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14 01/04

10 Jahre kino-zeit.de – Die Darlings der Redaktion: Pans Labyrinth

Irgendwann musst und wirst du lernen, sagt die Mutter, dass die Wirklichkeit nicht ist wie in deinen Märchen, sondern grausam und ungerecht. Es ist das letzte, was sie ihrer Tochter sagen kann, bevor sie zu Boden geht, von Krämpfen und Wehen geschüttelt. Sie stirbt kurz darauf und bringt vorher noch den kleinen Bruder zur Welt; aber ihre Warnung an die Tochter geht natürlich ins Leere, denn die Märchen der Tochter sind längst so grausam und dunkel wie die Welt, in der sie lebt: Im Hintergrund kreischt, nur für das Mädchen Ofélia hörbar, eine magische Alraune im Feuer des Kamins.

(Pans Labyrinth, Copyright: Universum Film)

Pans Labyrinth von Guillermo del Toro gehört zu den Filmen, die die Haut zwischen Realität und Fiktion so dünn spannen, bis man von der einen Seite die andere berühren und umfassen kann, beide ununterscheidbar werden außer durch die Trennung, die wir rationalen Wesen immer noch vollziehen wollen. Aber es ist genau diese Szene des Films, die das auflöst, ab der alles ineinander fließt und dann schließlich Geschichte als Märchen und Geschichte als Historie ineinander übergehen.

Del Toro (nebenbei der erste Regisseur, den ich jemals interviewt habe, es war alles sehr, sehr aufregend) macht das gerne, diese Vermischungen; selbst in seinen größten Hollywood-Erfolge, die beiden Hellboy-Filme, schleppt er noch diese Vermischung von Technik und Magie mit hinein, die sich dort ästhetisch primär als Steampunk manifestiert, aber dahinter steckt mehr. Das tickende Uhrwerk, das Karl Ruprecht Kroenen in Hellboy anstelle eines Herzens trägt, ist Zeichen und Ausdruck eines rein technisch, mechanisch orientierten Weltbildes und steht zugleich für rücksichtslos voranschreitenden, Menschen verachtenden Faschismus; sein Spiegelbild ist die Uhr, die Capitan Vidal in Pans Labyrinth geradezu religiös pflegt.

Der Film ist ein grausames Märchen - eine Geschichte so blutig und lehrreich wie Grimms Märchen in ihren unredigierten Fassungen, ein auswegloses Unglück mitten aus dem Unglück des Spanischen Bürgerkriegs heraus (eine Epoche, die del Toro schon in seiner Geistergeschichte Das Rückgrat des Teufels beschäftigt hatte) und Parabel über die Welt; in einer der beängstigendsten Szenen des Films, beim Mann ohne Augen, ist im Hintergrund ein Haufen weggeworfener Schuhe zu sehen. Pans Labyrinth verwebt Themen und Motive, die in den Filmen del Toros immer wieder auftauchen, zu einem äußerst dichten Gewebe: Vaterschaft, Abstammung, Herkunft.

(Pans Labyrinth, Copyright: Universum Film)

Und natürlich Bedeutung. Denn nichts geschieht hier, ohne dass es eine weitergehende Bedeutung hat, alles weist über sich selbst hinaus, und ist dabei, das macht die Größe des Films aus, doch zuallererst nur es selbst: Eine kondensierte Geschichte, eine meisterhafte Erzählung, ein atemberaubendes Stück Kino, das sich auch ohne all seine phantastischen Elemente als packendes Drama erzählen ließe. Überhaupt scheinen, blickt man auf die ersten Sekunden des Films, sich die phantastischen Elemente - der Faun, das magische Labyrinth, die Elfen und Monstren - erst rückblickend aufzutun in dem Moment, da die Protagonistin stirbt - und im Tod ihrem Sterben einen Sinn zu geben sucht, den sie in Märchen und Mythen findet.

In Ofélias Buch füllen sich die Seiten erst mit roter Tinte, die Geschichten entstehen aus dem Moment, und sind doch bis zum Bauchnabel fest in uralten Erzählungen verankert - in all ihrer Bedrohlichkeit versprechen sie, und liefern ganz zuletzt auch so etwas wie Heilung oder wenigstens Trost in einem großen Ganzen: Wenn die Geschichte zu grausam, zu hoffnungslos ist, bilden die Mythen einen größeren Sinnrahmen - so sie denn weitergetragen werden.

(Pans Labyrinth, Copyright: Universum Film)

Das ist (natürlich) die Rolle einer Frau, der Haushälterin Mercedes, die am Ende die eine Geschichte beendet, kappt, und so die Historie bestimmt. Und es ist (natürlich) die Rolle des Kinos, das del Toro hier als große Mythenmaschine sichtbar macht, die sich Geschichte (sei es Historie, sei es Fiktion) einverleibt und zu etwas Neuem verbinden kann, das ungleich wirkmächtiger sein kann als die Ausgangsprodukte.

Und zugleich bietet Pans Labyrinth natürlich einen del Toro sehr eigenen, fast egomanischen Blick auf diese Mythenwelt, eine schräge Perspektive auf eine Welt voller Schatten: Der Abgrund ist besser als das Land darüber. Das Dunkel verspricht bessere Nachrichten als das Licht. Gegen die Monstren in der Nacht, wie es einmal sinngemäß in Hellboy heißt, bringt man die anderen Monster in Stellung.

(Pans Labyrinth, Copyright: Universum Film)

Del Toro reißt uns ganz tief in eine Welt voller Schatten und Dunkelheit, in denen Mord, Verzweiflung und viel, viel Blut verborgen sind, Ängste und Ungewissheiten ohnegleichen; und findet dann Trost und Hoffnung darin, dem Dunkel ins Auge zu sehen, sich ganz darauf einzulassen und doch immerzu dagegen anzugehen. Das ist Kino als Zauberwald: Man muss ihn ganz durchdringen, furchtlos, sonst wird man nie die schönen Dinge sehen, die sich zwischen seinen Stämmen verbergen.

(Rochus Wolff)