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17 12/04

Was ist noch echt? - Die kino-zeit-Kolumne

Kurz nach den Oscars machte ein Video deutlich, dass ein Film bei der Preisverleihung in einer überraschenden Kategorie zu unrecht leer ausgegangen war. „The Mind-Blowing Special Effects Used on Manchester By The Sea“ enthüllt, dass die erste Szene des Films, in der ein Fischerboot auf dem Meer vor den Küste der titelgebenden US-Kleinstadt herumschippert, nicht dort gedreht wurde. Stattdessen, so zeigt das Video in der bei Visual-Effects-Reels etablierten Darstellungsform aus sich Stück für Stück aufbauenden Bildschichten, stand das Boot auf einer Hebebühne in einem Studio, umgeben von Blue Screens. Die maritime Umgebung entstand vollständig im Computer.


(Bild aus Manchester By The Sea; Copyright: Universal Pictures International Germany GmbH)

Die nächste Szene des Breakdowns ist fast noch bemerkenswerter. Casey Affleck auf einer Leiter im Hintergrund, eine ältere Dame im Vordergrund. Wiederum zusammengesetzt aus mehreren Elementen, aufgenommen vor Green Screen, Wände und Kücheneinrichtung vollständig digital. Aber Moment: Kann es tatsächlich sein, dass die ältere Dame in Wirklichkeit von einem Mann mit computergenerierter Perücke gespielt wurde, wie das Video behauptet? Wer bis hierhin noch nicht das Logo von Funny or Die in der Bildecke entdeckt hat, merkt spätestens in den nächsten Szenen, die immer alltäglichere Szenen immer absurder auflösen, dass er oder sie einer Parodie aufgesessen ist. Vielleicht kommt sogar die Erinnerung an ein Video aus dem vergangenen Jahr zurück, das den gleichen Witz schon mit Todd Haynes’ Carol durchgespielt hatte.

Das Schlimme und/oder Grandiose ist aber, dass der Witz überhaupt funktioniert. Zumindest bei der ersten Szene mit dem Boot waren ich und alle, denen ich das Video gezeigt habe, noch bereit zu glauben, dass eine einfache Filmeinstellung mit ganz normalen Menschen an einem real existierenden Ort im Computer entstanden sein könnte. Wir haben uns in den vergangenen zwei Jahrzehnten so sehr sowohl daran gewöhnt, dass alles im Kino digital getürkt sein könnte, als auch daran, dass damit hemmungslos angegeben wird, dass uns nichts mehr überrascht. Warum auch? Es ist doch ohnehin viel weniger „echt“, als wir vielleicht manchmal noch denken.

Zum Beispiel Star Wars. „Echte Sets. Praktische Effekte“, intoniert Hauptdarsteller Mark Hamill in einem Werbefilm zu Das Erwachen der Macht, den Disney auf der Comic Con 2015, ein halbes Jahr vor Erscheinen des Films, lancierte. „Es hat sich eigentlich nichts verändert.“ Seit 1977, meint er, als der erste Star-Wars-Film von Technikern mit Plastikmodellen, Stopptrick und optischen Printern auf die Leinwand gebracht wurde.

Ein in sieben Teilen auf YouTube verfügbares Video der Effektfirma Industrial Light & Magic von Anfang 2016 jedoch spricht eine andere Sprache. In fast jeder Einstellung wimmelt es nur so von digitalen Simulationen, egal ob von Fahrzeugen, Umgebungen oder sogar Menschen im Hintergrund. Nicht selten, führen die Einblendungen aus, sehen wir fully digital shots. Ob Regisseur J. J. Abrams das meinte, wenn er im ersten Video sagt, er wolle „ein Bein in der physikalischen Welt lassen“?


(Trailer zu Das Erwachen der Macht)

Was wir von fantastischen Filmen inzwischen beinahe erwarten, selbst wenn sie so vor Nostalgie kleben wie Das Erwachen der Macht, hat sich längst auch in vermeintlich realistischeren Szenarien durchgesetzt. „Das bestgehütete Geheimnis Hollywoods“ nennt ein Artikel des Telegraph die „unsichtbaren Effekte“, die mittlerweile fast in jedem Filmgenre gang und gäbe sind. Egal, ob es darum geht, die gebauten Sets digital zu erweitern, Komparsenszenen aus dem Computern zu bevölkern oder schlechtes Wetter mit sky replacements verschwinden zu lassen. Dutzende Effektfirmen auf der ganzen Welt arbeiten rund um die Uhr daran, Filme und Fernsehserien größer und teurer wirken zu lassen. Besonders gut gehütet ist dieses Geheimnis gar nicht, wenn man einen Blick in Fachpublikationen wirft. Nur vom im Telegraph erwähnten beauty work, bei dem Schauspielerinnen und Schauspieler per Computer nachträglich glattere Haut und weniger Fettpolster verpasst bekommen, habe ich persönlich bisher noch keinen Effects Supervisor berichten hören.

Ich halte diese Entwicklung grundsätzlich überhaupt nicht für verdammenswert. Der Medienwissenschaftler Lev Manovich postulierte bereits 2001 in The Language of New Media, dass das Kino durch am Computer bearbeitete Bilder im Grunde genommen zu seinen Anfängen in Thaumatropen und Zoetropen zurückgekehrt sei. Damals habe seine Faszination in erster Linie in der Freude an bewegten Bildern und nicht so sehr im Indexieren von Realität gelegen. Animation habe sich lange als ungewollter Verwandter (bastard relative) des Kinos durchschlagen müssen, bevor es nun, im 21. Jahrhundert, wieder mit ihm verschmolzen sei.

Kino sei, so schreibt Manovich, heute eher ein „Subgenre der Malerei“, da selbst die in der Realität abfotografierten Bilder inzwischen nur noch als Rohmaterial für weitere Bearbeitung dienen. Ich mag diesen Gedanken, sehe in ihm aber kein Allheilmittel. Dass eine vollendete caméra-stylo-artige Freiheit in der Bildgestaltung nicht automatisch gute Filme produziert, ist in jeder Kritik nachzulesen, in der es heißt, der Film sei „hauptsächlich visuell beeindruckend“.

Viel interessanter als jede Trauer über das „echte“ Kino der Vergangenheit ist es sowieso, den Blick nach innen zu kehren und darüber nachzudenken, wie die digitale Filmwelt unsere Sehgewohnheiten langsam aber sicher verändert hat. Nicht nur, weil wir Parodievideos im ersten Moment für bare Münze nehmen. Sondern auch, weil wir zum Beispiel jene leichten Unschärfen ohne Protest akzeptieren, die starkes Compositing, also das Zusammenfügen von mehreren Bildelementen in der Postproduktion, kaschieren. Weil wir uns daran gewöhnt haben, dass die Himmel im Kino heute häufig ausgewaschener wirken als früher, weil sie so das Ausstanzen eben jener Bildelemente erleichtern.

Und erwarten wir nicht inzwischen sogar, dass historische Filme ihre Ära dadurch ankündigen, dass sie den Farbumfang des damals gängigen Filmmaterials mit digitalen Mitteln präzise imitieren, genau wie wir es mit unseren Instagram-Filtern machen? Wollen wir wirklich die Nachtaufnahmen der 1970er und 1980er Jahre zurück, die – vor allem in der Kombination von VHS-Kassetten und Röhrenfernsehern – nicht selten an humorige „Berlin bei Nacht“-Postkarten erinnerten? Wieviel gefälliger sind doch die wohltemperierten Bilder der Neuzeit, in denen per digitalem colour grading genau die Stellen subtil aufgehellt wurden, auf die unser Blick gelenkt werden soll.

Sehnen wir uns, außer aus Nostalgie, nach den dürftigen Sets älterer niedrig budgetierter Historienfilme, die sich vor allem darauf verlassen mussten, dass es noch ein paar Orte auf der Welt gibt, an denen man durch geschickte Kameraeinstellungen die Fernsehantennen auf den Dächern der Häuser verbergen kann? Baden wir nicht viel lieber in den glorreichen digitalen Rekonstruktionen des antiken Roms oder des elisabethanischen Londons, die wir heute haben, auch wenn sie etwas unwirklich scheinen? Sollen Filmstars wirklich nur dann besonders glamourös auf der Leinwand erscheinen, wenn man sie, wie in den 1940er Jahren, im Close-up bis zum Anschlag mit Licht und Schminke zukleistert?

Als Schreckensvision des digitalen Filmzeitalters wird immer wieder gerne, zum Beispiel in Ari Folmans The Congress, der volldigitalisierte Schauspieler an die Wand gemalt, der marionettengleich am Computer zu untotem Leben erweckt wird.


(Trailer zu The Congress)

Die Realität sieht zumindest heutzutage noch anders aus – digitalen Stunts, Komparsen und performance capturing zum Trotz. Selbst für Peter Cushings Wiederauferstehung in Star Wars: Rogue One war ein menschlicher Schauspieler notwendig, der als Bewegungsreferenz und Stimmenimitator diente. Stattdessen ist aber alles andere um die Schauspieler herum längst für die digitale Malerei zum Abschuss freigegeben worden. Es kann nicht schaden, sich das im Sinne einer medialen Alphabetisierung öfter mal ins Bewusstsein zu rufen – und sei es durch ein albernes Video über Manchester by the Sea.

(Alexander Matzkeit)

Alexander Matzkeit schreibt über Film, Medien und Zukunft unter anderem für epd film, das Techniktagebuch und sein Blog Real Virtuality.