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13 28/08

Das Fantasy Filmfest: live dabei, seit über 25 Jahren - Monster, Gewalt und gute Laune - die Genrefilm-Kolumne

Alle Jahre wieder steht ab Mitte August das Fantasy Filmfest vor der Tür und wird auch 2013 für spitze Schreie sorgen - unter anderem vor Entsetzen, Freude und empörter Langeweile. Das mit Abstand größte deutsche Festival für Genrefilme ist inzwischen ein Pflichttermin für alle, die eine Alternative zum Multiplex-Futter suchen und bei "normalen" Festivals das arthausige Gähnen bekommen. Über ein viertel Jahrhundert Horror, Thriller und Fantasy. Es darf gratuliert werden!

(Copyright des Bildes: Fantasy Filmfest)

Und genauso auch mal kritisch zurückgeblickt werden, am besten durch die Augen eines greisen Fans der ersten Stunde, der mit genau einer Unterbrechung jedes Jahr anwesend war. Das Fantasy Filmfest war zumindest früher eine absolute Oase, auf der Filme wuchsen, die man ansonsten nie im Kino zu sehen bekam und auch später nur in der Bückabteilung der örtlichen Theke fand, selbstverständlich erleichtert um entscheidende Minuten. Das ultimative Sprungbrett für männliche "hunter & collector"-Instinkte. Und wenn dann weit nach Mitternacht der letzte Film seine Eingeweide verteilt hatte, stand man noch klönend vor dem Kino und regte die Nachbarn auf.

Ganz am Anfang war das Fantasy Filmfest so klein, dass man sich in den äußerst überschaubaren Elisenhof-Kinos in München traf und dort in trauter Runde einem charmanten Vortrag von Ray Harryhausen folgte, der dann auch gleich noch ein "Best of"-Reel seiner Arbeiten mitgebracht hatte. Jeder durfte mal die Hand heben, Autogramme gab's auch und am Ende des Tages hatte man die Gewissheit, eben doch nicht der einzige Spinner zu sein, der seine Filmmahlzeiten am liebsten mit irren Wissenschaftlern und meuchelnden Psychopathen verbringt. Das Fantasy Filmfest als familiäre Convention, inklusive Butterbroten und einem ausgesuchten Programm mit Klassiker-Schwerpunkt.

Danach folgte der Umzug ins Arri-Kino, wo ich es mir nicht nehmen ließ, trotz frisch gebrochenem Fuß in die Vorstellung von Re-Animator zu humpeln, gefolgt von einem weiteren Umzug ins Cinema, das dann schließlich noch mit den City-Kinos ergänzt wurde. Das Wachstum des Festivals vollzog sich von Jahr zu Jahr und wurde begleitet von einem immer umfangreicheren Programm, immer weniger Retro-Filmen und stetig steigenden Kartenpreisen. Inzwischen sind wir ja bei neun Euro angelangt, was an sich schon okay wäre - wenn da halt nicht die ständig lauernde Gefahr eines völligen Reinfalls bestünde. Und der schön glänzende Katalog diese 9-Euro-Filme als in drei Wochen fällige Heimkino-Kandidaten bewerben würde.

Während der gesamten Fantasy Filmfest-Zeit habe ich mich genau einmal zum Kauf einer Dauerkarte hinreißen lassen, wohlgemerkt zu einer Zeit, als das Festival nur über fünf Tage ging, und bereute diese Entscheidung bereits am dritten Tag - als sich nämlich der erste Film, den man natürlich mitnehmen musste, um den stolzen Preis wieder rauszubekommen, als absoluter Rohrkrepierer erwies. Es gibt glaube ich kaum etwas, das näher an einer chinesischen Wasserfolter ist, als die deprimierende Erkenntnis, dass a) der Tag noch verdammt lang ist, b) die Klimaanlage nicht funktioniert und c) nicht alle Filme so toll sind wie Re-Animator. Das Fantasy Filmfest hat im Laufe der Jahre viele heute anerkannte Klassiker gezeigt, wie z.B. Henry, The Punisher oder The Descent, doch genauso war auch unglaublich viel Schrott dabei. Hände hoch, wer sich noch an z.B. Bone Daddy, Body Count oder Hemoglobin erinnert!

Was aber doch eigentlich gar nicht sein kann, denn das Programmheft, ein schick geschliffenes Nichts an Information, sieht doch ausschließlich großartige Meisterwerke. Und hat auch keinerlei Probleme damit, einen Western wie Sweetwater als Fantasy zu verkaufen. Natürlich ist mir klar, dass an dieser Stelle kein Verriss stehen kann, aber diese Jubeltrubel-Texte grenzen teilweise echt an Verarsche - besonders wenn dann Festivalchef Rainer Stefan nicht müde wird, die wohlfeile Auswahl seines Programms zu preisen. Ne, is klar. Da sind natürlich keine Füllerfilmchen dabei, die zum Nulltarif bei den deutschen Verleihern abgegriffen werden konnten.

Vielleicht spielt mir auch nur die nostalgische Verklärung vieler Jahre einen Streich, doch spätestens mit dem Sprung zum nationalen Festival hatte das Fantasy Filmfest seinen Charme weitgehend verloren. Die Retro wurde still und heimlich abgeschafft, die Ausdehnung auf mehrere Kinos pro Stadt (vorzugsweise auch noch eingegliedert in Multiplex-Bunker) verhindert Festivalatmosphäre und die enorme Filmauswahl macht trotzdem einen eher uninspirierten Eindruck. Hauptsache ein deutscher Verleih, scheint des öfteren die Devise zu sein, richtige Kracher, gerne auch verbunden mit einem gewissen Wagemut zu schlechtem Geschmack, fehlen völlig und dieser Wuschelpuschel aus Komödien, Dramen, Western und sonstigen Sachen, die definitiv nichts mit Fantasy zu tun haben, attestiert eine gewisse Beliebigkeit.

Vor allem aber schadet es einem Festival, wenn ein Großteil der Filme ein paar Wochen später auf DVD und Blu-Ray erscheinen. Wieso läuft dieses Jahr erschöpfender Käse wie The Numbers Station, Aftershock oder Hatchet 3, aber leider nicht z.B. Hide and Seek, The Terror Live, Return to Nuke Em High, Blue Ruin, Crawlspace, Curse of Chucky, Unbeatable, Trap for Cinderella oder Willow Creek? Ein guter Grund ist, dass viele dieser Filme noch keinen deutschen Verleiher haben - was gleichzeitig verständlich und ziemlich enttäuschend ist.

Auch dieses Jahr bin ich zwar wieder auf dem Fantasy Filmfest vertreten, unter anderem bei Big Ass Spider, Cheap Thrills und Big Bad Wolves, doch die Zeiten, wo ich mich schon lange vorher auf die heilige Woche gefreut habe, sind leider vorbei. Ab ins Multiplex, Schlange stehen, Film gucken und dann bitte Platz machen. Die nächsten Freunde modischer schwarzer T-Shirts warten doch bereits auf Einlass.

(Martin Beck)

(Martin Beck ist freier Journalist und Übersetzer. Des weiteren leitet er reihesieben.de, wo ein guter Teil von den Filmen bestritten wird, die auch Thema dieser Kolumne sein werden.)