritik leisten kann und muss, ist ja die eine Frage. Aber wie wir Menschen durch eine entsprechend faire Bezahlung dazu befähigen, diesen Anforderungen auch gerecht zu werden, ohne im Bildungspräkariat zu enden, ist mindestens ebenso wichtig zu klären!

Eine der wichtigsten Aufgaben der Filmkritik, da waren sich alle auf dem Podium einig, ist es, jene Filme in den Fokus zu rücken, die nicht durch große Marketingbudgets ohnehin schon in der breiten Öffentlichkeit stehen. Deshalb möchte ich im zweiten Teil meines Festivalberichts in gebotener Kürze ausschließlich Filme besprechen, die bislang (noch) keinen deutschen Kinostart vorweisen können.

The Gold Bug von Alejo Moguillansky und Fia-Stina Sandlund beispielsweise hat wenig Aussichten darauf, hierzulande ein großes Publikum zu erreichen. Das ist besonders deshalb schade, da dieses Produkt der argentinischen Independent-Szene einen sehr kritischen Blick auf Koproduktionen zwischen Europa und der Dritten Welt wirft. Wenn das Bio-Pic einer dänischen Feministin spontan zu einem Film über einen argentinischen Revolutionsführer wird, entlarven die Filmemacher_innen damit nicht nur den eurozentristischen Blick der Förderer, sondern auch patriarchale Strukturen im Allgemeinen und den argentinischen Machismo im Besonderen.


The Gold Bug von Alejo Moguillansky und Fia-Stina Sandlund (Courtesy: Filmfest Hamburg 2014)

Die Infragestellung stereotyper Geschlechterverhältnisse boten auch zwei weitere Filme, wenn auch auf höchst unterschiedliche Art und Weise. In Alleluia erzählt Fabrice Du Welz die Geschichte einer Frau, die aus Liebe zur Komplizin eines Heiratsschwindlers wird. In der Rolle seiner Schwester soll sie ihn bei seinen Machenschaften unterstützen, doch kann sie aus Eifersucht und Leidenschaft einfach nicht tatenlos zusehen, so dass eine blutige Eskalation die nächste jagt. Auch wenn mich die Betonung weiblicher Hysterie gegenüber männlicher Triebsteuerung skeptisch stimmt, ist Alleluia doch ein packendes und vor allem verstörendes Filmerlebnis.


Alleluia von Fabrice Du Welz (Courtesy: Filmfest Hamburg 2014)

Ebenfalls außergewöhnlich ist das Aufeinandertreffen der knallharten Apokalyptikerin Madeleine (Adèle Haenel) mit dem Schreinerlehrling Arnaud (Kévin Azaïs), denn bei ihrer ersten Begegnung treten die jungen Erwachsenen in einem Zweikampf mit Fäusten gegeneinander an. Love At First Fight verhandelt in dieser besonderen Liebesgeschichte das Kräfteverhältnis zwischen den Geschlechtern, bleibt dabei aber bedauerlich zahm. Wo die Physis so stark im Zentrum steht, hätte ein bisschen mehr Körperlichkeit in der Inszenierung nicht geschadet!

Überwältigt war ich hingegen von der Inszenierung Richard Ayoades in The Double, einer auf Dostoevsky basierenden Doppelgängergeschichte mit Jesse Eisenberg in den Hauptrollen. Mit skurrilen Bildern und einem genialen Sounddesign führt Ayoade seine Zuschauer_innen tief in den paranoiden Horrortrip des Helden, dessen ohnehin schon triste Existenz von einem überlegenen Doppelgänger zunehmend bedroht wird. Das Lachen über das verschrobene Retro-Sci-Fi Setting bleibt immer wieder im Halse stecken, ist doch die Handlung im Grunde zu tragisch, um zu amüsieren. Und dennoch: Bei aller Bitterkeit macht dieser verrückte Film auch einen Heidenspaß!


The Double von Richard Ayoade (Courtesy: Filmfest Hamburg 2014)

Das absolute Highlight des diesjährigen Festivals stellt für mich jedoch Girlhood, der neue Film von Céline Sciamma dar. Auf der Handlungsebene erzählt die Filmemacherin die Coming of Age Geschichte einer jungen Frau im afrikanischen Ghetto der Pariser Vorstadt. Im Kern jedoch zeigt die Regisseurin hier patriarchale Strukturen, die über diesen Teil der Gesellschaft weit hinausgehen und auch auf die Lebensrealität von Frauen unterschiedlicher Schichtzugehörigkeit in Deutschland übertragbar sind. Bei all dem hebt Sciamma jedoch nicht den moralischen Zeigefinger, sondern begeistert mit wunderschönen Bildkompositionen und Momenten der Ausgelassenheit und Freude ihrer Protagonistinnen. Girlhood will nicht nur problematisieren und schon gar nicht deprimieren, sondern positive Ausblicke schaffen und Mädchen und Frauen darin bestärken, selbstbewusst ihren ganz eigenen Weg zu gehen, wohin dieser sie auch immer führen möge.


Girlhood von Céline Sciamma (Courtesy: Filmfest Hamburg 2014)

Mein Weg wird mich nächstes Jahr sicher wieder nach Hamburg führen, trotz oder vielleicht gar wegen der kleineren Patzer im Festivalablauf. So ein bisschen studentische Gelassenheit kann mir jedenfalls definitiv nicht schaden.

(Sophie Charlotte Rieger)