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16 18/07

Toni Erdmann: Eine deutsche Humor-Geschichte

In Interviews zu Toni Erdmann wird Maren Ade gerne nach dem deutschen Humor gefragt und ob sie ihn neu erfunden habe. Sie antwortet dann in der Regel damit, dass Deutschland immer schon ein Land vieler großartiger Komiker wie Loriot gewesen wäre. Gibt es überhaupt so etwas, wie nationalen Humor? Zumal in einem Film, der sich der Einflüsse des Landes, in dem er zum größten Teil spielt und das von sich behauptet, die Absurdität erfunden zu haben, kaum erwehren kann.


(Bild aus Toni Erdmann von Maren Ade; Copyright: NFP/Filmwelt)

Wenn sich Vlad Ivanov im Film für sich selbst freut, dass er einen Satz von Toni übersetzt hat, dann ist das eine Szene aus einem rumänischen Film. Und Toni Erdmann ist nicht zuletzt wegen der Produktionsumstände und des männlichen Hauptdarstellers auch ein österreichischer Film. Dennoch kann man nicht übersehen, dass es Ade gelingt, etwas genuin "deutsches" in ihren Figuren und deren Verhalten offenzulegen. Das gilt auch für ihre vorherigen Werke Der Wald vor lauter Bäumen und Alle anderen. Sie ist eine der wenigen Filmemacher in diesem Land, die ein tatsächliches Gespür hat, nicht für das, was die Menschen sich vom Kino wünschen, sondern für das, was die Menschen sind.

Nationaler Humor im Film ist auch eine Frage des Marktes. Kulturelle Eigenheiten verkaufen sich meist auf dem heimischen Markt besser als international. Dazu zählen beispielsweise Witze, die über Dialekte funktionieren. Doch immer wieder gelingt es Filmnationen, ein globales Feuer für den eigenen Humor zu entfachen. Jüngere Beispiele dafür sind Dänemark, Griechenland oder Frankreich. Dennoch muss man einen Unterschied machen zwischen Humor und filmischen Humor. Schließlich ist Film eine globale Sprache. So lässt sich nur schwer behaupten, dass Chaplin oder Keaton einen nationalen Humor haben. Die Frage nach dem deutschen Humor stellt sich international vor allem deshalb, weil sie ein scheinbares Paradox aufzeigt: Deutsche und Humor. Dabei gehört Deutschland zu den Ländern, die am meisten Komödien produzieren. Vor zwei Jahrzehnten herrschte eine ungebremste Komödienwelle im Land. Blödelfilme, Kultkomödien und Comedians, die erfolgreiche TV-Formate ins Kino bringen, sind an der Tagesordnung in Deutschland. Zudem beweisen jüngere Filmemacher bereits seit einigen Jahren eine erhöhte Sensibilität für eine Komik, die weniger mit Haudrauf-Rhetorik denn mit einer gelebten Lockerheit zu tun hat. Die Ernsthaftigkeit, die dem Deutschen und dem deutschen Film immer angedichtet wird, gibt es eigentlich kaum. Sie ist eher eine Steifheit, die bei genauerer Betrachtung schon wieder eine große Komik besitzt. Die Diskussionen, die auch national darüber entstehen, sind bizarr, denn ob ein Film ernst ist oder nicht, hat ganz sicher nichts mit seiner Qualität zu tun. Das Einfordern von nicht-ernstem Kino versteht Film als Dienstleistung der Unterhaltungsbranche. Man kann froh sein, dass Film noch ein bisschen mehr ist. In Deutschland gibt es viele gute und viele schlechte Komödien. Dem deutschen Kino fehlenden Humor vorzuwerfen, wäre absurd. Die Tradition ist reich, nicht zuletzt, wenn man emigrierte Filmemacher mit betrachtet. Wenn Ade in Interviews nach dem deutschen Humor gefragt wird, dann richtet sich diese Frage mehr nach dem Diskurs und dieser Differenz zwischen einem prinzipiellen Humor und filmischem Humor. Ihr Film legt diese Fragestellung besonders deshalb nahe, weil es sich um eine Komödie handelt, deren Gegenstand Humor ist.


(Ausschnitt aus Toni Erdmann)

Wie schon in Alle anderen geht es dabei um einen Humor, der nicht immer sein Ziel erreicht, ein Humor, der beständig droht, seinen Sinn zu verlieren. In gewisser Weise spielt Peter Simonischek die Figur des traurigen Clowns, die wir von Chaplin in Limelight kennen. Ein Mann, der dafür kämpft, sein Publikum (in diesem Fall seine Tochter) zurückzugewinnen, der für einen Lacher oder eine Umarmung kämpft. Solche Figuren haben in Deutschland auch große Komiker wie Heinz Erhardt oder Otto immer wieder gespielt. Es geht dabei um den Mut zum misslungenen Witz. Das Scheitern des Humors als subtiler Humor. Diese Art der Dramaturgie hat wenig mit den verschiedenen Slapstick-Einlagen des Films zu tun, sie transportiert das Thema der Komödie auf ein Wollen, eine Verkrampfung, die sich letztlich in der Figur der Tochter findet. Aus dieser Verkrampfung entsteht dann eine zweite Abzweigung des Humors in Toni Erdmann, eine, die mehr in der Tradition von Rainer Werner Fassbinder steht: Ein komplexer Humor der Schamgefühle. Entblößung, gnadenlose Offenheit, Verletzlichkeit, Erniedrigung, Verzweiflung und Peinlichkeit gehören zum Repertoire dieses Humors. Und natürlich der Trotz demgegenüber. Es geht um ein Bewusstsein der Blicke, die einen treffen. Motor dieses Lachens, das auch einen Ausbruch bedeutet, sind die Unangepasstheit, die Steifheit, die falsche Bewegung im falschen Milieu. Rainer Werner Fassbinder ist kein Filmemacher, den man primär über seinen Humor identifiziert. Das liegt oft daran, dass sich bei ihm, im Gegensatz zu Ade, das Schamgefühl über die Kadrierung und Montage erzählt, während Ade eher inhaltlich und mit den Körpern ihrer Darsteller arbeitet. Die Augenblicke der Entblößung entstehen bei Fassbinder mehr aus einer filmischen Logik und bei Ade aus einer inhaltlichen Konsequenz. Was diese beiden Filmemacher eint, ist dass Humor keine Frage von Comedians in Filmen ist, sondern eine Frage der Weltsicht der Filmemacher. Im Fall von Ade und Fassbinder führt das komödiantische Spektrum, das sich von Kostüm, über Szenenbild bis hin zu Sprache erstreckt, zu einem Peinlichkeitsgefühl. Dabei sind beide Filmemacher daran interessiert, Fassaden zum Einsturz zu bringen. Seien es berufliche, private, geschlechterspezifische oder emotionale. Bei Ade gibt es dabei deutlichere Bestrebungen hin zu einer feministischen Ambivalenz, während Fassbinder auf eine wütende Anti-Haltung zurückgriff.

Was dem deutschen Humor im Film vielleicht mit der glorreichen Ausnahme von Helge Schneider oft fehlt, ist die Bereitschaft, wirklich wahnwitzige, absurde Momente zuzulassen. Insbesondere im Vergleich zur amerikanischen Komödie vermisst man oft diese Augenblicke, die man immer und immer wieder zitieren oder nachspielen will. Doch genau diese Momente entstehen in Toni Erdmann an manchen Stellen, gerade wegen der Schamlosigkeit des Schamgefühls im Films. Der Einbruch der Fassaden geschieht im unerwartetsten Augenblick. Dabei kann man nicht übersehen, dass die Komödie beziehungsweise die versuchte Komödie eine große Traurigkeit enthält. Sie hat damit zu tun, dass es zwar um Entblößung, nicht aber um Bloßstellung geht. Der Humor von Ade liebt den Menschen. Statt schwarzer und bitterböser Auswüchse der Komik im österreichischen, dänischen oder eben rumänischen Film gibt es hier eine gewisse Süßlichkeit. Die Vermischung von Furzkissen-Humor, Sparwitzen, Slapstick-Einlagen, beinahe surrealen Augenblicken und diesen Peinlichkeiten führt aber dazu, dass man nur schwerlich von einer bestimmten Art des Humors sprechen kann. Vielmehr durchläuft der Film eine Humor-Geschichte, die immer wieder auf den Druck, die Einsamkeit oder die Ernsthaftigkeit trifft. Vielleicht kann man gerade darin einen deutschen Humor finden, in der Geschichte seines Scheiterns. Das gilt auch für die in sich aufgehende Konstruktion der Figuren, die nicht durch Zufälle und Willkür in witzige Situationen geraten (wie dies zum Beispiel im amerikanischen oder osteuropäischen Kino beständig passiert), sondern aufgrund einer psychologischen Figurenzeichnung, die im Witz etwas über die Figuren erfahren will. Es ist ein Humor, durch den man durchsehen kann. Auf den ersten Blick funktioniert er nicht, auf den zweiten funktioniert er besser, auf den dritten will man nicht mehr ohne ihn sein. Es mag auch als typisch deutsch anmuten, dass man nach einem Film die Lust verspürt, den Humor zu analysieren.


(Bild aus Zeit der Kannibalen von Johannes Naber; Copyright: Farbfilm-Verleih)

Ein weiterer Aspekt des Humors, den das deutsche Kino (und Fernsehen) nun wirklich beherrscht, ist die Satire. Im Fall von Toni Erdmann werden verschiedene Praktiken und Charaktere der modernen Kapitalismuslandschaft satirisch thematisiert. Wer jüngere deutsche Filme wie Zeit der Kannibalen oder Stromberg - Der Film gesehen hat, weiß um diese Qualität des deutschen Kinos. In der Satire wird das kritische Potenzial der Komödie freigelegt, aber auch die Möglichkeit einer Schilderung der Gegenwart. Und hier liegt dann doch die wirkliche Qualität von Toni Erdmann. Nicht in seinem Humor, sondern in seiner Verwendung von Humor. Der Film ist weniger eine Komödie, als ein Drama über die Komik. Warum man ihn überhaupt in eine dieser Schablonen pressen muss, ist eine andere Frage. Ein Film, der fragt, ob wir noch Platz für schlechte und gute Witze haben. Dabei wagt Maren Ade einen mal mehr und mal weniger gelungenen Balanceakt zwischen Überzeichnung und Realismus, Vereinfachung und Komplexität, Komödie und Drama. Was man sie also fragen müsste: Ist ihr Film ein neuer Schritt für die deutsche Traurigkeit?

(Patrick Holzapfel)