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16 28/01

"Einen Stummfilm zu drehen, das wäre großartig" – ein Interview mit Quentin Tarantino

Wenn es ein lebendes Filmlexikon in Hollywood gibt, dann ist es Quentin Tarantino. Der 52-jährige Kultregisseur hat im Alter von 16 Jahren in einem Pornokino gearbeitet, jahrelang in einer Videothek hinterm Tresen gestanden und mit Filmen wie Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Kill Bill und Inglourious Basterds ein eigenes Genre erschaffen: den Tarantino-Film. Mit The Hateful 8 kommt sein achter und vermutlich vorvorletzter Film ins Kino. Ein brutaler Schneewestern als Kammerspiel getarnt. Anna Wollner hat den Regisseur im Rahmen der Deutschlandpremiere zum Interview getroffen.


(Quentin Tarantino beim Dreh von The Hateful 8; Copyright: Universum Film)

Mister Tarantino, schon vor den Dreharbeiten wurde Ihr Drehbuch zu "The Hateful 8" geleakt, Sie hätten den Film fast aufgegeben. Was hat Sie zum Weitermachen motiviert?

 

Die Live-Lesung, die wir vor einem Publikum in Los Angeles im Theater gemacht haben. Die Zuschauer haben gut darauf reagiert, obwohl es ja noch nicht mal gespielt war. Die Schauspieler saßen die meiste Zeit in ihren Stühlen.  Um ehrlich zu sein, war es die Kombination aus zwei Dingen. Wir hatten eine dreitägige Probezeit vor der Lesung. Schon während der Proben wurde mir klar, dass ich den Film doch unbedingt machen will. Ich hatte ja schon sechs der Schauspieler, für die ich ihre Rollen extra geschrieben habe. Hier saßen sie nun also schon und haben geprobt. Der andere Grund ist ganz simpel. Ich hatte mich einfach beruhigt.

Können Sie nachvollziehen, warum Fans Ihr Drehbuch leaken? Immerhin zerstören sie sich damit ja selbst den Moment, den Film unbedarft im Kino sehen zu können ...

Alle meine Drehbücher sind immer irgendwann im Internet gelandet. Django Unchained war eineinhalb Jahre vor Filmstart im Netz. Bei Inglorious Basterds haben die Leute schon über den Film spekuliert, da haben wir ihn gerade erst in Deutschland gedreht. Das hat mir alles nichts ausgemacht, weil ich so stolz auf meine Drehbücher bin. Ich will natürlich, dass die Leute darüber reden. Selbst wenn sie nur das Skript lesen wollen und den Film nicht sehen. Von mir aus. Der durchschnittliche Kinozuschauer liest das Skript aber nicht, deswegen macht es mir in der Regel nichts aus. Nur hier eben.


(Filmstill aus The Hateful 8 von Quentin Tarantino; Copyright: Universum Film)

Was war hier anders?

Für The Hateful 8 hatte ich einen anderen Ansatz. Bisher habe ich immer wie ein Romanautor gearbeitet. Hier wollte ich drei verschiedene Entwürfe schreiben, mir Zeit nehmen, die Geschichte zu entwickeln. Ich hatte mir für den ersten Entwurf keine einzige Auflage gemacht – außer ihn zu Ende zu schreiben. Es war noch nicht mal das Ende, sondern nur ein Ende. Um ein Beispiel zu nennen. Der Brief an Lincoln tauchte schon in meinem ersten Entwurf auf, aber nur in der Kutsche.  Ich wusste, ich will mehr mit ihm anfangen, wusste aber noch nicht was. Und diese Version wurde eben veröffentlicht. Kurz bevor ich fertig war und zum nächsten Entwurf übergehen wollte. Das war also nur eine kleine Störung zu einem kritischen Zeitpunkt

Warum haben Sie sich entschieden, den Film im 70mm-Format zu drehen?

Weil ich es konnte. Ich habe den Verleihern das Versprechen abgerungen, dass sie den Film auch auf 70mm ins Kino bringen. Und das nicht nur so alibimäßig. Es ist doch auch für den Zuschauer gut, noch einmal die Chance zu bekommen und einen 70mm-Film zu sehen. Bevor wir uns jetzt alle endgültig von dem Format verabschieden, entdecken wir vielleicht die Vorzüge und es bleibt.


(Trailer zu The Hateful 8)

Wie schwer war es, das Material aufzutreiben?

Die Hauptzutaten, die wir brauchten, waren die Ultra-Panavision-Linsen. Es gab sie noch, wir haben also bei Panavision nachgefragt und sie zur Verfügung gestellt bekommen. Sie haben alle noch funktioniert, ein paar Sachen waren verbesserungswürdig, Panavision hat sofort reagiert und sie ausgebessert. Sowohl Kodak-Film als auch Panavision sahen unseren Film als eine Art Vermächtnis. Sie wussten, dass ich gerne lange Takes drehe. Länger als gewöhnlich. Also haben sie Filmmaterial entwickelt, das 600 Meter lang ist. So konnte ich 15, 16, 17 Minuten am Stück drehen, ohne die Rollen wechseln zu müssen.

In Deutschland läuft der Film in 70mm nur in ganz wenigen Kinos. War Ihnen von Anfang an klar, dass Sie damit auch Leute ausschließen werden?

Irgendwann gab es diese Idee mit der Roadshow, also dass es zwei Versionen von meinem Film geben wird, und ich fand sie brillant. Die Idee, dass diese Filmversion so lang sein kann wie sie sein muss, hat mir gefallen. Da schwebt der Geist der Sechziger mit. Damals war das normal. Dass ich einen musikalischen Prolog machen kann, eine Pause, dass es eine Art Programmheft zum Film gibt. Das ist etwas Besonderes. The Hateful 8 ist kein x-beliebiger Film, der in einem x-beliebigen Einkaufszentrum gezeigt werden kann. Mein Film ist wie Placido Domingo in der Pariser Oper. Oder Al Pacino am Broadway in Der Eismann kommt. Er ist für Leute, die genau das wollen. Meine Fans, die bereit sind, mehr Geld dafür auszugeben, die im Kino sitzen werden und sich mir voll und ganz hingeben. Wer all das auf sich nimmt, gehört mir. Klar gibt es andere Versionen meines Films, aber die haben weniger Hingabe erfahren. Die verlangen aber auch weniger vom Zuschauer. Das ist auch OK.  Der Film wird immer und überall funktionieren, selbst auf dem Sofa zuhause. Selbst da wird er noch überwältigend sein.


(Filmstill aus The Hateful 8 von Quentin Tarantino; Copyright: Universum Film)

Und dennoch denken Sie ans Aufhören, wollen nur noch zwei weitere Filme drehen. Warum?

Ich bin Künstler. Es geht um mein Gesamtwerk, nicht um meine Karriere, die ich möglichst in die Länge ziehen will. Ich mache als Filmemacher hoffentlich ein paar Klassiker, die uns alle überdauern werden.  Das bringe ich zu Ende, das ist mein Beitrag zur Filmgeschichte.

Und dann?

Will ich andere Sachen machen, Bücher schreiben, Bücher übers Kino, Theaterstücke schreiben und inszenieren. Seien wir doch mal ehrlich. Einen Film zu machen, dauert mindestens drei Jahre. Es dauert ja allein ein Jahr, ihn zu schreiben. Wenn ich also jetzt sage, ich mache noch zwei weitere Filme, bin ich mindestens sechs Jahre beschäftigt. In den letzten sechs Jahren hat sich die Filmlandschaft extrem verändert.  Gehen wir mal sechs, sieben Jahre in die Zukunft. Vielleicht ist da einfach kein Platz mehr für mich.

Was steht noch auf Ihrer filmischen Bucket-List?

Einen Stummfilm zu drehen, das wäre großartig.