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14 09/05

10 Jahre kino-zeit.de – Talents To Watch: Christian Klandt

Wer jemals Christian Klandts heftiges Coming-of-Age Drama Little Thirteen aus dem Jahre 2012 zusammen mit anderen im Kino oder auf DVD angeschaut hat, der kennt das wahrscheinlich: Kalt lässt dieser Film niemanden, entweder erntet er Zuspruch oder wütende Abwehrreaktionen, "weil nicht sein kann, das nicht sein darf". Uns ist der Regisseur aber schon vorher aufgefallen - mit seinem Film Weltstadt aus dem Jahre 2008, der nicht minder heftig ist und der es bei verschiedenen Festivals zu einigen Auszeichnungen brachte.

(Christian Klandt, Copyright: Mike Auerbach, 2013)

Natürlich hat uns neben der filmischen Qualitäten diese Unmittelbarkeit neugierig gemacht - und so haben wir Christian Klandt gebeten, unsere zehn Fragen zu beantworten. Und ehrlich gesagt sind wir jetzt nur noch neugierig auf seine neuen Projekte, an denen er derzeit arbeitet: Neben zwei Spielfilmen (Sanella und Schaustein) gibt es unter anderem noch einen Dokumentarfilm über die erfolgloseste Metal-Band der Welt, die es dennoch schafft, als erste Formation ihrer Richtung ein Konzert auf den Osterinseln zu geben. Wenn das mal nicht spannend klingt...

1. Was hat dich zum Film gebracht?

Eigentlich müsste die Frage lauten: Wer hat mich zum Film gebracht? In der Grundschule, 3. Klasse gründete mein damaliger Deutsch- & Musiklehrer eine Foto AG. Er brachte uns das Fotografieren bei und unsere selbst geknipsten Bilder konnten wir dann später auch selbst im Labor entwickeln. Nach der Wende, kam die Videokamera dazu und aus der Foto AG wurde der Jugend-Video-Club. Seitdem drehe ich Filme. Das allerdings daraus mal ein Beruf entstehen würde, war nicht absehbar. Mein Großvater war leidenschaftlicher Eisenbahner und er nahm mich in den Ferien mit zur Arbeit. Das gefiel mir sehr, ich fand Dampflokomotiven toll. Nach der Schule begann ich dann eine Ausbildung und wurde Eisenbahner. Anschließend ging ich nach Gotha/Thüringen und studierte Verkehrstechnik. Während meiner Lehr- und Studienzeit, habe ich nie aufgehört zu Fotografieren oder Filme zu drehen. Nach Feierabend bzw. in den Semesterferien hockte ich pausenlos vor einem improvisiertem Schnittplatz (2 S-VHS-Recorder, Video8-Zuspieler & Analog-Mischpult für Blenden & Effekte) und bearbeitete verschiedene Projekte. Ich verliebte mich ins Theater, ging in verschiedene und kurz vor Ende meines Studiums in Thüringen ist der Groschen gefallen. Mein Hobby ist meine Leidenschaft. Ich ging nach Berlin und suchte mir Praktika und Assistenzen beim Film. Ich arbeite als Filmvorführer in einem kleinen Programmkino und war Mitbegründer des Berliner Theaterdiscounters. 2004 begann dann mein Studium an der HFF-Potsdam. Ich glaube ohne meinen alten Deutsch- & Musiklehrer, wäre ich nie in Kontakt mit Fotografie und Film gekommen. Niemand aus meiner Familie ist künstlerisch veranlagt.

2. Was macht für dich einen guten Film aus?

... wenn ich aus dem Kino komme und nach dem Film auf einmal bemerke, wie schön der Augenaufschlag meines Banknachbars in der U-Bahn ist. In einem guten Film gibt es diesen "magischen Moment", wenn die Geschichte, die Bildgestaltung, Sound, Filmmusik, Rhythmus und das Schauspiel unbemerkt und heimlich so harmonisch ineinander verschmelzen und der Augenblick entsteht, in dem der Film die Kontrolle über mich, meinen Körper und meine Gefühle übernimmt. In diesem Magic Moment zittere, heule oder schreie ich vor Lachen und ich kann nichts dagegen tun. Gute Filme sind für mich solche, die die auch nach dem Abspann weiterlaufen und in meinen Kopf in Serie gehen.

3. Filme und Filmemacher, die inspirieren?

Ich mag die Filme von Brillante Mendoza, der erst mit 43 Jahren angefangen hat Filme zu drehen. Seine Produktivität, in 5 Jahren 8 Filme zu realisieren motiviert und begeistert mich sehr. Noch dazu sind sie alle wichtig und der Knaller. Ich mag Romuald Karmarkar, als Künstler und als Filmemacher. Cathetine Breillats Romance X hat mich sehr bewegt, sowie La Strada von Fellini. Unvergesslich ist für mich auch der Dokumentarfilm, Das Herz von Jenin von Marcus Vetter und Leon Geller. Andreas Dresen, Ulrich Seidl, Patrice Cherau (z.B. Zwei Brüder) und Rainer Werner Fassbinder kann ich noch als Filmemacher nennen. Meine Lieblingsfilme sind: Volcano von Rúnar Rúnarsson, Tampopo von Juzo Itami, Tuvalu von Veit Helmar, Das Interview von Theo van Gogh, Cinema Paradiso von Giuseppe Tornatore, Die unendliche Geschichte von Wolfgang Peterson und ganz ehrlich, ich liebe die Kochsendung Lafer, Lichter, Lecker.

4. Mit wem (lebend oder tot) würdest du gerne arbeiten wollen?

Tot: Helga Hahnemann, Christoph Schlingensief, Frank Giering, Rainer Werner Fassinder, Thierry van Werveke, Paul Kuhn, Otto Sander, Patrice Cherau, Evelyn Hamann, Veit Lowack.

Lebend: Barbara Sukowa, Manfred Krug, Javier Bardem, Jördies Triebel, Peter Stormare, Jule Böwe, Gojko Mitic, Wolfgang Kohlhaase, Bela Tarr, Lars Eidinger, Josef Bierbichler, Birgit Minichmayr, Milan Peschel, Sophie Rois, Volker Spengler, Werner Herzog, Mads Mikkelsen, Jonathan Meese, Gerhard Richter, Ai Weiwei, Khaled Hafez, James Hetfield, Johan Edlund, Antony Hegarty.

5. Mit welchem Ziel machst du heute Filme?

Mein Ziel ist es immer eine gute Geschichte zu erzählen. Vielleicht so gut, wie ich es in der Frage 2 beschreibe. Wichtig ist mir, mich selbst von etwas zu überzeugen. Nur dann kann ich anfangen, zu arbeiten mit dem Ziel, auch die Menschen zu überzeugen.

6. Was machst du, wenn du keine Filme machst?

Das ist nur sehr schwer abstellbar. Manchmal starre ich einfach nur ne Stunde an die Wand. Ich koche wie ein Wahnsinniger. Gehe ins Theater oder ins Kino. Ich werkle in meinem Fotolabor. Betüddele die Kinder meiner Freude. Im Sommer fahre ich auf Gothic- und Metalfestivals. Ich liebe das alles.

7. Wie oft warst du im letzten Jahr im Kino?

Ich wohne in Berlin. Eine Stadt mit den tollsten und besten Programmkinos. Im Schnitt ein- bis zweimal pro Woche. Festivals wie Around the World in 14 Films, Achtung Berlin oder die Berlinale nicht mitgezählt. Da sind es schon mal 2-4 Filme am Tag.

8. Gibst du was auf Filmkritiken?

Man ist ja geneigt, mehr an die schlechte als an gute Berichterstattung zu glauben. Vielleicht sollte man nur noch mit negativen Filmkritiken für Filme werben - das macht neugierig. Gute Kritiken auf Poster drucken, ist einfach und bekannt. Wobei mich schlechte sowie gute Berichterstattung noch niemals abgehalten oder motiviert haben, einen Film zu sehen. Ich finde Filmkritiken richtig, wichtig und lehrreich. Eine Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk macht neugierig und sensibilisiert. Das ist Teil des Lernprozesses. Es ist spannend herauszufinden, wie die eigene Wahrnehmung tickt. Ich finde jedwede Diskussion über das Thema oder die Geschichte wird zum Teil der Filmauswertung - wenn nicht sogar Teil des Films. Filmkritiken führen zu einer Beschäftigung mit sich selbst.

9. Fühlst du dich wohl in der heutigen Kino-Landschaft?

Ich versuche erst gar nicht diese Frage diplomatisch zu beantworten. Was haben Ärzte und Regisseure gemeinsam? Sie können nur zu 20 Prozent ihren Job ausüben. Die restlichen 80 Prozent wird herumpapiert, geschriebselt und zerquatscht. Wenn ich das Geld, was man in Cafés ausgibt, um über ein Filmprojekt zu reden, zusammenrechnet, dann ist es mitunter die Hälfte des Budgets. Na ja vielleicht ist das ein wenig übertrieben - aber nur ein wenig. Beispiel Filmfestivals. Hier werden die neusten Werke von wunderbaren Filmemachern aus der ganzen Welt vorgestellt. Es ist eine Filmmesse. Hinter den Kulissen wird diese Ware gehandelt und verkauft. Die Filme sollten uns Geschichten nahe bringen. Stattdessen verkommt diese Institution mehr und mehr zum Catwalk der Handtaschen. Die Medien reservieren zu 99 Prozent Fotos und Artikel der B-Z-Prominenten. Nach dem Motto: Kuckt mal, die war in dem Fummel auch dabei. Ich kenne Kollegen, die sich mehr Gedanken über neue Visitenkarten und Sakkos machen als über neue Geschichten und Filme.

OK, zurück zum Thema: Bis jetzt musste ich auch noch keine Hirnabschaltblockbuster machen. Auch nach meinem alten Deutsch- & Musiklehrer, hatte und habe ich wunderbare Lehrer und Förderer, wie z.B. Tilo Prückner, Frank Grützbach, Manuela Stehr, Stefan Arndt, Diethard Küster und Rosa von Praunheim. Ganz ehrlich: Eine Garantie, dass alles tutti läuft, gibt es nicht. Trotz aller Fantasie und Kreativität muss man vor allem Realist sein.

10. Welchen Film willst du in 10 Jahren unbedingt gemacht haben?

Ein Märchen, dass uns vom dem Glück ablenkt, welches uns gar nicht bewusst ist: dass wir unbeschwert Filme im Kino sehen können, ohne Angst, ohne Elend, ohne Lebensgefahr.

XX. Bonus-Frage: Schaust du ab und zu bei kino-zeit.de rein? Warum (nicht)?

Ich habe kino-zeit.de auf meiner eigenen Browser-Startseite als Link zu stehen (Anmerkung der Redaktion: Ach, du bist das!). Die Berichterstattung einzelner Filme, helfen mir immer wieder, vor dem Kinobesuch, wenn ich mich zwischen zwei entscheiden muss.