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15 24/06

"Victoria" - Geschichte wird gemacht - Die kino-zeit.de-Kolumne

Victoria ist bereits jetzt Filmgeschichte, und zwar unabhängig von den Deutschen Filmpreisen. Nur wenige wie Hanns-Georg Rodek (Filmkritiker der WELT: "Der beste deutsche Film seit zwei Jahrzehnten") trauen sich, das so deutlich zu formulieren. Und dies hat Sebastian Schippers Film explizit nicht nur seinem One-Shot-Experiment zu verdanken.


(Filmstill aus Victoria; Copyright: Senator Film Verleih)

Es ist die Story, darin steckt alles, was es sich im Kino zu fühlen lohnt. Wer die Generation Y verstehen will, die der 20- bis 35-Jährigen, der muss diesen Film sehen. Hier sprühen die Funken, hier handelt es sich um das echte Leben.

Ich bin bei der Berlinale in den Film gegangen und wollte darauf achten, ob sich nicht doch irgendwo ein Schnitt versteckt haben könnte. Doch schon nach wenigen Minuten habe ich dieses Ziel vergessen. Ich war Teil des Filmes. Teil der Geschichte. Einer Geschichte, die fesselt und nicht mehr loslässt. In den Kinosessel presst und die Hände vors Gesicht schlagen lässt – wahlweise will man Victoria zurufen: Tu das nicht!


(Trailer zu Victoria)

Die Geschichte ist universell und typisch berlinerisch zugleich. Sie vereint, was Berlin – Ecke Schönhauser und Die Halbstarken in den 1950ern begonnen haben und Love Steaks 2014 noch radikaler versuchte. Eine deutsche Jugend, die auf der Suche nach einer (europäischen?) Identität den gemeinsamen Spaß und den gemeinsamen Untergang findet. Das Motto lautet: Wir leben jetzt. Egal, was morgen kommt.

Das gab es in der deutschen Filmgeschichte schon einmal in dieser Drastik, nämlich bei Menschen am Sonntag aus dem Jahr 1930. Damals widmeten sich noch unbekannte Filmemacher wie Robert Siodmak, Fred Zinnemann und Billy Wilder einer neuen Sachlichkeit im deutschen Film und begleiteten das Leben einiger junger Berliner bei einem typischen Sonntagsausflug an den Wannsee – mit bestechender Authentizität und Zeitgefühl schuf man einen Film, der mehr über den Zeitgeist aussagt als jahrelanger Geschichtsunterricht zu vermitteln vermag. Ein Film, der dokumentarisch wirkende Fiktion kreiert.


(Menschen am Sonntag)

"Es sind Menschen, die nicht wissen, dass ihre Zeit auch eine Vorkriegszeit ist", sagt Rüdiger Suchsland in seinem Film Von Caligari zu Hitler. Welche Fatalität. Auch Victoria gelingt dies, auch er entsteht als inszenierte Improvisation im Zeitalter großer Wirtschaftskrisen. Er kann exemplarisch dafür stehen, wenn spätere Generationen über die heutige Zeit reden werden – egal wohin sie uns noch führen mag. Die Intensität des Lebensgefühls dieser Generation, gepaart mit dem heutigen Zeitgeist und zugleich einer Zeitlosigkeit, beeindruckt und fasziniert. 

Alleine die Wahl der Namen sagt immens viel über den universellen wie zeitlosen Anspruch des Filmes aus: Sonne (Frederick Lau), Fuß (Max Mauff), Boxer (Franz Rogowski) und Blinker (Burak Yilgit) sind die vier Hauptfiguren, die Victoria (Laia Costa) als große Siegerin aus dieser Nacht hervorgehen lassen. In Berlin – Ecke Schönhauser gab es immerhin schon einen Typen namens Kohle, der mit seinen halbstarken Freunden die Stadt unsicher machte. Das ist jetzt die Fortentwicklung, mit Namen, die auch in späteren Generationen noch verstanden werden können. "I'm gonna break the rule", sagt Victoria im Aufzug in gebrochenem Englisch. Genau das tut sie, das tun alle in diesem Film. Vor und hinter der Kamera. Das gab es noch nie in der Filmgeschichte, natürlich erst ermöglicht durch die digitale Entwicklung, aber das wird es wohl so ekstatisch auch nicht allzu schnell wieder geben.

Los geht es bereits vielsagend: Disco. Lichtblitze. Es flackert, flimmert. Der Puls wird schon mal hochgefahren und auf Temperatur gebracht. Langsam fährt die Handkamera zurück, aus den unscharfen menschlichen Konturen fokussiert sich die Kamera immer mehr auf Victoria, bis ihr Gesicht in voller Schärfe erkennbar ist. Sie tanzt ausgelassen, dabei improvisiert sie einen Pferdeschwanz, der ihre wilde Frisur nur leidlich bändigt. Das wird sie noch ein paar Mal tun in diesem Film, und es ist ihre Nacht. Sie strahlt, in ihr steckt Lebensfreude pur. Sie trinkt einen Wodka und flirtet erfolglos mit dem Barkeeper (mit der Frage, ob er Schwede sei). Er fragt nur zurück: "Halb oder voll?" Was für eine Frage. Natürlich voll! Sie trinkt den Kurzen auf Ex und begibt sich hinaus in eine lange Nacht, die ihr Leben verändern wird.


(Filmstill aus Victoria; Copyright: Senator Film Verleih)

Obwohl derart zeitlos und ein Genrefilm par excellence, widmet sich Victoria zugleich einigen Elementen, die dem Film eine zusätzliche Deutungsebene ermöglichen. Es geht um das allgemein bekannte Problem der Gentrifizierung in Berlin. Aber stets ohne Zeigefinger und immer gewürzt mit einer Prise Humor, die in den vier männlichen Protagonisten des Filmes wieder und wieder neu geweckt und herausgelockt wird. "We are no Zugezogene", betont Sonne, und immer wieder wird das wiederholt: Wir sind echte Berliner, echte Berlin Guys. Wir zeigen dir das echte Berlin. "You don't seem German at all." – "We are Berliners."

Und damit wird eine zweite Deutungsebene angedeutet, und zwar die des deutschen Filmnachwuchses der Gegenwart, der ja fast komplett in Berlin lebt und arbeitet. Wenn Victoria als gescheiterte Konzertpianistin ihr Können Frederick Laus Sonne im Halbdunkel des nächtlichen Cafés offenbart (90 Prozent der hervorragend Ausgebildeten würden nur ihre Zeit verschwenden am Konservatorium, was analog zu den Filmhochschulen zu deuten ist), druckst er nur beeindruckt, dass sie in die große Konzerthalle gehöre. Es sei so bewegend gewesen, die Musik erzähle eine Geschichte – was übrigens nicht nur für Liszts Mephisto-Walzer, sondern auch für die beeindruckende Gesamtkomposition von Nils Frahm gilt. All das möchte man der deutschen Kulturlandschaft zurufen: Gebt Victoria die großen Bühnen unseres Landes, die großen Theater, die größten Säle. Der Film gehört dorthin, wo ihn jeder sehen kann. Sehen muss. Er ist ein Gesamtkunstwerk, von der sogartigen Kamera des Sturla Brandth Grøvlen über das Schauspiel und die Musik bis zu der famosen Regieleistung von Sebastian Schipper.

Victoria gelingt ein faszinierender Spagat: Er führt die beiden spannendsten Bewegungen des gegenwärtigen deutschen Kinos zusammen – die Improvisation und das Genre. Schipper greift sich das Beste aus beidem und formt daraus ein einzigartiges, faszinierendes Gebilde, das immer höher und höher über sich hinauszuwachsen scheint. Bis es zusammenbrechen muss. Aber selbst dann behält dieses Gebilde seine Würde. Da wird der brünette Pferdeschwanz geschüttelt, die Tränen – ach was, Rotz und Wasser – abgewischt und man ist zurück auf der Straße. Es geht weiter. Wohin? Egal. Aber die Nacht, diese eine Nacht, sie bleibt unvergessen. Wenn in 85 Jahren am Ende des Jahrhunderts eine Bestenliste der deutschen Filme erstellt wird, wird Victoria nicht fehlen.


(Filmstill aus Victoria; Copyright: Senator Film Verleih)

In der Schlussszene ist die Sonne untergegangen und zugleich geht sie wieder auf. Vögel zwitschern. Mit dem Beutel voller Geld scheint Victoria direkt auf einen Rolex-Laden zuzugehen, doch im letzten Moment lässt sie ihn rechts liegen und schreitet in der Panorama-Totalen immer kleiner werdend dem Sonnenaufgang entgegen. Kapitalismuskritik? Ein Fingerzeig für Europa? Egal, jeder kann darin sehen, was er möchte. Die Baukräne im Hintergrund stehen jedenfalls für den Neuanfang, Victorias Welt wird nun neu erschaffen. Ein Momentum, das den Geist des New Hollywood-Kinos in das Berlin der Gegenwart bringt.

Produzent Anatol Nitschke verriet mir auf einem Berlinale-Empfang: "Für uns war das doch eigentlich nur ein kleiner Film." Entstanden am 27. April 2014 zwischen 4.30 und 7.00 Uhr, in und um die Berliner Friedrichstraße. Es war ein kleiner Film in der Produktion, wird jedoch ein unvorstellbar großer Film in seiner Bedeutung werden. Lau und Costa werden zu Stars, Victoria geht in die Filmgeschichte ein. Der Silberne Bär und die sechs Lolas waren nur der Anfang.

(Urs Spörri)

(Urs Spörri kuratiert und moderiert beim deutschen Filminstitut in Frankfurt/M. u.a. die Filmreihe "Was tut sich - im deutschen Film?" samt ausführlichen Werkstattgesprächen mit den Filmemachern. Seine regelmäßigen Festivalstationen sind der Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, die Berlinale, das Filmfest München, das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen sowie die Hofer Filmtage. Außerdem hat er selbst jahrelang das FILMZ Festival in Mainz in führender Position mitverantwortet.)