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14 31/07

Buchbesprechung zu "Thank you for Smoking – Die Zigarette im Film"

Die Geschichte des Rauchens im Film ist noch nicht geschrieben. Aber jetzt gibt es eine Art Vorarbeit. Das Deutsche Filminstitut hat 27 Wissenschaftler, Filmschaffende, Kuratoren und Journalisten gebeten, ihre ganz persönlichen Ansichten und Einsichten zur Bedeutung von qualmenden Leinwandikonen beizutragen. Herausgekommen ist ein vielschichtiger, teils unterhaltsamer, teils seriös wissenschaftlicher Zugang von den Rändern und Seitenlinien her. Genau hinzuschauen, um hinter der wie selbstverständlich scheinenden Alltagsgeste deren Funktion in der filmischen Erzählung aufzuspüren - das war offensichtlich der verbindende Anspruch des Sammelbandes, den das Institut zum 60. Geburtstag seiner Direktorin Claudia Dillmann, der "rauchenden Chefin" (so das Redaktionsteam) herausgegeben hat.

Der präzise Blick räumt dabei auch mit einigen Vorurteilen auf. Zum Beispiel dem, dass im Western, dem Land des "Marlboro Man", besonders viel gepafft würde. Das Gegenteil sei der Fall, argumentiert Rudolf Worschech in seinem Beitrag "Rauchende Colts". Zumindest in der klassischen Epoche bis 1960 hatten die Helden anderes zu tun - reiten, schießen -, als sich eine Kippe in den Mund zu stecken. Höchstens nach der Arbeit konnte so was vorkommen. Und natürlich auch bei den Bösewichtern und Nebenfiguren als Zeichen des Lasters. Oder bei den Vorgesetzten, die sich das Statussymbol Zigarre anzünden. Aber alles änderte sich, als der Italo-Western und „El Cigarillo" Clint Eastwood die Bühne betraten. Mit ihm wurde der Held, der für Zivilisation und Gemeinschaft kämpfte, zum desillusionierten Einzelgänger. Schon daran kann man erkennen, wie sehr die Frage „Rauchen oder Nichtrauchen" ein nicht wegzudenkender Teil der Filmsprache ist, die nichts mit berechtigten Gesundheitsbedenken in der realen Welt zu tun hat.

Dabei lohnt es sich, auf die Ausnahmen und Abweichungen zu schauen. Im Science-Fiction-Genre zum Beispiel wird normalerweise nicht oder wenig geraucht. Trotzdem greift Ellen Ripley (Sigourney Weaver) in Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt (1979) wie selbstverständlich zur Zigarette. Das charakterisiert sie, wie Petra Kappler in ihrem Aufsatz "Gefährliche Glimmstengel" nachweist, als "Final Girl" - eine weibliche Figur im Horrorgenre, die männliche Eigenschaften aufweist und mit "phallischen" Instrumenten wie Flammenwerfer oder Maschinengewehr hantiert. Wie überhaupt das Rauchen schon seit der Stummfilmzeit und Wanda's Trick (1918) zum Markenzeichen starker Frauen wurde, von Marlene Dietrich über Lauren Bacall bis zu der berühmten Verhörszene in Basic Instinct mit Sharon Stone.

Wenn also die rauchenden Helden in den 1980ern aus dem US-Mainstreamkino verschwinden, wie David Kleingers in seinem Artikel "Where there's Smoke, there's Fire" analysiert, dann hat das mit der Botschaft dieser Filme zu tun. Ihre Supermänner sind überlebensgroße, moralisch saubere Kampfmaschinen, die das Rauchen in den Bereich des Sündigen drängen, wo sie es den Bösewichtern überlassen. Eine der wenigen Ausnahmen: Bruce Willis in Stirb langsam (1988), aber da ist der Held eben auch ein unperfekter, verletzlicher Charakter. Seinen festen Platz hat das Rauchen dagegen abseits von Hollywood, im Independent-Kino der Coen-Brüder, Quentin Tarantinos oder Wes Andersons. Ganz zu schweigen von Jim Jarmush und seinen genussrauchenden Helden, denen er mit dem Episodenfilm Coffee and Cigarettes (2004) ein filmgeschichtlich einzigartiges Denkmal setzte.

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(Trailer zu Coffee and Cigarettes von Jim Jarmusch)

Naturgemäß fallen die verschiedenen Aufsätze stilistisch höchst unterschiedlich aus. Manche sind sehr persönlich und eingängig geschrieben, andere legen mehr Wert auf wissenschaftliche Objektivität. Die einen nehmen Details ins Visier und nähern sich dem Thema humoristisch - darunter die wunderbare Parodie von Hubert Gehr "Über die allmähliche Verfertigung des Filmwerks beim Rauchen", die den Sprachduktus der Filmhistoriker auf die Schippe nimmt. Die anderen legen den Fokus auf größere Traditionslinien. Gemeinsam ist jedoch allen die spürbare Lust an einem lockeren Streifzug durch ein Thema, bei dem die Entdeckerfreude erst am Anfang steht.

(Peter Gutting)


"Thank you for Smoking - Die Zigarette im Film" (ISBN 978-3-943157-96-3) ist seit dem 1.Juli 2014 im Belleville-Verlag erhältlich, es umfasst 224 Seiten und kostet 19,80 €.

(Anmerkung der Redaktion: Das Schlusswort in der komplizierten Beziehung zwischen dem Kino und dem Rauchen überlassen wir aber John Waters, der dazu natürlich seine ganz eigene Meinung hat: