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17 13/12

Bilder aus dem Nichts - Die kino-zeit-Kolumne

Vor der Jahreswende lieben alle den Rückblick. Doch momentan wird die Sicht von zu vielen Ereignissen behindert, so dass man nicht viel weiter als bis diesen Herbst sehen kann. Es ist viel passiert. Um ein paar wenige Beispiele zu nennen: Der Erfolg der AfD bei den Bundestagswahlen, das Scheitern der Jamaika-Koalition und die natürlich damit zusammenhängende Diskussionen über den Rechtsruck der Gesellschaft.


(Bild aus Aus dem Nichts; Copyright: Warner Bros. Pictures Germany)

Abermals fiel dadurch der Fokus auf Mit Rechten reden, ein Buch des Autorentrios Leo, Steinbeis und Zorn. Rechtes Gedankengut wird darin als eine Art Sprachmodell dargestellt. Das Buch erklärt zwar richtig, wie man in Diskussionen der rechten Rhetorik nicht auf den Leim geht. Dabei vernachlässigt es jedoch, wenn auch nicht absichtlich, die vielzähligen Übergriffe rechter Gruppierungen, die oft nicht rein verbal bleiben. Fälschlicherweise wurden zuletzt nach Berichterstattung zu rechten Übergriffen, auch auf der Frankfurter Buchmesse, gerade im Feuilleton die Ideen des Buches als konkrete Lösungen gegen rechte Hetze verstanden. Rechte Übergriffe ziehen jedoch Traumata, Schmerz und Angst nach sich. Kein Problem, das man rein sprachlich lösen kann.

Nur allzu passend zu dieser Debatte ist Ende November Fatih Akins Aus dem Nichts in die Kinos gekommen, der ein fiktives NSU-Drama schildert. In seinem neuen Film zeigt Akin die Missstände im Selbstverständnis unserer Gesellschaft auf. Die Vorurteile, die Opfer der NSU-Terrorzelle jahrelang über sich ergehen lassen mussten. Wie genau diese Vorurteile Schicksale und Identitäten zerstörten.

Während eine rein sprachliche Dekonstruktion rechter Rhetorik sicherlich nicht das einzige Mittel gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck sein kann, kann man dennoch, gerade in Bezug auf Aus dem Nichts, über andere sinnvolle Ansätze nachdenken. Neue Bilder und Motive in der nationalen Filmlandschaft zum Beispiel. Momentan sind Formate wie Fack ju Göhte, Verrückt nach Fixi oder Schweighöfer-Schwergewichte wie Vier gegen die Bank die großen Leuchttürme der deutschen Filmlandschaft. Voriges Jahr konnte man sich noch kurz an der Thematisierung der „Flüchtlingskrise“ in der Feelgood-Komödie (zu feel, zu good) Willkommen bei den Hartmanns erfreuen. Ebenso ein Star-Schwergewicht, hatte der Film ein großes Problem: Unter all den Stars hatte man vergessen, den Hauptdarsteller Eric Kabongo, der den nigerianischen Geflüchteten Diallo spielt, auf den Plakaten zu benennen. Die Empörung war zwar groß, bei Warner Brothers reichte es jedoch nicht einmal für ein offizielles Statement, von einer Entschuldigung ganz abzusehen. Regisseur Simon Verhoeven fand persönlich die Aktion „unglücklich“, mochte darin jedoch keine Diskriminierung erkennen. Das könne man ja sonst auch von weißen Kollegen behaupten, die manchmal auf Filmplakaten nicht genannt werden.


(Trailer zu Willkommen bei den Hartmanns)

Doch klar, man kommt nicht umhin: die mehrheitliche Besetzung der genannten Produktionen ist deutsch und weiß. Ein vergessener Schauspieler of Colour scheint da kaum einem weh zu tun. Es sei zwar dahingestellt, ob sich jeder Regisseur dem Ruf nach Diversität auf deutschen Filmleinwänden verpflichten muss. Wünschenswert wäre es jedoch allemal. Denn gerade in populären Formaten der deutschen Filmindustrie liegt viel Potenzial, um spielerisch darüber aufzuklären, dass Diversität heute nun mal ein wichtiger Teil der deutschen Gesellschaft ist. Zwar hat die Filmindustrie im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Sendern keinen Bildungsauftrag. Es wäre jedoch auch im Sinne der Zuschauer, so langsam mit der Zeit mitzugehen und die deutsche Gesellschaft so abzubilden, wie sie heute aussieht.

Es gibt durchaus Versuche in diese Richtung. Oft scheitern sie jedoch an genau den gleichen politischen Schwierigkeiten wie Verhoevens Film. Wenn in Ute Wielands Tigermilch das Schicksal der Deutsch-Irakerin Jameelah mitten in der Pubertät und kurz vor einer möglichen Abschiebung erzählt wird, bleibt es fraglich, inwiefern es sinnvoll ist, die Rolle von Jameelah mit der Deutschen Emily Kusche zu besetzen. Denn es reicht nicht, einem brünetten Mädchen Locken und einen „orientalisch“ anmutenden Look zu verpassen, damit sie vor dem Hintergrund ihrer mehrheitlich blonden Freunde wie eine Ausländerin aussieht. Wie wäre es denn mit einem Casting an einer von Berlins Schulen außerhalb von Charlottenburg und Prenzlauer Berg gewesen? Noch irritierender wirkt es jedoch, wenn Jameelahs Leben immer wieder aus der Perspektive ihrer deutschen Freundin Nini erzählt wird. Als bräuchte der deutsche Zuschauer eine Erklärung aus einer deutschen Perspektive, um zu verstehen, was es heißt, den Asylantenstatus in Deutschland zu haben und jeden Tag mit der Angst aufzuwachen, heute vielleicht abgeschoben zu werden. Dabei ist Jameelahs Perspektive aus erster Hand das, was die Geschichte so wichtig macht. Der Film ist sicherlich ein gut gemeinter Versuch aufzuklären und vorzustellen, an dem sich jedoch viele Probleme der deutschen Diskussionskultur um „marginalisierte Gruppen“ auftun.


(Trailer zu Tigermilch)

Simone Rosa Miller spricht nicht umsonst in der letzten Ausgaben von 10 nach 8 von einer Kälte, die momentan von der deutschen liberalen Gesellschaftsschicht ausgeht. Mehrheitlich werden Diskussionen zu Identität ironisch verneint. Sich dagegen auflehnende Gruppen werden dabei zum „Aushalten“ angehalten. Robert Pfaller bezeichnet dabei in seinem Buch Erwachsenensprache verbalen Rassismus und Sexismus als alltägliche Unannehmlichkeiten, mit denen man umgehen können muss, und spricht von „kultivierten Überempfindlichkeiten“, die sich in unserer Gesellschaft manifestieren. Dabei muss man sich jedoch fragen, warum manche Teile unserer Gesellschaft schon immer mehr aushalten mussten als andere, und dabei immer wieder auf ihre Überempfindlichkeit von Menschen hingewiesen werden, die diese Erfahrungen nie machen mussten.

Und so muss man nun wohl aushalten, dass demnächst ein Film wie Özgür Yıldırıms Nur Gott kann mich richten in die Kinos kommt, der ein von Migranten betriebenes Drogenmilieu gegen eine deutsche weiße Polizistin mit einer herzkranken Tochter ausspielt. Eine chancenlose Gegenüberstellung, die nicht nur Menschen mit „Migrationshintergrund“, sondern sogar Matthias Schweighöfer schlecht dastehen lassen würde. Immerhin: das Serienformat Four Blocks von Marvin Kren behandelt eine ähnliche Thematik, erläutert jedoch auch, wie genau diese Migranten vom deutschen Staat seinerzeit in die Kriminalität gedrängt wurden. Unter anderem dadurch, dass der damalige Asylstatus viele betroffene Kinder vom Schulunterricht kategorisch ausschloss. Dabei wird der deutsche Pass in Four Blocks zu einem Traum, einem magischen Papier, das alles Leid auflösen könnte. Möglicherweise eine Darstellung, die bei dem einen oder anderen deutschen Zuschauer für ein Aha-Moment sorgen könnte.

Nicht umsonst sagte Fatih Akin zuletzt in einem Interview mit Die Zeit, Aus dem Nichts sollte sich wie ein „Faustschlag“ anfühlen. Den scheinen wir momentan als Gesellschaft eindeutig zu brauchen, um endlich wach zu werden. Ändern wird sich leider trotzdem nichts. Denn überraschenderweise wird gerade in vielen Interviews nicht so sehr Akins Film gefeiert, sondern der Umstand, dass Diane Kruger sich durch diesen Film endlich wieder ihrem Deutschsein annähern konnte. Irgendetwas läuft hier eindeutig schief.

(Olga Galicka)

Olga Galicka – geboren 1990 in Riga, lebt in Frankfurt. Filmstudium in Frankfurt, Paris und Mailand. Mehrfach eingeladen zum Treffen Junger Autoren der Berliner Festspiele. Stipendiatin des Literaturlabors der Stiftung Niedersachsen. Hat geschrieben und gebloggt, unter anderem für ZDF-theaterkanal, Berliner Festspiele, FAZ und kino-zeit. Ließ sich blicken und las auch vor, zum Beispiel beim Internationalen Literaturfestival Berlin. Schreibt über Film und Politik, aber auch Lyrisches und Prosa, manchmal zusammen. Mag am liebsten Kakteen.